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Klänge gegen das Vergessen

Die angehenden Ergo­therapeutinnen bauten im Unterricht einfache Musik­instrumente, die im Singkreis mit den Düsseldorfer Senioren zum Einsatz kamen.

Menschen mit Demenz leben meist zurückgezogen in ihrer eigenen Welt. Weil darunter Selbstvertrauen und Lebensqualität leiden, ist es wichtig, Betroffene zu aktivieren und für etwas zu begeistern. Angehenden SRH Ergotherapeutinnen ist das mit Musik gelungen.

Die Sonne strahlt durch die bodentiefen Fenster und taucht den Gemeinschaftsraum in freundliches Licht. 15 Bewohner des Seniorenwohnparks Düsseldorf Lessingplatz sitzen im Kreis – manche auf Stühlen, einige im Rollstuhl. Sie sind zwischen 70 und 102 Jahre alt, die meisten von ihnen haben eine gemeinsame Diagnose: Sie sind an Demenz erkrankt. 

Die Senioren wirken zum Teil apathisch. Unterhaltungen finden so gut wie nicht statt. Vermutlich wissen viele von ihnen nicht, wo sie sind. Auf Außenstehende kann diese Atmosphäre bedrückend wirken – doch Birte Freiheit lässt sich nicht irritieren. Die 23-Jährige ist heute mit drei Kolleginnen zu Besuch in dem Wohnheim im Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk – und sie haben ein Ziel: Mithilfe selbst hergestellter Musikinstrumente wollen die angehenden Ergotherapeutinnen den Demenzkranken aus ihrer Isolation heraushelfen, sie ins Jetzt zurückholen.

Birte Freiheit und die anderen jungen Frauen sind Schülerinnen an der SRH Fachschule für Ergotherapie in Düsseldorf. Die heutige Aktion bildet den Abschluss ihrer Projektarbeit und ist somit ein wichtiger Teil der dreijäh­rigen Ausbildung. „Wie genau wir bei diesem Projekt vorgehen würden, war am Anfang eigentlich noch gar nicht so recht klar“, sagt sie. Denn der Projektunterricht an den SRH Fachschulen gibt zunächst nur einen groben the­matischen Rahmen vor, was in diesem Fall bedeutete, mit Musik den Alltag von demenzkranken Menschen zu erleichtern. Die weitere Planung, Organisation und Umsetzung wiederum mussten sich die Fachschülerinnen unter Anleitung selbst erarbeiten. „Im Vorfeld sammelten wir Informa­tionsmaterial, sprachen mit Angehörigen von Betroffenen und diskutierten über die Probleme, die diese Erkrankung mit sich bringt“, erklärt Birte Freiheit. „Schnell wurde uns klar, dass das Schlimmste an der Demenz ist, dass sich die Menschen häufig sehr stark zurückziehen.“

„Die Reaktionen der Menschen zeigen, dass wir mit unserer Arbeit wirklich etwas erreichen können.“
Birte Freiheit, Fachschülerin der Ergotherapie

Musikinstrumente Marke Eigenbau

Ergotherapeuten unterstützen Menschen jeden Alters, die ihren Alltag nur eingeschränkt meistern können. Sie arbeiten in Kliniken, Rehabilitationseinrichtungen, Einrichtungen für Behinderte oder Ältere, Kindergärten und in der Prävention. „Wir legen großen Wert darauf, Theorie und Praxis schon frühzeitig zu verknüpfen, um so soziale Kompetenzen zu fördern“, erklärt Jochen Hüttemann, Leiter der SRH Fachschule für Ergotherapie in Düsseldorf. Und zur schulischen Ausbildung gehört in diesem Fall auch, dass Birte Freiheit und ihre Mitschülerinnen die Musikins­trumente für den therapeutischen Einsatz selbst ­herstell­-ten. So entstanden im Unterricht Regenmacher – eine Art Rassel – aus Pappe. PVC-Rohre wurden Trommeln, Backpapier diente als Ersatz für den Fellbezug. Holzstücke an einer Kordel wurden zu Klanghölzern. „Wichtig war, dass die Ins­trumente leicht zu bedienen sind und man keine musikalischen Vorkenntnisse benötigt“, sagt Birte Freiheit.Und die Mühe hat sich gelohnt: Als die Fachschülerinnen im Seniorenheim ihre Instrumente auspacken und verteilen, entsteht der erste zaghafte Kontakt. Ein Erfolg, denn die Demenzerkrankung ist bei den Bewohnern unterschiedlich weit fortgeschritten. Nur wenige sind geistig noch völlig gesund, die meisten sind durch die reine verbale Ansprache gar nicht mehr zu erreichen.

Bevor es richtig losgeht, besprechen sich die Schülerinnen noch mit Pflegedienstleiterin Alma Krvavac. Besonders Demenzkranke reagieren nämlich oft unerwartet auf neue Impulse. „Wenn sie sich überfordert fühlen, kann es schon mal passieren, dass sie einfach aufstehen oder plötzlich anfangen zu weinen“, beschreibt Krvavac ihre Erfahrungen. Gerade bei der Arbeit mit Menschen, die sich nicht oder nur schwer ausdrücken können, sei es wichtig, Rücksprache mit jemandem zu halten, der sie kennt und im Vorfeld auf mögliche Schwierigkeiten hinweisen kann.

Die Musik wirkt

Dass Musik selbst auf Menschen mit fortgeschrittener Demenz positive Effekte hat, ist durch zahlreiche Studien belegt. Auch Alma Krvavac kennt das: „Es ist schon erstaunlich: Viele der Bewohner hier vergessen die Namen ihrer Angehörigen oder können sich kaum noch an ihr früheres Leben erinnern. Aber Lieder aus der Kindheit sind manchmal noch vollkommen präsent und abrufbar.“ Und tatsächlich: Als die Düsseldorfer Fachschülerinnen den Text von „Alle Vögel sind schon da“ anstimmen und mit den Trommeln den Takt vorgeben, stimmen die ersten Heimbewohner gesanglich mit ein und begleiten das Lied mit ihren Instrumenten. Auch bei Volksliedern wie „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ fällt es den Senioren nicht schwer zu folgen. Von Lied zu Lied bricht das Eis weiter, bis die Wirkung der Musik nicht mehr zu übersehen ist. Zuvor müde Gesichtszüge werden lebendig, hier und da wird gelacht. Schließlich singen sogar diejenigen Bewohner aufmerksam und textsicher mit, die zuvor noch mit leerem Ausdruck in den Augen geschwiegen hatten.

Vor allem die älteste Teilnehmerin des Singkreises zeigte mit ihren 102 Jahren, was noch in ihr steckt. „Sie ist beim Musizieren regelrecht aufgeblüht – dieses Strahlen zeigt, dass wir mit unserer Arbeit wirklich etwas erreichen können“, freut sich Birte Freiheit. Überhaupt sei sie mit dem Ergebnis dieses Tages sehr glücklich. „Der direkte Kontakt mit Demenzkranken war eine absolute Bereicherung für mich, und die Dankbarkeit der Heimbewohner hat mich sehr berührt.“ Auch Heimleiterin Daniela Kühl ist zufrieden: „Das war ein wunderbares Erlebnis, bei dem alle Beteiligten sehr viel Spaß hatten.“ Die mitgebrachten Instrumente dürfen die Bewohner behalten. Daniela Kühl: „Die werden wir weiterhin ausgiebig nutzen.“ 

Text Julian Kerkhoff

Ergotherapeut werden

Neben Physiotherapie und Logopädie gehört die Ergotherapie zu einer der wichtigsten Disziplinen in der Prävention und Rehabilitation. Schwerpunkt der Ergo­therapie-Ausbildung an den SRH Fachschulen ist die Vermittlung von berufsnahen und aktuellen Behandlungsmethoden. Die Ausbildung dauert drei Jahre und wird mit dem Examen zum Staatlich anerkannten Ergotherapeuten abgeschlossen. Danach arbeiten die Absolventen zum Beispiel in sozialen, medizinischen und beruflichen Rehabilitationseinrichtungen oder in Behindertenwerkstätten. Die SRH Fachschulen bieten zudem zusätzlich zur Ausbildung ein Studium – etwa im Gesundheitsmanagement. So lassen sich zwei Abschlüsse innerhalb von vier Jahren erwerben. 

Eine Ergotherapie-Ausbildung bei der SRH kann in Düsseldorf (nächste Start-Termine: 1. Februar und 1. Juli 2016) und in Karlsbad-Langensteinbach (29. März 2016) absolviert werden.

www.fachschulen-gesundheit.de

Demenz ist der Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die das Gehirn angreifen und dadurch nach und nach das Denk-, Erinnerungs- und Beurteilungsvermögen der Betroffenen zerstören. Bis zu 1,6 Millionen Menschen sind heute in Deutschland an Demenz erkrankt. Tendenz: stark steigend.

Mit einer aktuellen Studie von 2015 haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig gemeinsam mit der Universität Amsterdam und dem französischen Gesundheits- und Medizininstitut Inserm erstmals das Musikgedächtnis loka­lisiert. Sie konnten zeigen, dass dieses Gehirnareal selbst bei Patienten mit schwerer Demenz weitgehend erhalten bleibt. Daher kann Musik oft eine Hilfe sein, an ­Gedächtnisinhalte wieder anzuknüpfen und Emotionen und Eindrücke zu beleben. Ebenso kann es zur Wiederentdeckung automatisierter Fähigkeiten kommen, sodass die Betroffenen manchmal Liedzeilen mitsingen können, obwohl ihnen das Sprechen sonst nahezu unmöglich geworden ist.

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