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Bildung12.06.2012

Neurorehabilitation eint viele Disziplinen

Master nach Mass

Mit personalisierten Therapiekonzepten können Patienten mit neurologischen Erkrankungen vor einer dauerhaften Behinderung bewahrt werden. Wie das geht, lernen Studierende an der SRH Fachhochschule für Gesundheit in Gera. Der in Deutschland einmalige Masterstudiengang Neurorehabilitation startete im April 2012.

Der Schlaganfall ist nach Krebs und Herzinfarkt die häufigste Todesursache in den Industrieländern. Oftmals sind diejenigen, die überleben, ihr Leben lang auf Pflege angewiesen. In vielen Fällen ließe sich das vermeiden, meint Prof. Dr. Jan Mehrholz, Studiengangsleiter Neurorehabilitation an der SRH Fachhochschule für Gesundheit in Gera: „Wenn die Betroffenen in den ersten sechs Stunden nach dem Schlaganfall akutmedizinisch versorgt und während der anschließenden stationären Rehabilitation richtig therapiert werden, finden sie häufig zurück ins normale Leben.“ Allerdings fehle es vielerorts an geeigneten Fachkräften, die ein schlüssiges Therapiekonzept erarbeiten und dem Arzt beratend zur Seite stehen.

Der neue Studiengang Neurorehabilitation soll helfen, diese Lücke zu schließen. Er verzahnt die Disziplinen Medizin, Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie und Pflege miteinander und ermöglicht den Absolventen so einen ganzheitlichen Blick auf den Patienten. Zudem lernen die Studierenden, etwa im Rahmen von Projekten und Studien, wissenschaftlich zu arbeiten. „Das heißt, sie erfahren, welche Therapien für welche Patienten geeignet sind und weshalb“, erklärt Prof. Mehrholz.

Der Studiengang ist strikt praxisorientiert. Die Studierenden lernen direkt in kooperierenden Rehabilitationskliniken und nicht im Hörsaal, und die Dozenten sind Experten, die selbst in der Klinik tätig sind.

Zusammenhänge verstehen

Mit diesem engen Praxisbezug könne man die komplexen Zusammenhänge bei Lähmungserscheinungen am besten begreiflich machen, erläutert Mehrholz. Wird beispielsweise ein Schlaganfallpatient eingeliefert, muss das behandelnde Team innerhalb weniger Stunden klären, ob er eine Schluckstörung hat. Leidet er unter einer solchen Lähmungserscheinung, könnte Speichel in die Lunge gelangen und dort eine hochaggressive Lungenentzündung auslösen. Deshalb sind umgehend Maßnahmen zu treffen, die dies verhindern.
Viele Komplikationen ließen sich nach Meinung von Mehrholz vermeiden, wenn diese Zusammenhänge besser verstanden und Therapien aufeinander abgestimmt würden. „Das Problem ist nur, dass viele neue Therapieansätze noch gar nicht in der Lehre angekommen sind“, sagt Prof. Mehrholz. Bestes Beispiel ist die Spiegeltherapie. Hier wird das Gehirn des Patienten im wahrsten Sinne ausgetrickst. Ein Rehabilitand mit einem gelähmten rechten Arm setzt sich vor einen Spiegel, und zwar so, dass er nur seine linke Körperhälfte sieht. Dann beginnt er, den linken Arm zu bewegen und diese Bewegungen zu beobachten. In diesem Moment gaukelt das Spiegelbild dem Gehirn einen gesunden rechten Arm vor. Durch bloßes Betrachten lassen sich auf diese Weise Hirnstrukturen aktivieren und motorische Funktionen verbessern. Im Rahmen eines anderthalbjährigen Forschungsprojekts hat ein Team unter Leitung von Prof. Mehrholz die Wirksamkeit der Methode systematisch überprüft und sämtliche Studien dazu weltweit gesucht und statistisch ausgewertet. „Wir fanden heraus, dass dieser Ansatz nicht nur helfen kann, einen gelähmten Arm zu reaktivieren, sondern auch Schmerzen effektiv zu verringern.“

Therapie ersetzt Schmerzmittel

Denn tatsächlich leidet jeder dritte neurologisch Erkrankte unter Schmerzen. Meist nehmen die Patienten Opiate ein, schmerzstillende Arzneimittel, die, über einen längeren Zeitraum eingenommen, abhängig machen. Die Spiegeltherapie könnte in vielen Fällen eine sinnvolle Alternative für die medikamentöse Schmerzbehandlung sein, meint Prof. Mehrholz und ergänzt: „Die Ergebnisse unseres Projekts belegen, wie wichtig wissenschaftliches Arbeiten ist, um die praktische Therapie stetig zu verbessern.“

Bei seinen Forschungsprojekten, wie dem zur Spiegeltherapie, orientiert er sich an den weltweit anerkannten Vorgaben der Cochrane Collaboration. Im Kern heißt dies: Der Nutzen einer Therapie muss durch Studien eindeutig gestützt sein, was zum Teil aufwendige Recherchen und Analysen erfordert. Die Ergebnisse fließen in die Lehre von Prof. Mehrholz ein, der neben Neurorehabilitation auch die Studiengänge Ergo- und Physiotherapie leitet. „Ich möchte meine Studierenden für die Wissenschaft begeistern und ihnen Anregungen geben, etwa indem ich ständig neue Erkenntnisse aus der Forschung in Vorlesungen und Seminare einbringe.“ Zugute kommt ihm dabei seine Tätigkeit als einer von drei Herausgebern der Fachzeitschrift „Neuroreha“ sowie als Mitherausgeber der renommierten Cochrane Stroke Group.

Deutschland geht voran

Im internationalen Vergleich sieht er Deutschland in der Neurorehabilitation als eine der führenden Nationen. „Wir haben hierzulande ein weltweit einzigartiges System, eine hohe Dichte an Kliniken und auch einen sozialversicherungsrechtlichen Anspruch auf Rehabilitation.“ Das sei in den USA beispielsweise nicht so – trotz „Obamacare“. Dennoch sieht er selbst hierzulande Verbesserungsbedarf, denn die Landschaft der Neurorehabilitation sei dabei, sich zu verändern. Fast 80 Prozent der Betroffenen sind älter als 60 Jahre, und durch den demografischen Wandel wird die Zahl der Schlaganfälle rapide zunehmen. Auch immer mehr Frauen sind betroffen, da ihre Lebenserwartung die der Männer um fünf Jahre übersteigt.

Viele Rehabilitationskliniken sind jedoch noch nicht auf diese steigende Zahl an Schlaganfallpatienten vorbereitet. Mit Ärzten allein ließe sich dieses Defizit auch nicht beheben, meint Rehabilitationsexperte Mehrholz. Ihm schwebt vielmehr eine Art Therapiemanager vor – jemand, der sich in der Rehabilitation und der Medizin gleichermaßen auskennt. Ein solcher Manager könnte die Arbeit des Arztes sehr gut ergänzen – gerade in Zeiten des Fachärztemangels. Im Tandem könnten sie personalisierte Therapiekonzepte erarbeiten, bei denen die Betroffenen gewissermaßen in eine Lernumgebung eingebettet sind. Ideal wäre für Prof. Mehrholz ein individuelles Tagesprogramm, bei dem jeder Pflegebedürftige die für ihn wichtigen Alltagstätigkeiten trainiert, angefangen mit dem Aufstehen am Morgen bis zum Zubettgehen am Abend. „Leider sieht die Realität heute vielerorts anders aus. Manche Patienten verbringen zwei Stunden in Therapie und den Rest des Tages sitzend, zum Beispiel vor dem Fernseher.“ Doch um die Therapiezeit optimal zu nutzen, braucht es entsprechend geschultes Personal. In dem neuen Studium sieht Prof. Mehrholz daher einen ersten Schritt in die richtige Richtung.

Georg Haiber

Master im Profil

Das Masterstudium Neurorehabilitation ist modular aufgebaut und dauert drei Jahre inklusive eines Praxissemesters sowie eines Semesters, in dem die Studierenden eine Abschlussarbeit im Rahmen eines konkreten Forschungsprojekts anfertigen. Den Abschluss bildet der Master of Science.

Herausragendes Kennzeichen ist der hohe Praxisanteil. So arbeitet die Gesundheitshochschule eng mit den Partnerkliniken, der Klinik Bavaria Kreischa, der Brandenburgklinik in Bernau bei Berlin und dem Neurologischen Rehabilitationszentrum Leipzig, zusammen. Es ist möglich, das Studium begleitend zu Beruf oder Ausbildung zu absolvieren.

www.srh-gesundheitshochschule.de

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