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Wieder fit für den Job

Beruflich wie privat hat Christian Geißler nach seiner Reha wieder gut lachen.

Wer an Reha denkt, hat meist drei Wochen Kur mit Krankengym­nastik und Massagen vor Augen. Dabei stecken hinter dem Begriff jede Menge medizinische und berufliche Maßnahmen, die Erkrankte zurück ins Arbeitsleben bringen.

Christian Geißler hält sein neues Glück ganz fest: Der 44-Jährige aus Speyer ist Vater eines kleinen Sohnes und in zweiter Ehe glücklich verheiratet. Heute lebt er ein ­Leben, das er sich vor ein paar Jahren nicht hätte vorstellen können. Denn da stand Christian Geißler vor dem Nichts, gesundheitlich, beruflich, privat. „Der Tod meiner ersten Frau hat mich aus der Bahn geworfen“, erzählt er. Knapp 36 Jahre war er damals alt. Ein fitter Typ – der plötzlich unter Schlafstörungen litt. Mehrere Bandscheibenvorfälle zwangen ihn schließlich, seine schwere körperliche Arbeit als Zentralheizungs- und Lüftungsbauer aufzugeben. Das berufliche Aus. Doch was sich wie das Ende anfühlte, wurde zum Neuanfang: Noch viel zu jung fürs Altenteil, bekam Christian Geißler von der Rentenversicherung eine Reha-Maßnahme     bewilligt, die ihn ins SRH Berufsförderungswerk (BFW) Heidelberg führte. 

Erst den Körper auf Vordermann bringen

Laut Duden ist „Reha“ die Abkürzung von Rehabilitation und bezeichnet, die „[Wieder]eingliederung einer/eines Kranken, einer körperlich oder geistig behinderten Person in das berufliche und gesellschaftliche Leben“. Damit ist eine Reha viel mehr als nur die drei Wochen Kur am Meer oder in den Bergen, die man im Volksmund darunter versteht. Reha umfasst ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die geeignet sind, einen Menschen wieder auf die Beine und ins Leben zu bringen.Am Anfang steht tatsächlich häufig die medizi­nische und gegebenenfalls psychotherapeutische Hilfe. „Dadurch wird die Voraussetzung geschaffen, um überhaupt wieder ins soziale und berufliche Leben zurückzukehren“, erklärt Angret Neubauer, Geschäftsführerin des SRH Unternehmens Medinet, das die Burgenlandklinik in Bad Kösen und die Fachklinik Alte Ölmühle in Magdeburg betreibt. Im Verlauf einer Rehabilitationsbehandlung wird deshalb geklärt, welche medizinischen Vor­aussetzungen geschaffen werden müssen, damit die Rück­kehr in einen Beruf gelingen kann. Wie belastungsfähig ist der Patient? Ist eine Zukunft in seinem alten Beruf möglich? Welche anderen Perspektiven bestehen? Ambulante und stationäre Maßnahmen – von Physio­therapie und Massage über Ernährungs- oder Suchtberatung bis zu Psychotherapie und Sozialberatung – stehen bereit, um Körper und Geist wieder flottzumachen. Der Grundsatz „Reha vor Rente“ rechnet sich: „Gelingt es, den Rehabilitanden einen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben zu ermöglichen, zahlt sich das schon nach wenigen Monaten für die Gesellschaft aus. Und es steigert das Selbstwertgefühl des Behandelten nachhaltig“, stellt Klinikchefin Neubauer fest. Nach Studien der Deutschen Rentenversicherung wurden im Jahr 2014 allein für medizinische Reha-Leistungen rund 3,3 Milliarden Euro ausgegeben. Dieses Geld ist gut angelegt: Schon nach vier Monaten zurück im Beruf haben sich die Kosten für die Reha amortisiert, weil der Staat zum einen die Erwerbsminderungsrente spart und gleichzeitig wieder Sozialversicherungsbei­träge einnimmt. Denn die überwiegende Mehrheit der Rehabilitanden (71 Prozent) kann nach einer medizi­nischen Reha wieder in den Beruf einsteigen. 

Nach neuen Wegen suchen

Doch manchmal reicht es eben nicht, an den medizinischen Folgen einer Einschränkung zu arbeiten. Wer bleibende körperliche oder psychische Schäden zu verdauen hat, findet manchmal nicht aus eigener Kraft in seinen alten beruflichen und sozialen Alltag zurück. Je nach Erkrankung und Beruf lässt sich nicht dort anknüpfen, wo man aufgehört hat. An dieser Stelle setzt die beruf­liche Reha an. Sie finanziert Umschulungen, ermöglicht Ausbildungen in neuen Berufen, gibt Orientierung, was sich aus einer bisherigen Laufbahn machen lässt. Mehr als die Hälfte der Patienten, die 2014 an einer solchen Maßnahme teilgenommen haben, waren durch Muskel- und Skelettprobleme dazu gezwungen (siehe Grafik). Wie Christian Geißler. Seine berufliche Reha am BFW Heidelberg begann mit einem Reha-Assessment: Gemeinsam mit Psychologen schätzte er seine beruf­lichen Fähigkeiten und Interessen ein, Mediziner untersuchten seine körperliche und seelische Belastbarkeit. Schließlich musste ja die Grundlage für eine neue berufliche Richtung gefunden werden. Bis zu sechs Wochen können Rehabilitanden sich in verschiedenen Berufsfeldern wie etwa der Maschinen- oder Elektrotechnik an typischen Aufgaben ausprobieren und schauen, ob sie sich darin ihre Zukunft vorstellen können. Ein persönlicher Ansprechpartner unterstützt sie dabei. Christian Geißler entschied sich für eine Umschulung, bei der seine Berufserfahrung nützlich ist: eine staatlich anerkannte zweijährige Weiterbildung zum Gebäudesystemtechniker. Ein Beruf, der ohne starke körperliche Belastung auskommt und meist im Büro stattfindet.„Um so etwas durchzuziehen, ist die eigene Einstellung ganz wichtig“, meint der heute 44-Jährige rückblickend. „Und wer sich für so eine Maßnahme ent­scheidet, sollte sich vorab gut informieren und das mit Partner und Familie besprechen“, rät er, „denn es wird eine schöne, interessante, aber auch sehr intensive Zeit.“ Als Erwachsener wieder die Schulbank zu drücken und Betriebspraktika zu machen, ist nicht leicht. Und neben dem Lernen auf dem SRH Campus waren viele Termine bei Medizinern, Sozialpädagogen und Betreuern einzuhalten. „Um eine berufliche Reha erfolgreich abzuschließen, muss man in erster Linie motiviert sein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben“, weiß auch Andreas Schnabel, Bereichsleiter für Berufliche Bildung und Integration am BFW Heidelberg.

Das Gros kann wieder arbeiten

Rund 800 Millionen Euro brachte die Deutsche Rentenversicherung im Jahr 2014 auf, um berufliche Weiter­bildung, Integrationsleistungen und Qualifizierungen zu finanzieren. Mit Erfolg: Schon sechs Monate nach Ende der Bildungsmaßnahmen waren 48 Prozent der Teil­nehmer zurück im Job (mehr siehe Grafik). „Für Wirtschaft und Gesellschaft sind diese umfassenden beruflichen Reha-Maßnahmen sehr sinnvoll. Damit können wir – je nach Vorerkrankung – bis zu zwei Drittel der Teilnehmer wieder in den Arbeitsmarkt bringen“, bestätigt Thomas Windolf, Geschäftsführer des BFW Heidelberg. Ein Erfolgsfaktor: Die vermittelten Praktika in ­Unternehmen bieten die Chance auf eine ­direkte Übernahme. So wie bei Christian Geißler, der schon während seiner Ausbildung den Arbeitsvertrag als Gebäudesystemtechniker praktisch in der Tasche hatte. Im Praktikum hatte man sich ausgiebig beschnuppern können und schätzen gelernt. 

Text Florian Junker 
Fotos Steffen Diemer

 

 

Für Wirtschaft und Gesellschaft sind diese umfassenden beruflichen Reha- Maßnahmen sehr sinnvoll.

Thomas Windolf, Geschäftsführer des BFW Heidelberg

Medizinische und berufliche Reha bei der SRH

In der medizinischen Reha sollen die physischen und psychischen Voraussetzungen für einen Wiedereinstieg ins Berufsleben geschaffen werden. Die SRH bietet in ihren Reha-Kliniken unterschiedliche Schwerpunkte: In Bad Wimpfen werden neurologische, kardiologische und orthopädische Krankheitsbilder behandelt. In Bad Kösen und Magdeburg stehen psychosomatische Krankheitsbilder wie Depressionen, Erschöpfungszustände und Persönlichkeitsstörungen sowie Suchterkrankungen im Fokus.

Die berufliche Reha der SRH klärt den individuellen Leistungsstand bei Krankheit oder Behinderung und hilft bei der Berufsorientierung. Ziel ist die Vermittlung in den Arbeitsmarkt durch individuelle Betreuung: von der Berufsfindung über die Ausbildung oder Umschulung bis hin zur beruflichen Weiterbildung. In einer Vielzahl von Berufs­förderungswerken und Beruflichen Trainingszentren wird ein breites Spektrum von Quali­fizierungen angeboten und bei Bedarf durch Pflege oder Therapie ergänzt.

Christian Geißler im Gespräch mit einer Kollegin an seinem neuen Arbeitsplatz im Heidelberger Ingenieurbüro IBV.

Ein frühes Beispiel für berufliche Reha sind die 1950er- und 1960er-Jahre. Damals mussten viele Kriegsversehrte umgeschult werden, damit sie wieder am Berufsleben teilnehmen konnten. Das waren vor 50 Jahren die Ursprünge der SRH als „Stiftung Rehabilitation Heidelberg“. Heute erbringt die SRH breit aufgestellt Dienstleistungen im Gesundheits-, Bildungs- und Sozial­wesen, die von der Rentenver­sicherung, der Arbeitsagentur oder den Berufsgenossenschaften als berufliche Reha anerkannt sind.

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