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Bildung13.12.2011

Wegbereiter für Lehre und Forschung

Physiotherapie in Bewegung

Ambulanzleiter Andreas Lange (r.) und Studentin Luisa Brunner

Unter der fachkundigen Anleitung von Andreas Lange (r.) darf Studentin Luisa Brunner in der Lehrambulanz "ran an den Patienten". (Foto: Timo Volz)

Seit 2010 bietet die SRH Hochschule Heidelberg einen der wenigen deutschen grundständigen Studiengänge für Physiotherapie an. Einmalig daran ist die hochschuleigene Lehrambulanz. Diese verzahnt Ausbildung und Praxis ideal – und könnte auch in Sachen Forschung wichtige Impulse geben.

Während Ambulanzleiter Andreas Lange das Knie des Patienten behandelt, erläutert er Studentin Luisa Brunner ausführlich, worauf es dabei ankommt: „Wichtig ist, die obere Kante der Kniescheibe zu erspüren und dann behutsam nach unten zu drücken.“ Nachdem Lange die Bewegung einige Male ausgeführt hat, übernimmt die Studentin den Part des Therapeuten – genau beobachtet von ihrem Dozenten.

Die neue physiotherapeutische Lehrambulanz, die Anfang Oktober am Olympiastützpunkt Rhein-Neckar (OSP) eröffnet wurde, bietet den Studierenden eine einmalige Chance: Hier können sie von Beginn des Studiums an hospitieren und ab dem dritten Semester sogar gemeinsam mit den Lehrtherapeuten Patienten aller Altersgruppen behandeln. „Mit der Lehrambulanz betreten wir absolutes Neuland, so etwas gibt es in dieser Art in Deutschland kein zweites Mal“, erklärt Lange, der auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent im Studiengang Physiotherapie tätig ist. „Gerade die Kombination aus Ambulanz und Modellstudiengang könnte das Berufsbild des Physiotherapeuten langfristig positiv beeinflussen.“

Neue Wege gehen

In den meisten Ländern Europas längst als Studienfach etabliert, ist die Physiotherapie in Deutschland noch immer ein klassischer Ausbildungsberuf. Doch inzwischen hat auch hierzulande eine Akademisierung eingesetzt. „Das war längst überfällig“, erklärt Prof. Dr. Mieke Wasner, Studiendekanin Physiotherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. „Keine Frage, die deutsche Fachschulausbildung ist sehr gut. Doch im Ausland wird der Abschluss nur selten anerkannt.“ Hinzu kommt, dass die Anforderungen an die Physiotherapeuten stetig steigen: Neue Behandlungsmethoden und eine rasante technische Entwicklung erfordern mehr gesundheitswissenschaftliche Kompetenzen. Für deren Vermittlung sei in der Fachschulausbildung jedoch kein Platz, so Wasner. „Ein akademisches Modell kann die deutsche Physiotherapie in Schwung bringen und an das europäische Niveau anpassen“, betont sie. Das gelte auch in Sachen Forschung: Anders als etwa in den Niederlanden existieren in Deutschland keine physiotherapeutischen Behandlungsleitlinien, für viele Methoden fehlt ein wissenschaftlicher Wirkungsnachweis.

Mit dem Modellstudiengang möchte das Team daher Standards in Lehre und Forschung setzen. „Unser Ziel ist, die Studierenden zu ‚scientific practitioners‘ auszubilden: reflektierenden, auf hohem wissenschaftlichem Niveau handelnden Physiotherapeuten“, sagt Wasner. „Sie sollen in der Lage sein, das, wovon sie als Therapeuten überzeugt sind, als Wissenschaftler zu hinterfragen: Ist eine Intervention evidenzbasiert? Bringt diese den Patienten zu seinem Ziel?“ Das Interesse am Studiengang in Heidelberg ist jedenfalls groß: Während im ersten Jahr zehn Studenten starteten, ist der Jahrgang 2011 mit 40 Erstsemestern ausgebucht.

Der Studiengang in Kürze

Modell eines Beines zur Theorieübung

(Foto: Timo Volz)

Regelstudiendauer: 7 Semester in Vollzeit
Studienbeginn: 1. Oktober
Abschluss: International anerkannter Bachelor of Science (210 CP) plus Berufsanerkennung als staatlich anerkannte/r Physiotherapeut/in

Weitere Informationen

Lehre, Praxis und Forschung unter einem Dach

Neben medizinischen, psychologischen und physiotherapeutischen Grundlagen vermittelt das Studium Fähigkeiten in Sozialkompetenz und gibt Einblick in wissenschaftliches Arbeiten und therapeutische Forschung. Auch die Praxis kommt nicht zu kurz: Ab dem ersten Semester arbeiten die Studierenden mit authentischen Fallbeispielen und behandeln sich in Rollenspielen gegenseitig. „Doch erst im Umgang mit richtigen Patienten entwickelt sich berufspraktische Handlungskompetenz“, erläutert Wasner. Daher absolvieren die Studenten insgesamt 1.600 Stunden praktischer Ausbildung am Patienten – im Rahmen von Blockpraktika, etwa in den SRH Kliniken, in Praxen und Reha-Zentren.

Doch das ging Wasner und ihrem Team nicht weit genug. Sie wollen die Studenten so früh wie möglich in echte Arbeitssituationen einbinden. So entstand die Idee, an der Hochschule eine physiotherapeutische Lehrambulanz zu etablieren, die Lehre, Praxis und Forschung unter einem Dach vereint. „Natürlich funktioniert das Studium auch ohne Ambulanz“, betont Andreas Lange. „Doch wir möchten auf höchstem Niveau arbeiten. Dafür ist sie ein entscheidender Faktor.“

So ist die Nähe zum Olympiastützpunkt (OSP) und das damit verbundene Wissen für Studierende, Lehrkräfte und Patienten äußerst attraktiv. „Der Hochleistungssport ist ein Bereich, der viele interessiert. Und die Kooperation ist ideal, denn wir können alle Räume und Geräte der Physiotherapie am OSP mitnutzen“, sagt Lange. Auch auf die Qualität der Lehre könnte sich die Ambulanz positiv auswirken. Denn die Dozenten erhalten von den Lehrtherapeuten unmittelbar Rückmeldung, ob das, was sie im Unterricht vermitteln, richtig bei den Studierenden ankommt. Darüber hinaus soll sich die Ambulanz künftig als Ort der Forschung etablieren. Hier könnten Dozenten und Studierende beispielsweise eine Praxissoftware weiterentwickeln oder in Studien untersuchen, wie sich eine physiotherapeutische Intervention auf ein spezielles Krankheitsbild auswirkt. „Und damit Prozesse in Gang bringen, die den Berufsalltag langfristig erleichtern“, betont Wasner.

Das Plus für Patienten

Die physiotherapeutische Lehrambulanz bietet:
• eine Behandlung, in die neueste wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen
• mehr Zeit für die Therapie durch zusätzlichen Einsatz von Studierenden
• jahrelange Erfahrung mit Hochleistungssportlern
• hohe Fachkompetenz der Lehrtherapeuten

www.physio-olympia.de

„Alles ist möglich“

Auch wenn sie erst am Anfang stehen: Mieke Wasner und Andreas Lange sind überzeugt, dass Studiengang und Lehrambulanz ein Erfolgsmodell sind. Und sie haben viele Ideen für die weitere Entwicklung. „Läuft alles wie geplant, werden wir 2012 eine zweite Lehrambulanz eröffnen“, erklärt Lange. „Dadurch sind wir räumlich flexibler und gewinnen weitere Behandlungsschwerpunkte dazu.“

Darüber hinaus hoffen sie, künftig vermehrt mit den anderen Lehrambulanzen der Hochschule – für Musiktherapie sowie für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie – in interdisziplinären Forschungsprojekten zusammenzuarbeiten. „In unserem Bereich tut sich enorm viel. Unser Anspruch ist, diese Erkenntnisse in die Lehre zu übertragen und praktisch in der Ambulanz anzuwenden“, erklärt Andreas Lange, und Mieke Wasner ergänzt: „Wir können ein Zeichen setzen. Noch stehen wir ganz am Anfang. Aber wir haben das Gefühl: Alles ist möglich.“

Gabriele Jörg

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