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Bildung04.12.2012

Unser Gehirn tickt nach eigenen Regeln

Richtig lernen - gewusst wie!

Es klingt einfach: Worin wir einen Sinn sehen und was wir mit Freude lernen, das verstehen und behalten wir leichter. Warum ist das so? Und wie lässt sich diese Erkenntnis praktisch umsetzen, etwa im Studium? Die SRH Hochschule Heidelberg hat darauf eine eigene Antwort gefunden.

Prof. Dr. Julia Ròzsa (Bild: Timo Volz, Mannheim)

Fasziniert von den Leistungen des menschlichen Gehirns: Prof. Dr. Julia Ròzsa, Leiterin der Akademie für Hochschulllehre an der SRH Hochschule Heidelberg, möchte das Potenzial des Gehirns für Lehre und Lernen besser nutzen.

Wer kennt nicht den Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“? Doch Lernen ist ein äußerst komplexer Prozess, dessen Erfolg nicht nur vom Alter des Lernenden abhängt. Lernen wir, speichert das Gehirn die neuen Informationen. Dabei bilden sich zwischen den Nervenzellen Verknüpfungen oder bereits bestehende werden verstärkt. Auf diese Weise verändert sich unser Gehirn ständig.

Neurowissenschaftler sprechen von seiner Plastizität. Anders als elastisches Material bleibt plastisches nach einer Krafteinwirkung verformt. Es merkt sich also, was passiert. Übung, Erfahrung, Eindrücke, die wir mit all unseren Sinnen aufnehmen, prägen unser Gehirn – ein Leben lang.

Zwar nimmt die Plastizität mit zunehmendem Alter ab, was junge Menschen beim Lernen begünstigt. Allerdings ist Lernen auch ein assoziativer Prozess, bei dem neue Informationen mit Bekanntem verknüpft werden. Je mehr Schnittstellen vorhanden sind, desto besser wird eine Information verankert und für den Betreffenden abrufbar. Vorwissen spielt also für das Lernen eine wichtige Rolle – ältere Menschen sind demnach im Vorteil.

Wichtige Lernfaktoren

„Die Frage nach dem besten Lernalter ist in meinen Augen aber nicht das entscheidende Kriterium“, sagt Prof. Dr. Julia Rózsa, Leiterin der Akademie für Hochschullehre an der SRH Hochschule Heidelberg. Vielmehr zeigten Erkenntnisse aus der Lern- und Hirnforschung, dass sich Lernerfolg aktiv steuern lässt, erklärt die Psychologieprofessorin. Und je mehr Sinne beim Lernen angesprochen werden, desto besser. Eine wichtige Rolle spielen zudem unsere Emotionen. Während uns Angst blockiert, motiviert uns eine positive Stimmung zum Lernen. Eine Untersuchung am TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm zeigt, warum das so ist: Probanden sahen sich eine Reihe positiver und negativer Bilder an, während gleichzeitig die neuronale Aktivität ihres Gehirns gemessen wurde. Nach jedem Bild wurde ihnen ein neutraler Begriff gezeigt. Am Ende sollten sie alle Begriffe aufschreiben, an die sie sich erinnern konnten. Besser gemerkt hatten sie sich solche, die mit positiven Emotionen verknüpft waren. Die Ergebnisse der Messungen erklären, warum das so ist: Bei den positiven Bildern war der Hippocampus, die Eingangspforte ins Gedächtnis, aktiviert; bei den negativen hingegen das Furcht- und Fluchtzentrum.

Ein weiterer wichtiger Lernfaktor: Betrachten wir Inhalte als bedeutsam und sinnvoll, ist unser Lernerfolg größer. Da wir in jeder Sekunde unzählige Informationen aufnehmen, das Gehirn aber nur einen kleinen Teil der Eindrücke verarbeiten kann, muss es ständig filtern. Es lässt nur das passieren, was für den Einzelnen wichtig ist. Dies hängt jedoch wiederum vom Vorwissen, der Erfahrung und dem Alltag des Betreffenden ab. Das heißt, Lernen ist so komplex wie die Individuen verschieden sind. „Viele Bereiche unseres Bildungssystems ignorieren diese Tatsache. Lernen wird schlicht als das Aufnehmen von Information verstanden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt abgerufen werden muss – eine Art Bulimie-Lernen. Das ist aber viel zu kurz gedacht“, erklärt Julia Rózsa. Sie beschäftigt sich daher seit Langem mit der Frage, worauf es beim Lernen ankommt und wie Studium gestaltet sein muss, damit die Lernenden genau das Wissen und die Kompetenzen erwerben, die sie für Beruf und Leben benötigen. Aus diesen Überlegungen heraus hat sich auch das neue Studienmodell der Hochschule entwickelt.

Lösungen selbst erarbeiten

„Bei aktivierendem Lernen geht es im Kern darum, den Lernenden geeignete Methoden und Strategien für effizientes Lernen an die Hand zu geben – und nicht einfach nur Inhalte und Lösungen zu vermitteln. Die sollen sich die Studierenden selbst erarbeiten“, sagt Rózsa. „Frei nach Konfuzius: Tell me and I will forget, Show me and I will remember, Involve me and I will understand, Step back and I will act.“ Denn tatsächlich bleiben auf diese Weise Dinge viel besser im Gedächtnis haften als etwas, das wir nur reproduzieren. „Wenn ich selbst auf eine Lösung gekommen bin, und wenn auch nur auf Umwegen, ist das ein Erfolgserlebnis, das mir keiner mehr nehmen kann. Und das motiviert enorm.“

Die Motivation und Kreativität Lernender lässt sich auch durch das Arbeiten in Gruppen fördern. Jedes Teammitglied hat die Chance, sich mit anderen auszutauschen, eigene Ideen einzubringen und unmittelbar Rückmeldung zu erhalten. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Teamarbeit schult soziale Kompetenzen. „Man muss sich zusammenraufen, Kompromisse schließen und Verantwortung übernehmen“, betont Rózsa. „Und indem man als Dozent den fachlich versierteren Studierenden die Verantwortung für die Schwächeren überträgt, sorgt man dafür, dass beide Seiten zusätzlich profitieren: die einen durch das Wissen der anderen, die anderen dadurch, dass sie ihre Kenntnisse zusätzlich vertiefen können und ihre Verantwortung sie zusätzlich anspornt.“

Doch egal, ob die Studierenden alleine oder in Gruppen arbeiten, eine Präsentation vorbereiten oder in einem Rollenspiel neue Perspektiven entdecken: Aufgabe der Dozenten ist, für eine motivierende Lernumgebung zu sorgen. Das erfordert auch von ihnen neue Kompetenzen. So müssen sie beispielsweise lernen, als Lehrender nicht länger Wege und Lösungen vorzugeben, sondern den Studierenden mehr Raum für eigenständiges Lernen einzuräumen. „Das verunsichert natürlich, sie wissen ja nie, was dabei herauskommt. Umso wichtiger ist, dass sie den Studierenden Hilfestellung geben, damit diese das Lernziel eigenständig erreichen können“, erklärt Rózsa. Dazu gehöre auch, Lernziele transparent zu machen und die Bedeutung der Inhalte klar aufzuzeigen, damit diese für die Studierenden relevant werden. „Und weil wir alle anders sind, ist es klug, Lernen zu individualisieren. Das heißt, wir müssen jeden Lernenden, seinen Wissensstand, seine Fortschritte individuell betrachten und darauf reagieren. Da ist es hilfreich, eine Vielzahl an Lernmethoden und Prüfungsformen an der Hand zu haben.“ Die Aufgabe, den Dozenten diese aufzuzeigen, hat an der Hochschule seit 2009 die Akademie für Hochschullehre übernommen.

Und ohne diese gegenseitige Unterstützung gehe auch nichts, sagt Rózsa. Denn das Ziel, eine neue Art des Lernens zu leben, könne nur in einer Umgebung gelingen, die von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist und in der alle Beteiligten offen und respektvoll miteinander umgehen. „Nur, wenn wir alle Hand in Hand arbeiten, entsteht ein ideales Klima für aktives, eigenständiges und freudiges Lernen“, betont sie. „Hier sind wir Lehrende als Vorbilder gefordert. Aber auch die Studierenden müssen Verantwortung übernehmen.“

Gabriele Jörg

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