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Nachhaltig reisen

Urlaub ja, aber möglichst umwelt- und sozialverträglich. Immer mehr Menschen möchten mit gutem Gewissen Ferien machen. SRH Tourismusexperten erklären, wie das geht.

Möwengeschrei, ab und an munteres Hufgeklapper, Wellenrauschen. Sonst vor allem: Ruhe. Wer eine Auszeit vom lärmenden Alltag sucht, findet sie auf Juist. Auf der nur 16,4 Quadratkilometer großen Nordseeinsel fahren immer schon Pferdekutschen statt Autos und Lastwagen. Bis zum Jahr 2030 möchte Juist als erster deutscher Urlaubsort klimaneutral werden. Das heißt: Mit ihren 1.700 Einwohnern und den jährlich gut 135.000 Touristen will die Insel nicht mehr klimaschädliches Kohlendioxid, kurz CO2, in die Atmosphäre abgeben, als sie an anderer Stelle einsparen kann. Im Jahr 2010 erklärte sich Juist zur Klimainsel. Seither stellt die Gemeinde auf erneuerbare Energien um – möglichst auf der Insel produziert –, spart intensiv Strom und handelt mit der Deutschen Bahn Reisesonderangebote für die Gäste aus.

Das alles auch, um für Urlauber attraktiv zu bleiben. Denn je stärker die negativen Folgen des Massentourismus spürbar werden, umso mehr rückt der nachhaltige Tourismus ins öffentliche Interesse. Die Idee dahinter: so wenig wie möglich auf eine Reiseregion, ihre Natur und Kultur einzuwirken oder ihr gar zu schaden. Laut einer aktuellen Studie für das Bundesumweltministerium legt die Hälfte der Bevölkerung Wert darauf, dass ihre Ferienreise möglichst ökologisch verträglich und ressourcenschonend ist. Das ist gut ein Viertel mehr als noch in der Vorgängerbefragung vor zwei Jahren. Die Sozialverträglichkeit ist sogar für 56 Prozent der Bundesbürger wichtig. Ebenfalls Tendenz steigend.

Doch wie wird aus einem Urlaub ein nachhaltiger? Verschiedenste Gütesiegel weisen die Richtung. Allerdings fehlen bislang einheitliche Standards für rundum umwelt- und sozialverträgliche Angebote. „Allein auf dem europäischen Markt gibt es über 180 verschiedene Siegel“, sagt Ines Carstensen, Professorin im Studiengang für Internationales Tourismus- und Event­management an der SRH Hochschule Berlin. „Das macht es dem Verbraucher schwer, sich zu orientieren.“

Geprüft und für gut befunden

Durchblick im Etikettendickicht will beispielsweise der Bundesverband „Die Verbraucher Initiative e.V.“ schaffen. Auf seiner Webseite www.label-online.de analysiert der gemeinnützige Verein in der Kategorie „Tourismus und Mobilität“ einige Dutzend Gütesiegel: Wann erhalten die Reiseanbieter das jeweilige Label? Wie unabhängig ist die vergebende Organisation? Wie werden Verstöße geahndet? So findet der Nutzer empfehlenswerte Auszeichnungen wie „Tourcert“ für Reiseveranstalter, das „EU Ecolabel“, den „Green Globe Certification Standard“ und den „Green Key“ für Unterkünfte und Freizeitparks oder die „Blaue Flagge“ für nachhaltiges Strandmanagement. Gut 100 Unternehmen haben sich zudem im Verein „forum anders reisen“ zusammengeschlossen und betreiben eine Plattform für nachhaltigen Urlaub.

„Manche Labels fokussieren sich sehr auf ein­zelne Umweltaspekte. Diese könnten inhaltlich noch erweitert werden – in Richtung einer umfassenderen Nachhaltigkeit. Hilfreich wäre mittelfristig eine Art Mindeststandard für Tourismus-Gütesiegel. Ähnlich wie bei Bio-Lebensmitteln“, wünscht sich Christoph Teusch, Referent für Nachhaltigkeit bei der Verbraucher Initiative e. V. in Berlin. Ines Carstensen hat dazu das vom Bundesumweltministerium geförderte Forschungsprojekt „Green Travel Transformation“ initiiert, um mit dem Deutschen Reiseverband eine internationale Standar­di­sierung von Nachhaltigkeitslabels im Tourismus voran­zubringen.

Bis sich einheitliche Kriterien durchsetzen, bleibt festzuhalten: Genau hinschauen lohnt sich – und ein Gütesiegel ist besser als keines. „Zumindest zeigt es, dass ein Anbieter sich Gedanken zum Thema macht“, sagt die Tourismus-Expertin Carstensen. Deshalb empfiehlt sich bei der Urlaubssuche über große Reiseportale immer auch ein Blick auf die hoteleigenen Webseiten, die mögliche Auszeichnungen für umweltbewusste Betriebsführung aufführen. „Verbraucher haben eine Macht, die sie dreifach einsetzen können: bei der Wahl des Einkaufsweges, des Produkts und des Unternehmens“, sagt Teusch von der Verbraucher Initiative e. V. „So ist es auch im Tourismus.“

Schlaue Tipps für einen nachhaltigen Winterurlaub hat das Onlinemagazin Utopia: www.utopia.de (nach Stichwort „Wintersport-Tipps“ suchen).

CO2-freundlich hin und zurück

Jeder Einzelne kann mit seinen Entscheidungen zum umweltfreundlicheren Reisen beitragen. Das beginnt schon mit der Festlegung des Ziels. Nachhaltiger Tourismus verlangt nicht Borkum statt Bali. „Aber für eine Kreuzfahrt oder Fernreise sollte sich ganz bewusst entschieden werden“, sagt Carstensen von der SRH Hochschule Berlin. Vielleicht bietet ein Ziel in Deutschland oder Europa sogar ähnlich Attraktives. Je größer die Entfernung, so empfehlen Umweltexperten, desto länger sollte der Aufenthalt am Urlaubsort sein – ab 700 Kilometer mindestens acht, ab 2.000 Kilometer 15 Tage. Weil der Flugverkehr die Umwelt stark belastet, sind im Umkreis von 700 Kilometern Bus oder Bahn die besseren Alternativen. Fürs Fliegen gilt: „Vermeiden ist besser als kompensieren. Und kompensieren ist besser als nichts“, sagt Nachhaltigkeitsreferent Teusch. Anbieter wie „myclimate“ oder „atmosfair“ bieten im Internet Emissionsrechner, die den CO2-Ausstoß eines Fluges oder einer Kreuzfahrt ermitteln. Und berechnen, was es kostet, die gleiche Menge CO2 in einem Klimaschutzprojekt einzusparen. Flugreisende können mit Spenden so ein bisschen Wiedergutmachung leisten. Trotzdem bleiben Kurztrips nach Mallorca oder Weihnachtsshopping in New York ein zweifelhaftes Vergnügen. 

Ebenso wie All-inclusive-Angebote: Für Reisende sind sie Schnäppchen. Doch oft schneiden sie die lokale Bevölkerung von den Einnahmen ab (siehe Interview). Die örtliche Wirtschaft kann nur profitieren, wenn Urlauber Geschäfte oder Restaurants außerhalb ihres Feriendomizils besuchen. Wer nachhaltig Ferien machen will, sollte also nicht allein auf Preis und Ausstattung der Unterkunft schielen. Aus Angaben zu Betreiber, Lage oder der Bevorzugung heimischer Produkte lässt sich schließen, wie gut sich ein Haus in die Region einfügt.

„Wer bei der Reiseplanung an seine Nachkommen denkt, handelt instinktiv richtig.“

Ines Carstensen, Professorin an der SRH Hochschule Berlin

 

Golf gehört nicht in die Wüste

Gleiches gilt für die jeweiligen Urlaubsaktivitäten: „Eine Quadtour durch den Dschungel muss nicht sein“, findet Teusch von der Verbraucher Initiative e. V. Ebenso wenig passen bewässerungsintensive Golfplätze und Wüstenklima zusammen oder Skifahren und Frühlingstem­pe­ratu­ren, möglich nur durch Schneekanonen. Umweltfreundlichere Alternativen gibt es allemal: geführte (Schneeschuh-)Wanderungen oder Skilanglauf, der ohne Skilifte auskommt. Kanu- statt Jetski-Touren, Radfahren statt Motocross. Man braucht gar keine allzu große Fantasie, um den einen oder anderen umweltschädlichen Ausflug gegen einen umweltfreundlicheren zu tauschen. 

Gerade die traditionellen landestypischen Eigenheiten seien reizvoll, fügt Ines Carstensen an, die an der SRH Hochschule Berlin einen Lehrstuhl für Nachhaltigkeit und Innovation innehat. Mit ihren Studenten erarbeitet sie Tourismuskonzepte nach dem Motto: „Lokale Gebräuche in Innovation umsetzen.“ Auch die Idee zur Klima­insel wurde von ihr in einem Forschungsprojekt auf Juist eingebracht. Diverse Auszeichnungen hat die Ostfriesen­insel mit dieser Ausrichtung schon gewonnen: vom ­Deutschen Nachhaltigkeitspreis über die Zertifizierung als „Nachhaltiges Reiseziel“ bis jüngst zu zwei Preisen im Bundeswettbewerb „Nachhaltige Tourismusdestinationen in Deutschland“. Besonders hervorgehoben wurden dabei Ideen, die SRH Studenten entwickelt hatten: zum Beispiel die Fahrradtour „Juist unplugged“, die Touristen zu jenen Akteuren führt, die an der Klimainsel mitarbeiten. Auch „Juistus, der Klimaretter“, den die Studenten ersonnen hatten, kam bei den Juroren gut an. Die Comicfigur taucht überall dort auf der Insel auf, wo man sich für die Umwelt einsetzt. Genau wie bei der Juister Kinderuni „Nachhaltig leben“ werden hier bereits die jungen Gäste an das Thema herangeführt. Denn nachhaltiger Tourismus bedeutet auch, Verantwortung für die nächsten Generationen zu übernehmen. „Wer sich bewusst macht, dass unsere Urenkel noch Orte finden sollen, an denen sie sich wohlfühlen und entspannen können, der handelt instinktiv richtig“, sagt Carstensen. 

Text Liane Borghardt Fotos

 

 

Bewusst urlauben auf Kuba
Ferdinand Tieze studiert Internationales Tourismus- und Eventmanagement am Campus Dresden der SRH Hochschule Berlin. Sein sechsmonatiges Auslandspraktikum hat der 20-Jährige an der 
Universidad de Sancti Spíritus auf Kuba absolviert und dort zum nachhaltigen Tourismus geforscht. 

Was hat Sie an Kuba vor allem beeindruckt?
Ferdinand Tietze: Die Mentalität der Kubaner, gepaart mit den krassen Widersprüchen, die der Sozialismus mit sich bringt. Viele arbeiten Vollzeit für ein Monatsgehalt von umgerechnet 12 oder 13 US-Dollar. Gleichzeitig kostet ein Essen im Restaurant 50 US-Dollar. Trotzdem sind die Menschen immer sehr fröhlich. Vielleicht auch, um sich abzulenken. 

Welche Bedeutung hat der Tourismus?
Viele Kubaner haben zwei oder drei Jobs, trotzdem kommt kaum Geld rein. Es sei denn, man arbeitet im Tourismus: Ein Hotelportier verdient mehr als ein Arzt oder Professor, die in der einheimischen Währung bezahlt werden. Touristen hingegen zahlen mit der Zweitwährung, dem Peso convertible. Der entspricht 25 kubanischen Pesos. Viele Waren lassen sich nur mit dem convertible kaufen.

Was können Kubareisende tun, damit ihr Geld bei der Bevölkerung ankommt?
Es gibt zwei Formen der Unterkunft: das klassische Hotel am Strand, alles inklusive. Und dann gibt es noch die Hostales, Privatwohnungen mit meist drei Betten. Die sind eine sehr schöne Variante, um Land und Leute kennenzulernen. Und sie sind nachhaltiger: Die Vermieter ­kochen zum Beispiel für die Gäste und berücksichtigen Wünsche. Was übrig bleibt, wird zu Schweinefutter. So wird, anders als in den großen Hotels, kaum Essen weggeworfen. 

Ferdinand Tiezes Reise-Blog: www.meinpraktikuminkuba.wordpress.com

Im Bachelorstudiengang Internationales Tourismus- und Eventmanagement bildet die SRH Hochschule Berlin an ihren zwei Standorten Berlin und Dresden gefragte Experten für die Reise- und Veranstaltungsbranche aus. Die Studenten erhalten neben einer betriebswirtschaftlichen Basis auch fachspezifisches Wissen etwa zu Nachhaltigkeit und Innovationsmanagement. In Studienprojekten mit Dozenten und Branchenpartnern knüpfen sie wichtige Kontakte in die internationale Berufswelt. 
www.srh-hochschule-berlin.de

www.hochschulcampus-dresden.de

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