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Starthelfer

Seit Längerem setzt sich die SRH für geflüchtete Menschen ein, bietet medizinische Versorgung und Sprachkurse, fördert das ehrenamtliche Engagement ihrer Mitarbeiter und hilft den Neuankömmlingen beim Einstieg in den Beruf. Viele konnten so schon ein neues Leben beginnen.

„Flüchtlingshilfe hat ein bisschen was von Sisyphus­arbeit“, gibt Michelle Hett zu. „Aber man muss einfach mal anfangen.“ Hett ist Dozentin und Koordinatorin für Internationales an der Wirtschaftsfakultät der SRH Hochschule Heidelberg. Und die 57-Jährige weiß, wovon sie spricht. In den vergangenen Jahren hat sie mehrfach ­ehrenamtlich während ihres Urlaubs in Krisen- und Entwicklungsländern gearbeitet. Zuletzt in Flüchtlingsunterkünften im Libanon und im griechischen Thessaloniki: Als Michelle Hett dort ankommt, funktionieren die einfachsten Dinge nicht, es gibt kein sauberes fließendes Wasser. Und der Anblick von Tausenden Obdachlosen kann tatsächlich mutlos machen. Sisyphus eben. 

Aber Hett fängt einfach an: Sie organisiert Erste-Hilfe-Koffer für die 35 freiwilligen Einsatzkräfte, kümmert sich um eine psychisch labile Mutter und ihre beiden drei- und fünfjährigen Kinder. „Wenn ich anderen in der Zeit, in der ich dort unten bin, ein bisschen Glück bringen kann, ist das doch schon etwas“, findet sie. „Man pflanzt ein winziges Samenkorn, und daraus wird mal eine Eiche.“

„Was man gibt, bekommt man zurück“

Vor zwei Jahren hat Marion Eßer, Vorsitzende des SRH Konzernbetriebsrats, gemeinsam mit ihrer Familie einen jungen Mann aus Pakistan bei sich aufgenommen. Der mittlerweile 25-Jährige macht nach Praktikum und freiwilligem sozialen Jahr im SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach dort nun auch eine einjährige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer. 
 
Warum haben Sie beschlossen, einen jungen Flüchtling bei sich aufzunehmen?
Marion Eßer: Wir sind eine christliche Familie und hatten immer ein offenes Haus für junge Menschen. Als unsere beiden Kinder noch zu Hause wohnten, haben wir zum Beispiel jeden Monat eine Art Hausgottesdienst für kirchenferne Jugendliche veranstaltet. Ein Bekannter traf den jungen Mann im Dezember 2014 in der Bahn und brachte ihn mit zu uns. Wir hatten schon zuvor überlegt, wie wir Flüchtlingen helfen können. Wenn ein Schicksal direkt am Küchentisch sitzt, ist es etwas anderes als nur Fernsehberichte darüber zu sehen. 

Was waren anfangs die größten Herausforderungen im Familienalltag?
Es hat sehr viel Zeit und lange Gespräche gebraucht, um die unterschiedlichen Kul­turen aneinander anzupassen. Er kommt aus einem Land, in dem man sich beispielsweise einen Führerschein kauft oder in dem man der Bank nicht trauen kann. Wir haben gesagt: Du musst einmal am Tag mit uns die Nachrichten schauen, um Deutschland verstehen zu lernen. Zugleich haben wir ihm versichert, dass wir ihn nicht umerziehen wollen. Wir respektieren die muslimischen Feste und gehen mit ihm zum Abschluss des Ramadans essen. Umgekehrt feiert er mit uns Weihnachten.

Wünschten Sie, mehr Menschen wären so offen wie Sie?
Einerseits sehe ich die Früchte unserer Familienerweiterung: Er ist uns wirklich wie ein Pflegesohn ans Herz gewachsen. Andererseits darf man die Anstrengungen nicht unterschätzen. Ich vergleiche das mit einem Halbtagsjob: Wir haben uns zusammen an alles Stück für Stück herangetastet: Deutsch üben, Betten beziehen, Hemden bügeln … Weil in unserem Haus auch meine Eltern wohnen, war die nötige soziale Ansprache immer gegeben. Nicht jeder kann es so machen wie wir. Aber ich wünsche mir, mehr Leute würden sich trauen, sich mal mit zunächst Fremden auszutauschen. Sie würden merken: Was man gibt, bekommt man zurück.

Michelle Hett beim Kochen für 40 ehren­amtliche Helfer in Griechenland

SRH Mitarbeiter investieren ihre Freizeit 

Die gebürtige Irin findet es „fantastisch“, dass ihr Arbeitgeber sie bei ihrem Engagement unterstützt: Vor gut einem Jahr startete die Initiative „SRH hilft“. Mitarbeiter, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge einsetzen, können dafür pro Jahr vier Tage Sonderurlaub und bis zu 1.000 Euro Projekthilfe bekommen. Und das Angebot kommt an: In mittlerweile über 40 geförderten Projekten haben einige Hundert SRH Mitarbeiter mit angepackt, am eige­nen Wohnort oder im Ausland, organisierten Hilfspakete, Weihnachtsfeiern, Fahrräder oder Deutschunterricht. 

An der SRH Hochschule Berlin engagieren sich beispielsweise Dozenten und Studenten im stetig wachsenden Projekt „Pro Flüchtling“. Als mehrsprachige Datenbank mit einer bundesweiten Stellenbörse gestartet, erhalten Flüchtlinge nun vor Ort auch Trainings und Mentoren für die Jobsuche. Geflüchtete Frauen und Mädchen bekommen online Antworten auf drängende Fragen, Flüchtlinge helfen einander in Videotutorials und in direkter Beratung bei Alltagsthemen. 

An der SRH Hochschule der populären Künste in Berlin geht das Musikprojekt „Songs for Refugees“ (perspektiven 1/2016) in die zweite Runde: Wieder steuern Studenten eigene Songs für eine CD bei, deren Erlös an Flüchtlingsinitiativen geht.

Alle drei Berliner SRH Hochschulen arbeiten zudem gemeinsam mit einer ägyptischen und einer liba­nesischen Hochschule an einer inter­nationalen multi­medialen Ausstellung, in der Menschen mit und ohne Migrationshintergrund darstellen, wie sie die Themen Fremde, Fremdsein und Fremdheit erleben. Die Ausstellung soll 2017 durch Deutschland touren und für mehr Bewusstsein und Verständnis im Umgang miteinander werben.

„Die große Welle der Hilfsbereitschaft hat uns sehr beeindruckt“, sagt Oliver Kitter-Ohlms, der die Ini­tiative „SRH hilft“ gemeinsam mit seinem Kollegen, Dr. Stefan Müller, koordiniert und nach wie vor gerne Ideen annimmt. Mittlerweile gehe es jetzt auch darum, „einzelne Projekte in institutionelle Strukturen zu überführen.“ Zu diesem Zweck wird in Heidelberg das „Deutsche Institut für Integration und Migration“ gegründet, mitge­tragen von der SRH. Der gemeinnützige Verein soll den gesellschaftlichen Wandel mit professionellen Lösungen unterstützen und die Themen Integration und Migration wissenschaftlich begleiten.

Berufliche Möglichkeiten entdecken Neben dem Engagement ihrer Mitarbeiter ist die SRH auch als Unternehmen bei der Integration geflüchteter Menschen aktiv. Dabei hatten zunächst die medizinische Erstversorgung in den SRH Kliniken sowie Sprach- und Integrationskurse in den SRH Bildungsunternehmen Priorität. Nun ist ein neuer Schwerpunkt hinzugekommen: die Geflüchteten auf den beruflichen Neustart vorbereiten. Dafür bietet die SRH Kommunen und anderen Institutionen hilfreiche Bildungs- und Gesundheitsdienstleistungen an. Für die Bundesagentur für Arbeit und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge veranstaltet die SRH Berufliche Rehabilitation Heidelberg die Kurse „Perspektiven für Flüchtlinge“, die innerhalb von sechs Monaten praxisnah auf das Berufsleben vorbereiten. 

Als Dienstleister für die Jobcenter der Arbeitsagentur entwickelten SRH Reha-Mitarbeiter das Programm „Statusfeststellung für Asylbewerber“: Mit Tests in Allgemeinwissen oder zur Konzentration sowie über psychologische und ärztliche Gutachten wird ermittelt, wo es für die Teilnehmer beruflich hingehen kann.

Ins Unternehmen holen

Ganz praktische Berufsorientierung bietet die SRH auch im eigenen Haus, sei es, dass Flüchtlinge in SRH Unternehmen Praktika machen, ein freiwilliges soziales Jahr oder eine Ausbildung absolvieren (siehe Interview S. 13) oder direkt eine Stelle antreten (siehe Porträt rechts). Seine ersten Erfahrungen als Koch machte Sayed Mohammed Sadat zum Beispiel im Cube, der Mensa des Heidelberger SRH Campus. Höhepunkt seines zweiwöchigen Praktikums: In Eigenregie kochte der 18-Jährige, der vor gut einem Jahr alleine aus Afghanistan floh, „Zereshk Polo“, persischen Safranreis mit Berberitzen, eine Spezialität aus seiner Heimat. Die hungrigen Studenten der Hochschule hat es gefreut.

Gleich mit einer ganzen Berufsvorbereitungsklasse junger Flüchtlinge hat es Petra Schneider zu tun. Die Personalreferentin am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach lädt zum Rundgang durch das Krankenhaus ein: Notaufnahme, Hubschrauberlandeplatz, Intensivstation. Anschließend erhalten die Schüler einen Überblick über Pflegeberufe und können Ärzte und Pfleger, die vielfach selbst aus den Heimatländern der Jugendlichen stammen, befragen. Vier junge Flüchtlinge haben inzwischen schon ein Praktikum im Krankenhaus gemacht. „Wenn auch die übrigen sprachlich so weit sind, werden es im nächsten Jahr sicher noch mehr werden“, ist sich Petra Schneider sicher. 

www.srh.de


Text Liane Borghardt Fotos: privat/SRH

„Ich helfe anderen gerne, eine Perspektive zu finden“

Ameen Hamdoon erklärt einer Teilnehmerin an einem Berufs­eignungstest, wie das Programm funktioniert.

Ameen Hamdoon flüchtet vor dem Terror des IS aus dem Irak. Über die Türkei gelangt er vor einem Jahr nach Deutschland. Die Teilnahme am SRH Programm „Perspek­tiven für Flüchtlinge“ ermöglicht dem 26-Jährigen buchstäblich den Neuanfang.
 
In seiner Heimat, dem irakischen Mossul, hat Ameen Hamdoon einen Bachelor-Abschluss in Psychologie gemacht. Mit seinen drei älteren Brüdern betreibt er ein Unternehmen, das Autos aus Deutschland, den USA oder Jordanien importiert. Dann zieht im Juni 2014 die Terrororganisation Islamischer Staat in Mossul ein. Ameen Hamdoon beschließt zu fliehen – schweren Herzens, alleine. Seine Mutter, die Brüder und die jüngere Schwester bleiben zurück. Mit rund 200 Leidensgenossen kommt Hamdoon am Ende einer langen Odyssee quer durch Europa in einer Flüchtlingsunterkunft im schwäbischen Waldshut unter. Dort findet er in einem pensionierten Rechtsanwalt einen „wunderbaren ehrenamtlichen Lehrer“: Nach gerade mal neun Monaten spricht Hamdoon fast perfekt Deutsch und hat sich ins Bürgerliche Gesetzbuch eingelesen. Einer Sozialarbeiterin fällt der wissbegierige junge Mann auf, der in der Flüchtlingsunterkunft als Dol­metscher hilft. Sie bringt ihm Informationen über das Programm „Perspektiven für Flüchtlinge“ mit, das von der SRH Berufliche Rehabilitation in Bad Säckingen angeboten wird. „Das war meine Chance“, sagt Hamdoon. 
Eifrig übt er in der Fortbildung, Bewerbungen auf Deutsch zu schreiben und in Jobbörsen zu recherchieren. Schließlich absolviert er ein Praktikum in der Filiale in Bad Säckingen und in einem SRH Team, das als Dienstleister für die Jobcenter beruf­liche Eignungstests mit Flüchtlingen durchführt. Mit seinen psychologischen Kenntnissen und als Übersetzer bringt Hamdoon sich hier begeistert ein. „Die Praktika waren einfach toll, die Teams wunderbar“, sagt er. 

Seit August gehört er nun fest angestellt dazu, bespricht mit den Kursteilnehmern nach Deutsch-, Mathe- und Konzentrationstests berufliche Möglichkeiten. „Ich helfe anderen gerne, eine Perspektive zu finden“, sagt Ameen Hamdoon. Später möchte er als Psychotherapeut auf dem Gebiet der Persönlichkeitsentwicklung arbeiten, in Heidelberg dafür einen Master-Abschluss machen. Der Anfang ist schon einmal gemacht.

Zeltstadt für Flüchtlinge

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