Fünf Tupfer, stumpfe Schere

Operationen unter schwierigsten Bedingungen in Nepal – für Dr. Thomas Hagemeier eine ungewohnte Erfahrung.

Am Flughafen Abu Dhabi plagten ihn noch Zweifel: „Hagemeier, was machst du hier eigentlich …“, habe er beim Umsteigen in die Maschine nach Kathmandu gedacht. Als Leiter des Zentrums für Kontinenz und Beckenbodenchirurgie am SRH Zentralklinikum Suhl kommt bei Dr. Thomas Hagemeier auch ohne Auslandseinsätze keine Langeweile auf. Im Urlaub bereist er lieber Ziele wie die USA, statt sich ins Abenteuer zu stürzen. Nepal stand als Reiseziel nicht auf seiner Wunschliste.

Als ihn vor drei Jahren ein befreundeter Chefarzt fragte, ob er sich vorstellen könne, sein Fachwissen ehrenamtlich an Krankenhausärzte in Nepal weiterzugeben, brauchte Hagemeier eine längere Bedenkzeit. Doch die Bitte des Gründers und Präsidenten der Deutsch- Nepalischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. 2017, kurz nach dem Tod seiner jahrelang pflegebedürftigen Mutter, sagte Hagemeier schließlich zu: „Mir ist es immer gut gegangen. Ich hatte das Gefühl, es sei an der Zeit, etwas zurückzugeben“, erklärt der 62-Jährige, der auf eine lange, erfolgreiche Karriere zurückblicken kann.

Stromausfall während Operation

Neun Monate später steigt der Mediziner in den Flieger. Im Gepäck einen großen Koffer voller Operationsutensilien, gespendet vom SRH Zentralklinikum Suhl. Ein sinnvolles Gastgeschenk, denn die Ausstattung der nepalesischen Krankenhäuser ist spartanisch: „Vor der OP bekommt man ein kleines Kästchen, darin sind eine Schere, ein paar Klammern und fünf Tupfer“, erzählt Hagemeier. Die Schere schneidet nicht immer, die Klammern halten schlecht und die Tupfer werden kurzerhand so oft wie nötig ausgespült. Mitten in der Operation fällt öfter kurz der Strom aus, und statt unter sterilen Abdecktüchern liegen viele Patienten unter einer Wolldecke auf dem OP-Tisch. „Für unsere Verhältnisse unvorstellbar, aber in Nepal machen Ärzte und Pfleger das Beste aus ihren Möglichkeiten“, sagt Hagemeier.

Zwei verschiedene Krankenhäuser hat er während seines zweiwöchigen Auslandseinsatzes kennengelernt, in Kathmandu und im rund 25 Kilometer entfernten Dhulikhel. Das 1996 eröffnete Dhulikhel Hospital ist ein Lehrkrankenhaus der Universität Kathmandu und gilt als eine der modernsten Kliniken des Landes. „Von außen sieht es hübsch aus“, sagt Hagemeier. Doch drinnen schimmeln die unverputzten Wände und das Dach fehlt. Sechs bis acht Frauen teilen sich ein Zimmer.

Wissen an Kollegen weitergeben

Inkontinenz ist ein verbreitetes Gesundheitsproblem bei Frauen in Nepal: „Die meisten müssen körperlich hart arbeiten, dadurch kommt es zu Gebärmuttervorfällen oder dem Absenken von Scheide, Blase und Dickdarm, oft verbunden mit Schmerzen und Infektionen“, erklärt Hagemeier. Der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe hat sich Mitte der 80er Jahre auf Urogynäkologie, also die Behandlung von Inkontinenz und Senkungsbeschwerden, spezialisiert. Im Jahr 2005 rief er in Suhl das Zentrum für Kontinenz und Beckenbodenchirurgie ins Leben – ein interdisziplinäres Zentrum für die ambulante und stationäre Behandlung von Kontinenz-Patienten (beiderlei Geschlechts). Das jährlich von ihm organisierte „Suhler Herbstsymposium Urogynäkologie“ hat sich als wissenschaftlicher Fachkongress mit renommierten Referenten und internationalem Publikum etabliert.

Dr. Thomas Hagemeier operierte zwei Wochen lang Frauen in Nepal. Dort tauchte er auch in die fremde Kultur und das bunte Treiben auf den Straßen ein.


Statt moderner Behandlungsmethoden wie minimal­invasive Eingriffe oder Operationen mit Gewebe­ersatz waren in Nepal vor allem klassische OP-Techniken gefragt, wie sie Hagemeier zu Beginn seiner Karriere gelernt hat. In der Nähe von Suhl geboren und aufgewachsen, fing er 1980 nach dem Medizinstudium in der Klinik in Suhl an. Seither hat er dort viele Frauen erfolgreich operiert. Von seiner langjährigen Erfahrung konnten in Nepal bis zu sechs Patientinnen pro Tag profitieren: „Die meisten sind bereits nach zwei bis drei Tagen wieder nach Hause gegangen, um weiterzuarbeiten“, sagt er. Einen Krankenhausaufenthalt von zehn Tagen, wie er in Deutschland nach solchen Eingriffen üblich wäre, können sich nepalesische Familien nicht leisten.

Trotz langjähriger Routine war der Spezialist bei seinen ersten Eingriffen in Nepal nervös, schließlich schaute ihm fast das gesamte medizinische Personal zu: „Ich habe mich voll auf meine Patientin konzentriert und gehofft, dass trotz der ungewohnten Bedingungen alles klappt“, gibt er lachend zu. Doch an das Operieren mit Publikum gewöhnte sich der erfahrene Arzt schnell, schließlich gehörte es zum Zweck seiner Reise. Neben der kostenlosen medizinischen Hilfe für betroffene Frauen ging es darum, die einheimischen Kollegen mit verschiedenen Eingriffstechniken vertraut zu machen.

„Ich hatte das Gefühl, es sei an der Zeit, etwas zurückzugeben.“

Dr. Thomas Hagemeier, 
Leiter des Zentrums für Kontinenz und Beckenbodenchirurgie am SRH Zentralklinikum Suhl

Die Kosten für den zweiwöchigen ehrenamtlichen Einsatz samt Flugticket hat der deutsche Arzt aus eigener Tasche bezahlt: „Die Geschäftsleitung in Suhl hat meinen Auslandseinsatz organisatorisch mitgetragen und mich großzügig mit OP-Material versorgt“, sagt er. Neben der fachlichen Hilfe für seine nepalesischen Kollegen konnte er vor Ort bereits einiges bewirken. Die Deutsche Botschaft will künftig Busse für den Transport von Patienten bereitstellen. Viele müssen für die Behandlung tagelange Fußmärsche in Kauf nehmen.

Tief beeindruckt hat den deutschen Arzt die Freundlichkeit der Nepalesen: „Kathmandu ist laut und schmutzig, der Verkehr unglaublich, trotzdem haben die Menschen immer ein Lächeln im Gesicht“, sagt er. Statt das ganze Leben durchzuplanen, lebten die Menschen im Hier und Jetzt und seien aufrichtig dankbar für jede ­Hilfe. Die Ruhe und Höflichkeit haben abgefärbt: „Trotz ­Zeitumstellung, langer Arbeitstage und auch ohne den gewohnten Komfort war ich selbst viel ruhiger und gelassener als sonst“, so Hagemeier.

„Entweder willst du sofort weg oder unbedingt wiederkommen“ – das habe ihm sein Kollege von der Hilfsorganisation vor der Reise gesagt, erinnert sich Hagemeier und ergänzt: „Anfang 2019 fliege ich wieder hin.“

Text: Kirstin von Elm  
Foto: Roger Hagmann

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