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Sicherheit ist kein Zufall

Rockkonzert, Fußballspiel oder Straßenfest – wo viele Menschen zusammenkommen, lauern Risiken. Sicherheitsverantwortliche müssen sie genau analysieren und begrenzen. Das erfordert stete Fortbildung, denn Risiken wie Sicherheits-Know-how entwickeln sich weiter.

„Sicherheitsmaßnahmen sind wie ein Schweizer Käse“, erklärt Ralf Zimme: Jede einzelne Scheibe, sprich Maßnahme, habe Löcher, keine sei komplett dicht. Lege man jedoch genug Scheiben übereinander, seien früher oder später alle Löcher beziehungsweise Sicherheitsrisiken abgedeckt. „Eine Gefahr kann den Käsestapel also nicht mehr so leicht durchdringen und auf der anderen Seite Schaden anrichten“, sagt er. Als Leiter der Stabsstelle ­Sicherheitsmanagement bei Düsseldorf Congress Sport & Event weiß Zimme, wovon er spricht. Die Veranstaltungsgesellschaft betreibt in Düsseldorf zehn viel besuchte Locations, darunter die Esprit Arena, das Eissta­dion ISS Dome und das Congress Center Düsseldorf. 
Sein Wissen aus drei Jahrzehnten Berufserfahrung weiterzugeben, liegt dem Sicherheitsprofi am Herzen. Weil sich Risiken und Sicherheits-Know-how weiterentwickeln, sind eine gute Ausbildung und ständige Weiterbildung ein Muss. Deshalb engagiert sich Zimme als ­Berater und Dozent am Internationalen Bildungs- und Trainingszentrum für Veranstaltungssicherheit (Ibit) in Bonn, das er vor sechs Jahren mitgegründet hat. Dort lehrt er zum Beispiel im Zertifikatsstudium „Sicherheitsmanagement für Veranstaltungen“, das das Ibit zusammen mit der SRH Hochschule der populären Künste in Berlin anbietet. Zudem unterrichtet Zimme das Thema Risikomanagement im internationalen Zertifikatsstudiengang „Sport Safety and Security Management“ der SRH Hochschule Heidelberg (siehe Kasten). Dieser Kurs ­richtet sich an alle, die an verantwortlicher Stelle für Sicherheit im Sport sorgen, zum Beispiel Sicherheitsbeauftragte in Vereinen und Verbänden, Stadionmanager, Sport­event-Organisatoren oder Regierungsvertreter. 
Im Frühjahr 2016 haben dort die ersten Teilnehmer das Studium abgeschlossen. „Dieses Programm ist das einzige in Europa, das alle sicherheitsrelevanten Aspekte sowohl aus akademischer Sicht als auch praxisnah vom Spielfeld aus betrachtet“, stellt Absolvent Simone Francini fest. „Ich habe aus jedem Modul etwas mitgenommen. Aber vor allem der Austausch und Vergleich mit Kollegen aus aller Welt war ein toller Zusatznutzen.“ Der 29-jährige Italiener ist offizieller Fanbeauftragter und Match & Events Operations Manager beim italienischen Erstligisten AC Florenz. 

 

Mädchen brauchen Wasser und Strom

Egal ob es um ein Fußballspiel, eine Modenschau oder eine Konferenz geht, Sicherheit kostet immer Geld. Und sie ist für die Besucher oft mit Unbequemlichkeiten verbunden, zum Beispiel wenn Taschen kontrolliert oder Gegenstände wie Glasflaschen oder Selfie-Sticks verboten werden müssen. Das A und O beim Erstellen eines Sicherheitskonzeptes sei deshalb, das Gefährdungs­poten­zial möglichst vollständig zu analysieren, vor allem aber die Risiken zu priorisieren, so Zimme. Je schwerer die Folgen und je wahrscheinlicher ein Schadensfalls eintritt, desto dringlicher sind Gegenmaßnahmen. Andere Risiken könne man dagegen unter Umständen tolerieren­.Die besondere Herausforderung bei Events: Anders als etwa bei der Absicherung eines Atomkraftwerks oder eines Flugzeugstarts sind bei einer Veranstaltung die Besucher nicht nur Ziel der Schutzmaßnahmen, sondern auch eine der größten Gefahrenquellen. „Ich muss mir daher vorher überlegen, wer zu meinem Event kommt und mich auf die Wünsche und Verhaltensweisen meiner Gäste einstellen“, sagt der Sicherheitsprofi. Wer zum Beispiel eine Boygroup auf die Bühne stelle, müsse damit rechnen, dass viele junge Mädchen bereits Stunden vorher am Einlass Position beziehen. Endlich vor der Bühne angekommen, bewegen sie sich nicht mehr vom Fleck, kaufen sich also nichts zu trinken, knipsen und twittern dafür aber, was das Smartphone hergibt. Damit sie nicht dehydriert zusammenbrechen, sorgt Zimme bei solchen Konzerten dafür, dass Wasser im Publikumsgraben ausgeschenkt wird. Und damit die Kids mit den Eltern per Telefon einen Treffpunkt für den sicheren Heimweg ausmachen können, stehen im Innenraum immer genug Aufladesteckdosen bereit.„Bei einem Fußballspiel kommen dagegen fast alle erst 40 bis 50 Minuten vor Anpfiff, auch wenn ich schon drei Stunden vorher die Tore öffne“, erklärt Zimme. Um Chaos, Rempeleien und Aggressionen auf dem Vorplatz zu vermeiden, gelte es also, zu den Spitzenzeiten das Maximum an Ordnungskräften parat zu haben und sicherzustellen, dass technische Probleme bei der Zutrittskontrolle sehr schnell behoben werden können.

 

Vorbereitet auf den Fall der Fälle

Zusätzlich zur Prävention gehört zu jedem Sicherheitskonzept das Notfallmanagement. Denn niemand kann mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass bei einer Veranstaltung ein Feuer ausbricht, ein Auto in die Zuschauermenge rast oder gar eine Bombe gezündet wird. „Als Sicherheitsverantwortlicher muss ich dafür sorgen, dass die Leute im Ernstfall schnell von der Gefahrenstelle wegkommen“, sagt Zimme. Zur Vorsorge gehören beispielsweise gut beschilderte Notausgänge, geschulte Ordner, deren Anweisungen die Menschen verstehen und denen sie vertrauen und entsprechend auch Folge leisten. Und etwas Mathematik der Sorte „Wie viele Personen können einen zehn Meter breiten Ausgang pro Minute passieren?“
Wichtig sei auch die reibungslose Kommunika­tion aller am Thema Sicherheit beteiligten Kräfte, weiß Zimme. In der Espritarena hat er deshalb den Inter-Orga­-Raum eingeführt. Hier sitzen während einer Veranstaltung Vertreter von Polizei, Feuerwehr, Rettungs- und Sanitätsdienst, Veranstalter und Betreibergesellschaft. So sind alle stets auf demselben Informationsstand. Denn Sicherheit ist immer Teamarbeit. 

Text Kirstin von Elm
Foto:  Petr Jilek / shutterstock

Besuchertipps für Großveranstaltungen

Auf der Webseite des Veranstalters informieren, welche Gegenstände nicht aufs Gelände dürfen. Oft sind auch Plastikflaschen und Tetrapacks untersagt.

Ausreichend trinken, insbesondere bei Veranstaltungen im Sommer. 

Genug Kleingeld einstecken, um vor Ort Getränke kaufen zu können.

Einpacken je nach Event und Jahreszeit: Getränke, Müsliriegel, Ohrstöpsel, Hüte, Sonnenmilch.

Für genügend Strom und Guthaben auf dem Telefon sorgen.

Markante Treffpunkte vereinbaren, wenn man als Gruppe unterwegs ist, für den Fall, dass man sich verliert.

Die nächstgelegenen Notausgänge und Fluchtwege einprägen.

Aufmerksam sein und die Umgebung beobachten (Menschen, die sich eigenartig benehmen, herrenlose Taschen).

SRH Weiterbildung rund um Sicherheit

Das zweisemestrige Zertifikatsstudium „Sport Safety and Security Management“ hat das Institut für wissenschaftliche Weiterbildung und Personalentwicklung (IWP) an der SRH Hochschule Heidelberg mit dem International Center for Sport Security (ICSS) mit Hauptsitz in Doha (Katar) entwickelt. In der Weiterbildung geht es praxisnah um die Analyse von Sicherheitsrisiken, um Prävention und die neuesten Erkenntnisse und Techniken der Branche. Nächster Start: Mitte 2017.

Das Kontaktstudium „Sicherheitsmanagement im Fußball“ des IWP an der SRH Hochschule Heidelberg ist zusammen mit dem Deutschen Fußball-Bund und der Deutschen Fußball Liga entstanden. Die Weiterbildung für Sicherheitsbeauftragte von Fußballvereinen läuft acht Monate. Nächster Start: Oktober 2016.
www.hochschule-heidelberg.de (/ Studium / Aus- und Weiterbildung)

Das zweisemestrige Zertifikatsstudium „Sicherheitsmanagement für Veranstaltungen“ wird vom Internationalen Trainingszentrum für Veranstaltungssicherheit (Ibit) und der SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) in Berlin durchgeführt. Durch den modularen Aufbau kann man zu jedem Semesterstart einsteigen.
www.hdpk.de (/ Hochschule / Weiterbildung)

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