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Bildung14.12.2011

Im Konfliktfall ist Reden Gold

Wie sag ich’s dem Kollegen?

Immer mehr Menschen können aufgrund psychischer Erkrankungen ihren Beruf nicht mehr ausüben. Im SRH Beruflichen Trainingszentrum Rhein-Neckar werden sie behutsam in den Arbeitsalltag zurückgeführt. Das Erfolgsgeheimnis: Die Betroffenen lernen unter anderem, konstruktiv mit Emotionen am Arbeitsplatz umzugehen.

Illustration - Reden ist Gold

Zuerst war Petra H. nur schüchtern. Als dann ein Arbeitskollege sie kritisierte, begann ein Teufelskreislauf. Ihre Selbstzweifel stiegen. Sogar einfachste Dinge wie telefonieren ließen ihr Herz rasen. Sie fühlte sich beobachtet, fragte sich: „Was denkt der Kollege von mir?“ Dann kam die Angst. Petra H. traute sich nicht mehr ins Büro. Nachts lag sie schlaflos im Bett, tagsüber wurden die Kopfschmerzen immer unerträglicher. Es folgten Arztbesuche, mehrwöchige Klinikaufenthalte.

Petra H. ist kein Einzelfall. Alle großen Krankenkassen stellen in ihren Jahresberichten eine massive Zunahme von Krankschreibungen aufgrund psychischer Leiden wie Depressionen fest. Jeder zehnte Fehltag im vergangenen Jahr ist auf diese Erkrankungen zurückzuführen – ein Anstieg von rund 80 Prozent gegenüber 1999. Das ergab eine Analyse der Krankmeldungen von mehr als zehn Millionen berufstätigen AOK-Versicherten, die das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) im April 2011 vorstellte.

Rollenspiele helfen

Damit steigt der Bedarf an Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation, und Einrichtungen wie das SRH Berufliche Trainingszentrum (BTZ) Rhein-Neckar sind gefragter denn je. Denn sie unterstützen Betroffene gezielt beim Wiedereinstieg in den Arbeitsalltag – mit verschiedenen Programmen. „Ein zentraler Punkt unserer Wiedereingliederung sind Trainings, in denen die Betroffenen unter anderem lernen, wie man angemessen mit Emotionen am Arbeitsplatz umgeht“, sagt Heiko Kilian, Geschäftsführer des SRH BTZ Rhein-Neckar. Tatsächlich senken unausgesprochene Konflikte nicht nur die Arbeitsmoral und Leistungsfähigkeit eines Teams. Sie belasten gerade psychisch labile Menschen extrem. „Viele von ihnen ziehen sich bei Konflikten schnell zurück, neigen zum Grübeln und zu Selbstzweifeln. Diese Negativ­spirale gilt es aufzuhalten, indem wir den Betroffenen beibringen, über das zu reden, was sie bewegt“, betont Kilian.

Reine Kommunikationstrainings anhand von Standardsituationen genügen in solchen Fällen nicht. Vielmehr müssen die Betroffenen lernen, sich in ganz konkreten Situationen zurechtzufinden. Eine gute Methode, eigene Verhaltensweisen zu reflektieren und auf dieser Basis konkrete Verhaltensmuster einzuüben, sind neben Einzelgesprächen auch Rollenspiele.

Ein Beispiel: Eine Kollegin sitzt mit drei anderen Kollegen in einem Büro. Kollege A kritisiert sie permanent, Kollege B behandelt sie wie Luft, einzig mit Kollege C pflegt sie einen normalen Umgang. Nachgestellt wird die morgendliche Arbeitsbesprechung. Dabei schlüpfen Teilnehmer in die Rolle der Protagonisten. Das Nachgespielte wird mit einer Videokamera aufgezeichnet und im Anschluss besprochen. „Die Personen verhalten sich in den Rollenspielen wie im richtigen Leben. So können einzelne Situationen realitätsnah abgebildet werden, und der Betroffene sieht, welche Reaktionen er mit seiner Haltung auslöst“, erläutert Kilian.

Mit Volldampf zurück in den Beruf

Das SRH Berufliche Trainingszentrum Rhein-Neckar in Wiesloch bietet Menschen mit psychischen Problemen berufliche Orientierung, praxisnahes Training und psychosoziale Begleitung. Zweigstellen gibt es in Frankfurt am Main, München, Mannheim und Stuttgart.

Angeboten werden

  • Trainings im erlernten Berufsfeld, die bis zu einem Jahr dauern
  • bis zu drei Monate dauernde Berufsfindungskurse für Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt noch nicht Fuß gefasst haben oder für die eine Rückkehr in das alte Berufsfeld nicht mehr infrage kommt
  • sechsmonatige Maßnahmen zum Wiedereinstieg in den Beruf
  • Ausbildungen im BTZ (Metall- und Dienstleistungsbereich) oder begleitete Ausbildungen auf dem freien Arbeitsmarkt

Emotionen als Motor

Im oben beschriebenen Fall würde Kilian der Mitarbeiterin zu einem offenen Zweiergespräch mit den Bürokollegen raten. „Die Krux ist nur: Wie sage ich es dem Kollegen am besten?“, sagt er. „Beugen Sie von vornherein einer Eskalation vor, und sprechen Sie von sich, statt anderen Vorwürfe zu machen. Sagen Sie ehrlich, wie es Ihnen mit dem Verhalten des anderen geht und dass Sie nicht wissen, wie Sie damit umgehen sollen.“

In jedem Fall sei es wichtig, so Kilian, zu versuchen, die Form zu wahren – selbst wenn sich der aufgestaute Ärger nach außen Bahn zu brechen drohe. In diesem Fall helfen Sätze wie: „Im Moment fällt es mir schwer, sachlich zu bleiben, aber ich versuche es.“ Denn im Arbeitsleben sollten Gefühle eher ruhig als leidenschaftlich geäußert werden. Das begünstigt eine konstruktive Gesprächsatmosphäre.

Und wie geht Heiko Kilian selbst mit Emotionen um? „Das hängt von der Situation ab. Für mich gehören Emotionen immer dazu. Sie sind der Motor, der uns antreibt.“ Ungleich schwieriger sei es, im Konfliktfall offen darüber zu reden. „Kinder haben uns in dieser Hinsicht einiges voraus, denn sie sind spontan und können Gefühle sehr gut ausdrücken. Von ihnen können wir also lernen“, sagt Kilian.

Darüber hinaus sei wichtig, authentisch und glaubwürdig zu sein und so einen offenen Dialog mit anderen zu beginnen. „Eine positive Grundhaltung hilft immer. Sie schafft eine angenehme Atmosphäre und fördert die Motivation der Mitarbeiter“, erklärt Kilian. Die soziale Kompetenz, Beziehungen zu gestalten – und dazu gehört auch ein ange­messener Umgang mit Emotionen –, sei ein Schlüsselfaktor, der weder Arbeitgebern noch Mitarbeitern hinreichend bewusst ist.

Die Erfolgsquote am SRH Beruflichen Trainingszentrum Rhein-Neckar kann sich jedenfalls sehen lassen: Zwei Drittel der Absolventen fassen wieder Fuß im ersten Arbeitsmarkt. So auch Petra H. Nach erneutem Klinikaufenthalt und einem Training im BTZ hat sie den Weg zurück in den Berufsalltag geschafft.

Georg Haiber

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SRH Berufliches Trainingszentrum Rhein-Neckar

Das SRH BTZ Wiesloch bietet Menschen mit psychischen Problemen berufliche Orientierung, praxisnahes Training und psychosoziale Begleitung