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Respektvoll kommunizieren

Respektvoll kommunizieren (Foto: Fotolia)

Schlechtes Betriebsklima ist häufig der Auslöser für Burnout. Ein neuer Lehrgang der SRH zeigt Unternehmen, wie sie ihre Mitarbeiter davor schützen und den Austausch untereinander fördern.

Ausgebrannt und mit der Kraft am Ende – und das mit nicht einmal 50 Jahren: Rund 75.000 Menschen mussten im vergangenen Jahr aufgrund psychischer Probleme ihren Beruf vorzeitig aufgeben – 10.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Nach einer Studie der Bundespsychothera­peutenkammer sind die Betroffenen im Schnitt erst 49 Jahre alt. Da sie nicht mehr dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sondern in den meisten Fällen Frührente beantragen müssen, bedeutet die steigende Zahl psychischer Erkrankungen eine Belastung der Volkswirtschaft in Milliardenhöhe – in Deutschland ebenso wie in anderen Industrieländern.

Sowohl vor als auch während der Frührente erhalten psychisch kranke Menschen zu selten Rehabilitationsmaßnahmen, kritisiert die Bundespsychotherapeutenkammer. Erst nach langen Behandlungs- und Auszeiten kämen die Betroffenen in die berufliche Rehabilitation, berichtet Markus Hertrich, Geschäftsführer der SRH Berufliche Rehabilitation GmbH in Heidelberg. „Wir wünschen uns, dass Krankenkassen und Arbeitgeber viel früher auf uns zukommen – dann nämlich, wenn man noch präventiv eingreifen kann“, sagt Hertrich. Wie der Name schon sagt, konzentriert sich die SRH Berufliche Rehabilitation bislang maßgeblich auf Rehabilitationsmaßnahmen. Mit dem sechsmonatigen Lehrgang zur Vorbeugung von Burnout, den Hertrich zusammen mit dem exter­nen Diplom-Psychologen und Erziehungswissenschaftler Dr. Fritz Dinges entwickelte, hat das Unternehmen jetzt erstmals ein reines Präventionsangebot im Programm.

SRH verfolgt in der Burnout-Prävention einen völlig neuen Ansatz

Ralf Friedel, Geschäftsführer des Heidelberger Catering-Unternehmens Ehrenfried, war einer der Ersten, die sich für den Lehrgang interessiert haben. Als Chef von rund 120 Mitarbeitern weiß er, dass ihn jeder Krankheitstag bares Geld kostet. Deshalb ist Friedel seit jeher darum bemüht, in seinem Unternehmen ein angenehmes Arbeitsklima zu schaffen und die Gesundheit seiner Mitarbeiter zu fördern. Der neue Lehrgang zur Burnout-Prävention der SRH Berufliche Rehabilitation in Heidelberg interessierte ihn aber vor allem, weil dort ein ganz neuer Ansatz im Fokus steht: die Verbesserung der betrieblichen Kommunikation.

„Bei uns wird viel handwerklich gearbeitet, da entstehen in der Kommunikation oft Missverständ­nisse“, berichtet Friedel. Die Folge: Alle sind frustriert und gestresst. Das Wort „Burnout“ steht im Raum. „Wer unter einem Burnout leidet, hört und sieht kaum mehr, was um ihn herum statt­fin­­det. Die Betroffenen leben dann in ihrer eigenen Welt und machen viele Fehler“, berichtet der Leiter des Lehrgangs, Dr. Fritz Dinges, Diplom-Psychologe und Erziehungswissenschaftler.

Von Juni bis November vergangenen Jahres absolvierten Friedel und 14 seiner Mitarbeiter den sechsmonatigen Lehrgang. Ganz verschiedene Charaktere und Berufe trafen aufeinander: darunter Fahrer, Metzger, eine Diät-Assistentin, Mitarbeiter der Auftragsannahme und der Geschäftsführer selbst.

In Rollenspielen wurden alte Verhaltensmuster aufgebrochen. Psychologe Fritz Dinges erklärt: „Wichtig ist nicht nur, was gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird.“ Welchen Tonfall hat der Mitarbeiter gewählt? Was sagt seine Körpersprache? Ist er traurig, ängstlich oder wütend? „Wir haben gelernt, das alles zusammen zu interpretieren“, sagt Friedel. So kann der Teufelskreis von schlechter Laune vom Koch bis zum Fahrer, der das Essen ausliefert, gestoppt werden. „Richtige Kommunikation ermöglicht respektvollen Umgang miteinan­der“, betont Dinges.

Respektvoll kommunizieren (Foto: Dr. Fritz Dinges)

Führungskräfte sollten ihren Mitarbeitern regelmäßig positives Feedback geben. „Jeder Mitarbeiter muss sich wichtig fühlen und stolz auf sich sein“, sagt der Psychologe. Um alte Strukturen aufzubrechen, verordnete Seminarleiter Dinges den Catering-Spezialisten einige Ortswechsel: Im Mai zum Beispiel stellten sie einen Tisch in das leere Schwimmbecken des Heidelberger Freibades und aßen dort zusammen. Im Winter wurde eine schneebedeckte Schafweide zum Ort der Tafelrunde.

„Ab und zu muss die tägliche Routine durchbrochen werden. Dadurch lernen die Menschen, dass sie etwas verändern können“, erklärt Fritz Dinges die spontanen Aktionen. Denn darüber, ob Ziele erreicht werden oder nicht, entscheiden seiner Meinung nach die „inneren Bilder“. Damit ein Skirennfahrer Spitzenleistungen erzielt, müsse er schon vor dem Start als inneres Bild sehen, wie er jubelnd mit hoch in die Luft gereckten Armen am Ziel ankommt. Deshalb sei es enorm wichtig, Mitarbeitern regelmäßig berufliche Perspektiven und Chancen aufzuzeigen.

Karrieresprung nach Burnout-Prävention

„Die Arbeit macht jetzt mehr Spaß“, berichtet Seminar-Teilnehmer Screecko

Mazarekic. „Die Kommunikationsstruktur hat sich verändert. Wir unterhalten uns jetzt viel zielgerichteter miteinander“, sagt er. „Wenn ich mal nicht weiterkomme, rufe ich die Bilder ab, die Beispiele, die Dr. Dinges uns vermittelt hat. Das wirkt“, sagt Mazarekic. „Der Kurs hat geholfen, die Arbeitsabläufe der anderen Mitarbeiter besser zu verstehen, wir haben jetzt mehr Verständnis für einander.“ Den Abschluss des Lehrgangs bildete eine Prüfung, jeder Teilnehmer bekam ein Zertifikat.

Für Mazarekic war der Kurs zugleich ein Karriere-Sprungbrett: Seinem Chef fiel sein Talent auf, er beförderte ihn vom Fahrer zum Vertriebsmitarbeiter.

„Herr Mazarekic hat sich faszinierend entwickelt“, freut sich Ralf Friedel.

Interview mit Professor Nadia Sosnowsky-Waschek, Prodekanin und Studiengangsleiterin Gesundheitspsychologie an der SRH Hochschule Heidelberg

Respektvoll kommunizieren (Foto: SRH Hochschule Heidelberg)

Was ist Burnout?

Wir Psychologen haben ein gespaltenes Verhältnis zu „Burnout“. Einerseits ermöglicht uns der Begriff über die Belastung im Arbeitsalltag öffentlich zu sprechen. Mittlerweile begründet „Burnout“ aber auch jegliche Art von Unwohlsein im Berufskontext. Aus wissenschaft­licher ­Perspektive gibt „Burnout“ nicht viel her. Es gibt in den letzten Jahren kaum mehr neue Erkenntnisse. Klar ist: ­Hinter „Burnout“ verbergen sich Depression, Angst, Erschöpfung, hohe Arbeitsintensität und Stresserleben. 

 

Was sind die Symptome?

„Burnout“ ist im medizinischen Sinne gar keine Diagnose. Daher ist es auch nicht korrekt, von „Symptomen“ zu sprechen. Laut Christina Maslach – der „Mutter von Burnout“ – lassen sich die typischen Anzeichen drei Bereichen zuordnen: der emotionalen Erschöpfung, reduzierter Leistungsfähigkeit und einem ausgeprägten Zynismus. 

 

Welche Ursachen gibt es?

Einen konkreten Auslöser kann, muss es aber nicht geben. Oftmals werden arbeitsplatzbezogene Charakteristika genannt, zum Beispiel unklare Zielvorgaben, Konflikte, Zeitdruck. Entscheidender sind aber die inneren Stressantreiber, beispielsweise Perfektionismusstreben. 

 

Gibt es Strategien gegen Burnout?

Sofern sich hinter „Burnout“ noch keine psychische Störung verbirgt, können Strategien der Stressbewältigung hervorragend (präventiv) helfen. Zu nennen wären hier etwa Fertigkeiten im Bereich Emotionsregulation, Entspannung/Achtsamkeit, Zeitmanagement, kognitive Strategien (zum Bei­spiel Grübelstopp-Techniken, positive Selbstinstruktionen).

 

Nicole Wildberger

Prävention

Im vergangenen Jahr war bei 38 Prozent der Reha-Teilnehmer im SRH Berufsförderungswerk Heidelberg eine psychische Erkrankung der Hauptgrund für die Reha-Maßnahme. Über Bildungsgutscheine können Beschäftigte an Präventionslehrgängen teilnehmen. Bei bis zu 15 Jahren Berufstätigkeit übernimmt in der Regel die Agentur für Arbeit die Kosten, anschließend ist die Deutsche Rentenversicherung zuständig.

Quelle: BKK Gesundheitsreport 2013