Ein schmaler Grat

Gesunde Ernährung liegt voll im Trend. Aber ab wann wird der Drang nach gesundem Essen zum Zwang?

Wie viele Vitamine stecken in einer Erdbeere? Sind Chips krebserregend? Wie hoch ist der Fettanteil pro Liter Milch, und was löst der tägliche Fleischverzehr im menschlichen Körper aus? Fragen, mit denen sich viele Menschen beschäftigen. Gesunde Ernährung liegt im Trend. Viele Studien zeigen, wie wichtig ausgewogenes Essen für den Körper ist und wie wir dadurch fit bleiben, auch im Alter. Sich Gedanken darüber zu machen, was man zu sich nimmt, ist durchaus sinnvoll. Aber: Wer ständig Nährstofftabellen liest und Inhaltsstoffe recherchiert, mit dem Ziel, ausschließlich gesunde Lebensmittel zu essen, befindet sich vielleicht schon auf dem Weg in die Orthorexie.

Angst dünnt den Speiseplan aus

Orthorektiker nennt man Menschen, die viel Zeit damit verbringen, über das „richtige“ Essen nachzudenken. Meist treiben sie Ängste an: Sie fürchten sich vor tierischem Eiweiß, welches das Blut verfettet, vor Weizen, der den Darm reizt, und Zucker, der abhängig macht. Auch Gemüse und Obst sind nicht automatisch unproblematisch, denn sie können gespritzt sein oder gentechnisch verändert. Letztlich fürchten sich Orthorektiker vor schweren Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt oder Nierenversagen, die in ihren Augen durch eine falsche Ernährung ausgelöst werden.

Aus dieser Angst heraus streichen Betroffene nach und nach immer mehr Lebensmittel von ihrem Speiseplan. „Am Ende gibt es nicht mehr viel, was noch auf dem Teller landet“, sagt Dr. Marc Walther, Chefarzt der Inneren Medizin am SRH Zentralklinikum Suhl: „Zum Beispiel liefert eine gedünstete Karotte oder ein Salat dem menschlichen Körper auf Dauer nicht genug Energie und ist damit in der krankhaften Konsequenz ungesund und führt zu Nährstoffmangel.“

An dieser strikten und einschränkenden Ernährungsweise seien manchmal auch Ärzte schuld, meint Walther: „Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Patienten nicht in eine falsche Richtung treiben. Gerade wir Gastroenterologen neigen dazu, die Essgewohnheiten unserer Patienten zu kritisieren.“ Natürlich gehören Gemüse, Obst und Wasser für einen gesunden Körper ganz oben auf den Speiseplan. „Aber auch Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Milch und Käse sind wichtige Bausteine einer ausgewogenen Ernährung“, sagt Walther. „Selbst Burger, Pommes oder ein Stück Kuchen sind ab und an überhaupt kein Problem“, erklärt der Chefarzt. „Wichtig ist, das gesunde Mittelmaß zu finden.“

Lebensmittel werden analysiert

Experten sehen einen äußerst schmalen Grat zwischen dem Trend zur gesunden Ernährung und Orthorexie. „Spätestens wenn das Leben fast ausschließlich von den Gedanken um die nächste Mahlzeit kontrolliert wird, lässt sich von einem behandlungsbedürftigen Verhalten sprechen“, meint Prof. Dr. Claudia Luck-Sikorski, Professorin für Psychiatrische Gesundheit und Psychotherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera.

Wer nur noch isst, was er vorher genauestens analysiert hat, rutscht manchmal in eine ungesunde Lebensweise ab – und in die soziale Isolation. „Wenn Betroffene beispielsweise nur noch essen können, was sie selbst zubereiten, gehen soziale Kontakte verloren: Mittagessen mit Kollegen in der Kantine, Restaurantbesuche oder Einladungen bei Freunden werden unmöglich.“

„Am Ende gibt es sehr wenig Vielfalt, die noch auf dem Teller landet.“

Dr. Marc Walther,
Chefarzt der Inneren Medizin am SRH Zentralklinikum Suhl

Zudem komme es zwischen Orthorektikern und ihren Angehörigen häufig zu Auseinandersetzungen. „Wer ein Stück Pizza oder ein Eis genießt, lebt in den Augen des Essgestörten sehr ungesund und schadet seiner körperlichen Gesundheit“, erklärt Claudia Luck-Sikorski. Doch wer lässt sich schon gern ständig auf den Teller schauen und beim Essen kritisieren?

Orthorexie nicht gleich Anorexie

Untersuchungen zeigen: Rund sieben Prozent der Bevölkerung leben mit Orthorexie. Anders als bei Magersucht (Anorexie) ist das Bild eines typischen Patienten aber kaum zu zeichnen. „Es sind nicht unbedingt junge, schlanke Mädchen, die sich so gesund ernähren, dass es fanatisch wird“, sagt Claudia Luck-Sikorski. Betroffen seien beispielsweise auch übergewichtige Erwachsene. „Wir vermuten sogar, dass sie besonders häufig an Orthorexie leiden, weil ihnen ihre Ernährungsweise immer wieder als falsch und ungesund vorgehalten wird.“

Orthorektiker werden nicht zwangsläufig schlanker. „Die Tendenz, sich besonders vorbildlich zu ernähren, ist vielleicht ein Versuch, abzunehmen. Gewichtsverlust ist allerdings nicht nur von der Qualität der Nahrung abhängig“, sagt Luck-Sikorski. Auch Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, geraten eher in die Orthorexie. „Manchmal ist es der Stolz: Ich gönne mir und meinem Körper nur gute Lebensmittel und bin in der Lage, dieses Ziel konsequent zu verfolgen“, erklärt die Psychologin. Auffällig ist, dass besonders Menschen, die sich beruflich viel mit gesunder Ernährung beschäftigen, wie beispielsweise Ärzte, Ernährungsberater oder Diätassistenten, häufiger von Orthorexie betroffen sind, wie eine Studie der Psychologin herausgefunden hat.

Langzeitstudien gibt es derzeit noch keine, weil sich erst Mitte der 90er Jahre die ersten Ärzte mit Orthorexie befassten. Deshalb ist die Frage nach der Ursache für die Störung noch offen. Eine erste Vermutung nennt Luck-Sikorski: „Möglicherweise ist die Orthorexie eine Auswirkung unserer auf ständige Optimierung ausgerichteten Gesellschaft.“

Hoffnung für Betroffene

Erfahrungen mit Menschen, die an Ess- oder Zwangs­störungen leiden, helfen Ärzten bei der Therapie von Orthorexie. Wie bei jeder psychischen Erkrankung gilt es aber, individuell einzuschätzen, welche Therapie helfen kann. Betroffene müssen lernen, Lebensmittel wieder zu genießen – auch ohne auf die Nährwertangaben zu achten. Zudem muss der Einkauf von gesunden Lebensmitteln für eine ausgewogene Ernährung geübt werden.

Betroffene selbst sollten ihre zwanghaften Gedanken zu ihrem Essverhalten nicht ignorieren: „Ist der Leidensdruck groß, weil sich alles nur noch ums gesunde Essen dreht und Genuss nicht mehr möglich ist, sollten sich Betroffene professionelle Hilfe holen“, rät Claudia Luck-Sikorski. „Psychotherapeuten können dabei unterstützen, einen Ausweg aus der Sucht nach gesundem Essen zu finden.“

Text: Anne-Christin Giesen

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