Bühne frei für den Neustart

Can Ugurlu ist Musiker aus Leidenschaft – und wollte sein Hobby zum Beruf machen. Doch nach einem Zusammenbruch arbeitet er jetzt an einem beruflichen Neubeginn. Dem Rampenlicht bleibt er dennoch treu.

Auf der Bühne ist alles gut. Wenn Can Ugurlu mit der Wednesday Nite Band vor Publikum singt und rappt, vergisst er alles, was ihm ein „graues Gefühl“ gibt, wie er es nennt. Der 26-Jährige macht am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd (BBWN) eine Ausbildung zum IT-System-Elektroniker und geht dort auch seinem liebsten Hobby nach: der Musik.

Can Ugurlu träumte nach seinem Realschulabschluss davon, seine Leidenschaft für Musik und Tanz zum Beruf zu machen. Er bewarb sich an einer Musicalschule und wurde angenommen. Es folgte ein Jahr mit Höhen und Tiefen, wenig Schlaf und großem Druck. Dann kam der Zusammenbruch. „Ich war ausgebrannt, völlig erschöpft und hatte depressive Schübe“, erinnert er sich. Ugurlu entschloss sich, in eine Klinik zu gehen, und brach die Ausbildung ab.

Nach mehreren Klinikaufenthalten und ein paar Aushilfsjobs stieß er auf das Angebot des SRH Berufsbildungswerks Neckargemünd. „Meine Familie hatte mich immer wieder ermutigt, eine qualifizierte Ausbildung zu beginnen. Ich war aber nicht sicher, ob ich das schaffe und welcher Beruf überhaupt für mich infrage kommt“, erzählt Ugurlu.

Am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd macht Can Ugurlu eine IT-Ausbildung. Und Musik.

Berufsausbildung mit Sicherheitsnetz

Das SRH Berufsbildungswerk hat sich auf die Ausbildung junger Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder speziellem Förderbedarf spezialisiert. Sie können zwischen mehr als 40 Berufen wählen und die duale Ausbildung mit einer Prüfung vor der entsprechenden Berufskammer abschließen. „Wir helfen jungen Erwachsenen mit psychischen oder körperlichen Einschränkungen, indem wir einen geschützten Rahmen bieten. Außerdem erarbeiten wir mit jedem Teilnehmer einen individuellen Förderplan, sodass er die nötige Unterstützung bekommt, um eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren“, erklärt Jörg Trabold, Bereichsleiter Ausbildung im BBWN. Mit der Hilfe von Medizinern, Therapeuten und Psychologen gelingt der Start in ein geregeltes Berufsleben.

Das Team des Berufsbildungswerks half Can Ugurlu dabei, eine passende Wahl zu treffen. Während einer zehnmonatigen Berufsvorbereitung lernte der junge Mann die Fachgebiete IT, Elektrotechnik sowie Technisches Produktdesign praktisch und theoretisch kennen. „Wir analysieren mit den Teilnehmern ihre Fähigkeiten und machen sie fit für eine Ausbildung“, erklärt Trabold das Konzept. Bei Ugurlu stand am Ende fest: Ein Job in der IT-Branche passt gut zu ihm. Als IT-System-Elektroniker wird er Anlagen für Informationstechnik planen und installieren, Fehler suchen und Störungen beseitigen. Eine interessante Aufgabe, wie er findet.

Leidenschaft fürs Singen

Auf die Musik wollte er aber keinesfalls verzichten. Direkt zu Beginn seines ersten Lehrjahres erkundigte sich Ugurlu, wo im SRH Berufsbildungswerk musikbegeisterte Menschen zusammenkommen, und fand die Wednesday Nite Band des BBWN. Seitdem singt, rappt und probt er jeden Dienstagabend mit vier weiteren Azubis und dem Bandcoach Pascal Schenkel.

„Can ist sehr talentiert und hat ein unglaubliches musikalisches Gespür“, schwärmt Schenkel. Ugurlu schreibt eigene Texte, die er gemeinsam mit den anderen Musikern zu neuen Songs entwickelt. „Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen“, lacht Ugurlu. „Wir empfangen so viel Zuneigung und Respekt vom Publikum.“ Coach Schenkel ergänzt: „Wenn die Bandmitglieder Musik machen, geht es ihnen gut. Das merkt man. Musik ist einfach Balsam für die Seele.“

Um Ugurlus Seele beziehungsweise um seine psychische Stabilität kümmern sich im BBWN eine Psychologin und eine Psychiaterin. Das gibt ihm Sicherheit: „Während der Ausbildung bekomme ich Unterstützung und Verständnis für meine Krankheit. Ich habe Ärzte vor Ort und jederzeit die Möglichkeit, über meine Probleme und Krankheit zu reden.“

Praxiseinsätze bereiten auf Joballtag vor

Sowohl die Lehrwerkstätten, Labore und Übungsfirmen als auch die Berufsschule, in denen die Azubis einen großen Teil ihrer Ausbildung absolvieren, befinden sich im SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd. „Da wir die jungen Menschen optimal auf das Arbeitsleben vorbereiten wollen, sind Praktika und betriebliche Phasen bei Unternehmen und externen Partnern ein wesentlicher Bestandteil“, sagt Trabold. Mehrere Monate bis zur Hälfte der gesamten Ausbildungsdauer sind fest dafür eingeplant. „Unser fachlicher Standard ist auf sehr hohem Niveau, aber wie man mit dem Chef kommuniziert und sich im Betriebsklima einfühlt, kann man nur im Arbeitsalltag lernen“, so der Ausbildungsleiter.

Seinen Alltag meistert der angehende IT-System- Elektroniker Ugurlu gut. Er lebt mit zwei weiteren Azubis in einer Wohnung des BBWN in Neckargemünd. Zusätzlich zu den Bandproben geht er mittwochs in die Sporthalle des Bildungszentrums zum Kickboxen. Ebenfalls ein Ausgleich, der ihm guttut. „Ich fühle mich wieder wie ich selbst“, sagt er.

Als Nächstes möchte er sich als Produzent ausprobieren und im Tonstudio des Berufsbildungswerkes ein eigenes Mixtape aufnehmen. Auf dem Weg in ein geregeltes Leben braucht er die kreative Arbeit genauso wie einen interessanten Job, damit das „graue Gefühl“ keine Chance mehr hat. 

Text: Katrin Heine  
Fotos: Hartmut Nägele

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