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Kräfte wecken

Manche Menschen gehen mit Krisen besser um als andere. Diese Fähigkeit, schwierige Lebenslagen gut zu bewältigen, ist auch im Alltag sehr nützlich – und lässt sich trainieren.

Eine schwere Erkrankung, Kündigung, Trennung, Ärger im Beruf, Mobbing durch Mitschüler: Belastungen, an denen manche Menschen schwer zu knabbern haben und bei denen sie lange brauchen, bis sie wieder auf die Füße kommen. Andere dagegen bewältigen Krisen mit großer Ruhe, schöpfen schnell wieder Mut und gehen sogar gestärkt aus ihnen hervor. Fachleute nennen diese Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen zu meistern, ­Resilienz. Das kommt vom lateinischen „resilio“ – zurückspringen, abprallen – und steht für die innere Stärke eines Menschen. Und die ist bei jedem anders ausgeprägt.
Seelische Widerstandsfähigkeit hilft einem nicht nur, die wirklich großen Krisen im Leben besser zu meistern, sondern auch schwierige Situationen im Alltag zu stemmen. „Tempo, Verantwortung und Aufgabendichte im Beruf steigen immer weiter“, stellt Franka Bruckner fest. Sie arbeitet bei den Beruflichen Trainingszen­tren des Berufsbildungswerkes Sachsen in Dresden, Leipzig und Cottbus in der Geschäftsbereichsentwicklung. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung von 2013 bestätigt den Zusammenhang von psychosomatischen Beschwerden und innerer Stärke: Menschen mit guter Resilienz fühlen sich demnach deutlich leistungsfähiger, sind emotional weniger erschöpft und berichten seltener von Burn­out-Symptomen und psychosomatischen Beschwerden.
Resiliente Menschen kommen mit dem aktuell ­rasanten technischen und gesellschaftlichen Wandel – wie etwa der Globalisierung und der Digitalisierung – besser zurecht, weil sie Schwierigkeiten eher als Her­aus­forderungen und Chancen betrachten und aktiver an­gehen. Wenn sich Probleme häufen, behalten sie ­einen kühlen Kopf, analysieren und handeln. Scheitern ist für sie kein Weltuntergang, denn sie verlieren sich nicht in schlechten Gefühlen. Weniger widerstandsfähige Menschen dagegen beißen sich gerne an einem Problem fest. Sie sehen die Krise, aber nicht die Lösung, bewerten die Lage als Belastung, fühlen sich ihr nicht gewachsen und damit gestresst. Das erschöpft.

Kinder zu starken Menschen machen

Resilienz an sich ist zwar kein neues Thema, doch ist sie in den letzten Jahren stärker ins Licht der Öffentlichkeit gerückt als früher, beobachtet Franka Bruckner. „Immer mehr Psychologen, Mediziner, Trainer, ­Unternehmen und auch Arbeitnehmer beschäftigen sich mit dem seelischen Immunsystem.“ Resilienz und Achtsamkeit waren beherrschende Themen bei den diesjährigen Expertentreffen in den BTZen Dresden, Leipzig und Cottbus. Denn: Widerstandsfähigkeit lässt sich trainieren. Studien zeigen, dass Resilienz nur teilweise in den Genen steckt. Der größere Teil wird gelernt. Die Basis wird dabei schon in der frühen Jugend gelegt: Kinder, die mit einer Bezugsperson aufwachsen, die ihnen Halt gibt und sie in ihrem Selbstwert ­be­stä­tigt, entwickeln mehr ­innere Stärke als Kinder ohne die­sen Rückhalt. Der Nachwuchs lernt von Vorbildern, die ihm zeigen, wie Probleme gut gelöst werden können. Das Selbstwertgefühl wird auch gefestigt, indem ein Kind selbstständig Aufgaben übernimmt. Bewältigt es sie erfolgreich, lernt das Kind, dass es etwas bewirken kann. Im Laufe eines Lebens entwickelt sich die see­lische Widerstandskraft weiter. Zum Beispiel durch Er­fahrungen: Gut gelöste Lebenskrisen stärken einen ­Menschen und wappnen ihn für die nächsten Herausforderungen. Schlecht verarbeitete Erlebnisse dagegen schwächen die Resilienz.

Vieles verhilft zu innerer Stärke

Wer sein seelisches Immunsystem stärken will, konzen­triert sich am besten auf sogenannte persönliche Resi­lienzfaktoren. Sie wirken zusammen und bestimmen, wie gut jemand mit Krisensituationen umgehen kann: Mit einer guten Selbst- und Fremdwahrnehmung spürt ein Mensch die eigenen Gefühle und ist sich seiner Gedanken bewusst. Er kann nicht nur einordnen, wie es ihm selbst geht, sondern ist auch ein passabler Beobachter seiner Umwelt. Wer eine schlechte Selbst- oder Fremdwahrnehmung hat, nimmt zum Beispiel Schwierigkeiten und auch mögliche Lösungen verzerrt wahr.Wer über eine angemessene Selbststeuerungsfähig­keit verfügt, kann mit Gefühlen umgehen und hat sich recht gut im Griff. Er weiß, was ihm hilft, um sich abzuregen, Ängste zu regulieren, zu entspannen.Eine positive Selbstwirksamkeits­erwartung ist das Gegenteil von Schicksalsgläubigkeit. Man kennt seine Stärken und glaubt daran, selbst etwas bewegen zu können. Menschen mit einer negativen Selbstwirksamkeitserwartung fühlen sich ausgeliefert und ohnmächtig. Sie bleiben passiv, weil sie „ja eh nichts ändern können“.Soziale Kompetenzen ermöglichen es Menschen, auf andere zuzugehen, sich einzufühlen, ein unterstützendes Netzwerk aufzubauen und Konflikte sinnvoll zu lösen. Gute Bewältigungsfähigkeiten helfen Menschen, angemessen mit Stress umzugehen. Man erkennt belastende Situationen, verfügt über Strategien, Druck raus­zunehmen und gut für sich zu sorgen. Menschen ohne diese Fähigkeiten bemerken oft gar nicht die Signale des Körpers oder erkennen zu spät, dass sie Hilfe brauchen.Menschen mit einer guten Problemlösekompetenz können sich realistische Ziele setzen und sie verfolgen. Sie beißen sich nicht an einem Lösungsweg fest, sondern erkennen, wann es Zeit ist, eine alternative Route einzuschlagen.Bei jedem Menschen sind diese Faktoren unterschiedlich ausgeprägt, alle lassen sich aber trainieren (siehe Kasten): „Manche Teilnehmer unserer beruflichen Trainings bringen zum Beispiel viele schlechte Erfah­rungen im Job mit“, berichtet BTZ-Mitarbeiterin Franka Bruck­ner. „Wir beraten und unterstützen sie beim Erreichen individueller Ziele. Das schafft Erfolgserlebnisse und kann die Selbstwirksamkeitsüberzeugung stärken.“ In sozialen Kompetenztrainings arbeiten die Teilnehmer eigene Ressourcen heraus und trainieren den Umgang mit anderen. In psychosozialen Einzelgesprächen werden ­Krisen reflektiert und die Selbstwahrnehmung geschult. „Es ist also nie zu spät, Resilienz zu entwickeln“, meint Bruckner. „Ein guter Anfang ist die Bereitschaft, alte Denkmuster zu hinterfragen und zu verändern.“  

Text Ulrike Heitze
Foto: Irina Rogova / shutterstock

„Es ist nie zu spät, Resilienz zu entwickeln.“

Franka Bruckner, Geschäftsbereichsentwicklerin in den Beruflichen Trainingszentren Dresden, Leipzig und Cottbus

In den vier Beruflichen Trainingszentren (BTZ) des Berufsbildungswerkes Sachsen in Leipzig, Dresden, Cottbus und Rostock erhalten Menschen, die nach einer psychischen Erkrankung zurück ins ­Berufsleben wollen, eine besondere Starthilfe: In auf ihre in­dividuelle Leistungsfähigkeit ­zugeschnittenen Trainings entwickeln die Menschen beruf­liche Perspektiven und arbeiten darauf hin. Alternativ werden sie in berufsvorbereitenden ­Bildungsmaßnahmen für eine Ausbildung qualifiziert.

www.berufliche-trainingszentren.de

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