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Kindern Zeit geben

Gymnasium? Realschule? Werkrealschule? – Wenn Eltern entscheiden müssen, in welcher Schulart ihr Nachwuchs nach der Grundschule weiterlernen soll, kommt diese Festlegung für viele Kinder noch ein bisschen früh. Die Orientierungsstufe an der SRH Stephen-Hawking-Schule bietet eine Alternative.

Eine ganze Etage, reserviert für die 115 Fünft- und Sechstklässler der Schule: Die Orientierungsstufe an der SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd ist ein eigener kleiner Lernkosmos. Selbst im eigenen Hause, das seinen insgesamt 850 Schülern viele innovative Lernoptionen bietet, gilt es als einzigartiges Konzept. Denn während in den meisten weiterführenden Schulen in Baden-Württemberg die Zehnjährigen nach der Grundschule auf eine Schulart festgelegt werden, drücken hier in der fünften und sechsten Klasse Schüler mit unterschiedlicher Begabung erfolgreich gemeinsam die Schulbank. Egal ob mit oder ohne Behinderung und vor allem ziemlich unabhängig davon, welche Schul­empfehlung sie bekommen haben. 
„Orientierungsstufe heißt nicht, dass wir die Grundschulempfehlung aushebeln wollen oder dass wir unsere Schüler jeden Tag in bunte Lerngruppen zusammenwürfeln“, betont Elisabeth Rothfuss, Fachschulrätin und pädagogische Leiterin für die Klassen fünf und sechs an der SRH Stephen-Hawking-Schule. „Es geht uns vielmehr darum, jedem Kind die Chance zu geben, sich in seinem eigenen Tempo optimal zu entfalten. Viele der Schüler wissen beim Eintritt in die fünfte Klasse noch gar nicht, was wirklich in ihnen steckt“, stellt sie fest.

So hätten nicht wenige Kinder mit Handicap viel Zeit durch Therapien und Klinikaufenthalte verloren oder seien durch die Behinderung noch nicht so selbstständig oder selbstbewusst wie Gleichaltrige. Andere Viertklässler, deren Eltern sich für die SRH Stephen-Hawking-Schule entscheiden, hätten Probleme mit Schüchternheit oder mit einer Lernschwäche, die sie bremst. Die Orientierungsstufe verschafft jedem Kind zwei Jahre zusätzlich Zeit, sich individuell zu entwickeln, bevor die Weichen für die schulische Zukunft erneut gestellt werden.

Schulartübergreifend lernen

Seit 2013 ist in Neckargemünd die Orientierungsstufe am Start. Grundsätzlich gibt es für die aktuell 115 Schüler der Klassenstufen fünf und sechs Züge für Gymna­sias­ten, Real-, Werkreal- und Förderschüler. Insgesamt sind es 14 Schulklassen, jede mit eigenem Klassen­raum und -lehrer. Beim Unterricht aber bilden immer zwei Klassen aus benachbarten Schularten ein Team. Er wird pro Team und Fach grundsätzlich in zwei Niveau­stufen angeboten. Das Besondere: In welcher Stufe ein Schüler teilnimmt, orientiert sich nicht an der zugewie­senen Schulart, sondern an seinem Lernstand und Leistungsvermögen. So kann zum Beispiel ein im Rechnen begabter Schüler den Matheunterricht auf Gymnasial­niveau besuchen, während er in Deutsch mit dem Realschulniveau besser klarkommt. Durch dieses System lässt sich auf die Stärken und Schwächen jedes Kindes eingehen.

„Bis zu den Herbstferien geben wir jedem Team erst einmal Zeit, sich kennenzulernen“, erklärt Rothfuss. Danach entscheiden die Klassen- und Fachlehrer, welcher Schüler mehr gefordert oder gezielt gefördert werden sollte und wie viel Unterricht gemeinsam stattfindet. Denn da, wo es Fach und Thema erlauben, sollen die Schüler eines Teams auch so oft wie möglich zusammen lernen: Während zum Beispiel Katrin Mayer, Klassen­lehrerin einer Werkrealklasse, mit allen Teamkindern in Geschichte Fragen zum Nil, den Hieroglyphen und der Sphinx durchgeht, macht sich Isolde Mang-Bähr, Klassenlehrerin der dazugehörigen Förderklasse, Notizen zu Wissensstand, Mitarbeit und Kollegialität. Denn beim gemeinschaftlichen Unterricht wird Teamwork und voneinander Lernen großgeschrieben: Da erklärt der eine dem anderen, wie das mit dem Mumifizieren noch einmal ging, und ein Schüler mit Wissenslücke holt sich vom besser informierten Sitznachbarn einen Tipp zu den ägyptischen Gottheiten.

Zusätzlich ist bei jedem Unterricht eine dritte, in Ergo- oder Physiotherapie geschulte Lehrkraft anwesend, um zu helfen, wenn ein Kind verdreht sitzt oder den Stift verkrampft hält. Diese Unterstützung ist besonders bei Kindern mit einer Körperbehinderung wichtig. Einmal die Woche tauscht sich das pädagogische Team darüber aus, wo jedes Kind steht, wo es Fortschritte macht oder wo es vielleicht gerade hakt. Ein Mehr-Augen-Prinzip, von dem alle Schüler der Orientierungsstufe profitieren.

In der Orientierungsstufe hat jedes Kind die Chance, sich im eigenen Tempo optimal zu entfalten.

Elisabeth Rothfuss, pädagogische Leiterin an der SRH Stephen-Hawking-Schule

Isolde Mang-Bähr, Katrin Mayer und Elisabeth Rothfuss (v. l.)

Entwicklung möglich machen

Fließende Übergänge schaffen, die Druck herausnehmen und oft erstaunliches Potenzial herauskitzeln, das ist das Ziel der Orientierungsstufe. Es gilt im Klassenzimmer und in den Aufenthaltsräumen. Jedes Team hat einen Raum für sich, 20 Quadratmeter mit Puzzles und Lernspielen, Bastelmaterial und Farbtuben, Büchern und Leseecken. „In den Pausen und nachmittags entstehen hier ganz besondere Freundschaften“, sagt Elisabeth Rothfuss und berichtet vom technikbegeisterten Gymnasiasten und dem Zeichengenie aus der Realschulklasse, die wochenlang fieberhaft gemeinsam an einer Abschlussarbeit für die Trickfilm-AG gebastelt und sich dabei viel voneinander abgeguckt haben. Im herkömmlichen Schulsystem wären sie einander nie begegnet.

Nach der sechsten Klasse trennen sich an der SRH Stephen-Hawking-Schule die Wege von Gymna­siasten, Real-, Werkreal- und Förderschülern, zumindest was Unterricht und Lehrplan betrifft. „Ziel der Orientierungsstufe bis zum Ende der sechsten Klasse ist, dass die Schüler bis dahin ihre Potenziale so entwickelt haben, dass die weitere Schullaufbahn gelingt und dass sie im für sie passenden Bildungsgang weiterlernen“, stellt Rothfuss fest. Die Schule und die Freunde bleiben auch in der weiteren Schullaufbahn fester Rahmen – und die Erfahrung, zu einer starken Gemeinschaft zu gehören. 

Text Kristina Junker Fotos Andreas Henn

Schüler aus dem Real- und Werkrealschulteam beim Werken mit Lehrer Steffen Häußermann.

Die SRH Stephen-Haw-king-Schule, an der Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen, bietet elf verschiede­ne Bildungsgänge von der Grundschule bis zum Gymnasium.
www.stephenhawkingschule.de 

Die Werkrealschule ist eine Schulart in Baden-Würt­temberg, die seit 2010 zwischen Hauptschule und Realschule angesiedelt ist. Sie führt bis zur mittleren Reife nach Klasse zehn, lässt aber auch den Hauptschulabschluss nach der neunten Klasse zu. Wie die Hauptschule sieht ihr Bildungsplan eine konsequente Berufsorientierung vor.

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