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Gesundheit07.03.2013

Hilfe bei ausbehandelter Angina Pectoris

SCHMERZSIGNALE GEZIELT VERÄNDERN

Die Therapie der koronaren Herzkrankheit hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Dennoch gibt es Patienten, die unter starken Schmerzen leiden, weil herkömmliche Mittel und Therapien nicht wirken. Das Team des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerztherapie am SRH Wald-Klinikum Gera kann auch solchen Menschen helfen.

Dumpfe, drückende Schmerzen im Brustraum gehören zu den häufigsten Ursachen, warum Patienten einen Kardiologen aufsuchen. Auslöser der Beschwerden sind meist verengte Herzkranzgefäße, die Koronararterien. Können diese den Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen, sprechen Mediziner von einer koronaren Herzkrankheit (KHK). Die Betroffenen leiden mitunter Todesängste, und die Sauerstoffnot führt zu einem sogenannten Ischämieschmerz, der nicht nur Herz und Brust betrifft, sondern aufgrund komplexer Nervenverbindungen auch in andere Bereiche des Körpers ausstrahlen kann. Medizinisch werden die Symptome unter dem Begriff Angina Pectoris zusammengefasst, was im La­teinischen so viel heißt wie „Brustenge“ ­(angina = Enge, pectus = Brust).

Schmerzen beim Sport

Dr. Michael Kretzschmar (Foto:Timo Volz, Mannheim)

Dr. Michael Kretzschmar möchte die schmerzlindernde Methode bei deutschen Ärzten bekannter machen.

„Der Herzmuskel der Betroffenen schreit förmlich nach Sauerstoff“, erklärt PD Dr. Michael Kretzschmar, Chefarzt am Zentrum für Interdisziplinäre Schmerztherapie am SRH Wald-Klinikum Gera. Viele Betroffene verspüren zunächst oft nur bei körperlicher Belastung Schmerzen, etwa beim Sport, wenn der Herzmuskel sehr viel mehr sauerstoffreiches Blut benötigt. Schreitet die Erkrankung weiter fort, treten die Symptome auch ohne Belastung auf. Dabei kann es zu bis zu 15 Anfällen am Tag kommen. Im schlimmsten Fall drohen Herzschwäche oder ein Herzinfarkt. „Bei der Therapie der Angina Pectoris werden sowohl die Ursachen behandelt als auch die Symptome gelindert“, so der Mediziner. Drei Ansätze kommen dabei zum Zuge: Medikamente, Herzkatheter oder Bypass-Operation. Ziel ist es stets, Engstellen in den Herzkranzgefäßen zu beseitigen und so die Blut- und damit die Sauerstoffversorgung des Herzmuskels zu verbessern. „Diese Behandlungsmethoden wirken bei den meisten KHK-Patienten“, erläutert Dr. Kretzschmar. „Einige Patienten leiden jedoch an einer therapie­refraktären Angina Pectoris, das heißt, mit konventionellen Methoden können wir diesen Patienten trotz großer Behandlungsfortschritte nicht helfen.“

Als alternative Therapie setzen die Geraer Ärzte deshalb seit 2011 auf die epidurale Rückenmarkstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS). „Sie kommt ins Spiel, wenn Medikamente nicht anschlagen oder zu viele Nebenwirkungen haben“, verdeutlicht Kretzschmar. Ziel der SCS ist es, die Schmerzleitung im Rückenmark zu beeinflussen. Dazu platziert der Arzt während einer minimalinvasiven Operation eine Elektrode in den Wirbelkanal über dem Rückenmark, die von einem Minigenerator mit Strom versorgt wird. Dadurch ist es möglich, elektrische Felder verschiedener Stärke zu erzeugen, die auf die Nervenzellen des Rückenmarks einwirken und deren Schmerzweiterleitung einschränken. „Mithilfe des elektrischen Feldes können wir das Nervengewebe modulieren“, so Kretzschmar. Die Elektrode erregt die Nervenzellen und löst neurochemische Reaktionen aus. Auf diese Weise werden die Schmerzsignale verändert, bevor sie das Gehirn erreichen. Der Patient spürt lediglich ein Kribbeln.

Millimeterarbeit

Die Infografik veranschaulicht, wie die Rückenmarkstimulation funktioniert und wie vielfältig die Therapie eingesetzt werden kann.

Die Methode ist vielfältig einsetzbar. „Ausschlaggebend ist die Höhe, in der die Elektrode am Rückenmark sitzt“, erklärt Kretzschmar. Diese muss so gewählt werden, dass die Nerven des zu behandelnden Organs dort verlaufen. So lässt sich etwa mit einer Elektrode, die sich an den Nervenwurzeln im Bereich von Steiß- und Kreuzbein befindet, Inkontinenz behandeln. Bei Patienten mit Angina Pectoris bringen die Geraer Schmerzspezialisten die Elektrode dagegen im Bereich der Brustwirbelsäule an. Ein im Bauchraum implantierter Generator, der über einen feinen Draht mit der Elektrode verbunden ist, liefert die notwendigen Strom­impulse, die vom Patienten per Fern­bedienung reguliert werden können.

Dank der Methode verringern sich die Schmerzen sowie die Häufigkeit und die Intensität der Angina-Pectoris-Anfälle. Dem Geraer Spezialisten zufolge reduzieren sich die Schmerzen um bis zu 90 Prozent. Zudem werden die Muskelzellen besser mit Sauerstoff versorgt, was den Herzmuskel stärkt. „Das Verfahren ist so erfolgreich, dass es in die aktuelle deutsche Leitlinie zur Schmerztherapie mittels elektrischer Rückenmarkstimulation aufgenommen wurde“, macht Dr. Michael Kretzschmar deutlich. Das ist ein weiterer wichtiger Schritt, um die Methode in Deutschland voranzubringen. In den USA hingegen und auch in Schweden ist die Therapie schon länger etabliert. „Mein Ziel ist es, die SCS auch bei deutschen Ärzten bekannter zu machen, denn sie hilft Patienten erwiesenermaßen“, betont der Mediziner.

Georg Haiber

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SRH Wald-Klinikum Gera

Mit 90.000 Patienten im Jahr in 24 Fachbereichen ist das SRH Wald-Klinikum Gera das größte Krankenhaus der Region Ostthüringen.

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