direkt zum Inhalt

Musik verbindet

Die Berliner Hardrockband Demora

Hip-Hop, Rap, Afrofunk, Singer-Songwriter-Ballade und Rock – Studenten und Dozenten der SRH Hochschule der populären Künste produzierten gemeinsam mit Geflüchteten eine abwechslungsreiche CD mit eigenen Liedern. Auf einem Benefizkonzert stellten sie in Berlin ihre „Songs for Refugees“ vor.

Haare fliegen – vor und auf der Bühne –, als Robin Beker, Medienmanagement-Student und Frontmann der Berliner Hardrockband Demora, in die Saiten seiner Gitarre haut und wuchtig den Song „Wuhoa“ anstimmt. Gut 200 Köpfe wippen im Takt. Der „Privatclub“ im trendigen Berlin-Kreuzberg ist an diesem Samstagabend im Januar proppenvoll und ausverkauft. Das Benefizkonzert ist vorläufiger Höhepunkt des Projektes „Songs for Refugees“: Dabei haben Studenten und Dozenten der SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) gemeinsam mit Flüchtlingen aus Syrien und Pakistan eine CD mit 13 Titeln zusammengestellt und präsentieren sie an diesem Abend. Irgendwann im Laufe des Abends wird es ganz still im Publikum. Die Musiker räumen die Bühne, auf der Rück­wand wird ein Schwarz-Weiß-Video gezeigt. Mohammad Aleiyo, ein junger syrischer Musiker, singt eindrucksvoll auf Arabisch von seiner Flucht übers offene Meer, hdpk-Studenten und weitere Flüchtlinge stimmen auf Englisch ein. Es ist das Video zum Titelsong der CD „Moving“. Das Lied erzählt davon, wie es sich anfühlt, wenn man seine Heimat zurücklassen muss und ins Ungewisse aufbricht. Es wirbt um Verständnis und Verständigung.

Bunte Mischung 

Seinen Anfang genommen hat das Projekt „Songs for Refugees“ im Studiengang Musikproduktion. Für das fünfte Semester stand der Praxisteil im Fach Projektorganisation an. „Die Studenten haben vorgeschlagen, eine CD zu produzieren und den Erlös für die Flüchtlingshilfe zu spenden“, berichtet Claus-Dieter Bandorf, Dozent für Klavier, Keyboards und Ensemble an der hdpk und Leiter des CD-Projekts, nicht ohne Stolz. „Sie hätten sich auch für etwas viel weniger Aufwendiges entscheiden können. Einen Stummfilm live vertonen oder eine Spiel­show inszenieren. Aber die Studenten wollten sich ernsthaft engagieren. Das finde ich sehr schön.“

Gesagt, getan: Mitte Oktober 2015 wurden die Studenten aller Fachrichtungen der hdpk um eine „Liederspende“ gebeten. Und tatsächlich, an einer Hochschule, an der sich fast alles um Musik und Kreativität dreht (siehe Kasten Seite 14), haben tatsächlich viele Studenten fertige Kompositionen in der Schublade. Nach drei Wochen waren 26 Lieder eingereicht worden. 

Demokratisch einigten sich Studenten und Dozenten auf zwölf Titel, die es auf die CD schafften. Ein spannender Mix aus vielen Stilrichtungen: vom kräftigen Rock über gefühlvolle Balladen und Hip-Hop bis zum schwungvollen Saxofon-Funk. Die Solisten und Bands singen auf Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch über das ­Leben, Scheitern und Ankommen.

„Ahlan wa sahlan. Open your Mind. We won’t give in. Ahlan wa sahlan.“ – „Willkommen. Seid offen. Wir werden nicht aufgeben. Willkommen.“

Auszug aus dem von den Studenten komponierten Titelsong „Moving“

Betroffene zu Wort kommen lassen

Der 13. Song entstand eigens für die CD. Als Gemeinschaftsarbeit im Arrangement- und Kompositionskurs des vierten Semesters. Vom Schreiben der Texte übers Komponieren der Musik bis zum Einspielen und Mixen brachten die Studenten hier aktiv alles ein, worum es in ihrem Studium geht. Das Besondere daran: Sie wollten nicht nur über Geflüchtete, sondern mit ihnen Musik machen. 

Über Flüchtlingsorganisationen und private Kontakte luden die Studenten Flüchtlinge ein. „Es hat einen Moment gedauert, bis sie Vertrauen gefasst hatten, aber dann waren sie mit so viel Begeisterung dabei“, berichtet Catharina Schorling, die Musikproduktion studiert und bei „Moving“ Klavier spielt. „Sie waren so engagiert und freundlich, obwohl es in ihrem Leben gerade so viel Ungewissheit und Probleme gibt. Das hat uns sehr beeindruckt und motiviert, trotz der vielen Arbeit bis zum Schluss unser Bestes zu geben.“ So texteten, komponierten und sangen bei „Moving“ acht junge Flüchtlinge mit. Dass nur einer von ihnen Musikerfahrung hat, war kein Hindernis, erklärt Robert Lingnau, Professor für Musik­theorie, Arrangement und Gehörbildung. „Für ‚Moving’ ­haben wir Ideen, Stimmungen, Textfragmente und me­lodische Einfälle gesammelt. Jeder besitzt ein Talent, das sich dafür einsetzen lässt.“

Und so entstand das Lied als deutsch-syrisch-pakistanische Koproduktion, an der rund 35 Personen beteiligt waren. Neben fünf Solisten standen mehr als ein Dutzend Backgroundsänger und eine siebenköpfige Band im Studio. „Als wir das erste Mal mit allen Musikern geprobt haben, hatte das eine enorme Wirkung“, erinnert sich Catharina Schorling. „Zu spüren, dass der Song tatsächlich bewegt, war toll. Uns war ja wichtig, dass er die Gefühlslage der Geflüchteten trifft und keine reine Kopfgeburt von ein paar deutschen Studenten ist.“

Die gesamte Hochschule eingebunden Weil eine CD auch verkauft und vermarktet werden will, holten die Musikstudenten die übrigen Studiengänge ins Boot. „Das Tolle war, dass unendlich viele freiwillig angeboten haben, sich zu beteiligen“, stellt Projektleiter Claus-Dieter Bandorf fest. Manche Studenten konnten im Rahmen ihres Studiums mitmachen und sich so Leistungspunkte erarbeiten. Andere investierten ehrenamtlich viel Freizeit und Herzblut. Einer designte das CD-Cover und das Booklet. Erstsemester aus dem Medien­management stemmten unter den Fittichen eines älteren Kommilitonen die Organisation des Konzertes. Angehende Mediendesigner produzierten Video und Fotos. Andere Studenten entwarfen die Facebook- und Internetseiten und übernahmen die Pressearbeit. Im Dezember kam schließlich die CD heraus, Mitte Januar folgte das Benefizkonzert. Von der ersten Pressung mit 1.000 CDs ist nur noch rund ein Viertel übrig. 

Zwischenzeitlich konnte der Berliner „Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen“ ein erster Scheck über 6.500 Euro übergeben werden. Nach dem Ausklingen dieses Mammutprojektes engagiert sich die hdpk im Moment vor allem über Deutschkurse: 30 Studenten und Dozenten unterrichten jeden Abend ehrenamtlich Geflüchtete. „Ich bin stolz, dass es uns mit „Songs for Refugees“ gelungen ist, so etwas Großes in so kurzer Zeit und in so guter Qualität auf die Beine zu stellen“, zieht Claus-Dieter Bandorf Bilanz. „Es war ein reales Projekt mit einem sehr engen Zeitplan. Da hatten die Studenten wenig Raum für Fehler.“ 

Aber auch wenn nicht alles gleich rundlief, hätten sie dennoch viel gelernt, findet Maxime Shakir, die im fünften Semester Musikproduktion studiert und bei „Moving“ als Solistin singt: „Eben weil es ein echtes Projekt war. Und in jedem Fall ist es ungemein bereichernd, wenn wir mit dem, was uns wichtig ist – nämlich der Musik –, etwas bewegen können. Sie verbindet und überbrückt alle Sprachbarrieren.“ 

Text Ulrike Heitze Fotos Tobias Kruse

Ausschnitt aus dem Video zu „Moving“

Die Hochschule für die Kreativwirtschaft

Die SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) in Berlin-Schöneberg bereitet ihre Studenten auf eine Karriere in der Kultur- und Kreativbranche vor. Demzufolge lässt sich hier alles rund um Musikproduktion und Audiodesign, Medienmanagement und Mediendesign lernen. Neben den theoretischen Grundlagen legt die Hochschule großen Wert auf einen starken Praxisbezug im Studium und ein gut ausgebautes Netzwerk. In den zurzeit vier Bachelorstudiengängen lernen aktuell 560 Studenten aus 20 Nationen. Im Herbst 2016 sollen zusätzlich die Bachelorstudiengänge „Popularmusik“ und „Creative Industries Management“ (in Englisch) sowie zwei Masterstudiengänge – ­Medienpsychologie und Erlebniskommunikation – an den Start gehen. 

www.hdpk.de

www.songsforrefugees.de 

Das Video zu „Moving“ ist auf Youtube zu finden:
https://www.youtube.com/user/hdpkde

Um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, Deutsch zu lernen, bittet die hdpk um Spenden, um zum Beispiel Lehrbücher und Unterrichtsmaterial kaufen zu können. Wer die Hochschule bei ihrem Einsatz unterstützen möchte: 
www.hdpk.de/hochschule/spendenaufruf 

Jede Spende ab 50 Euro wird mit einer CD „Songs for Refugees“ belohnt.

Weitere Artikel "Gesundheit"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Gesundheit" finden Sie hier

Weitere Artikel "Bildung"

Weitere Artikel aus der Rubrik "Bildung" finden Sie hier