Mehr als nur Bauchschmerzen

Wenn die Periode Monat für Monat zur Qual wird, steckt oft mehr dahinter, als viele Frauen und Gynäkologen ahnen.

Dass ihre Monatsblutung regelmäßig von heftigen Unterleibsschmerzen begleitet wurde, war für Daria Hall­huber (Name geändert) bereits normal. Auch dass die Beschwerden zuweilen so schlimm waren, dass sie sich krankschreiben lassen musste. Einen Zusammenhang mit ihrem seit Jahren unerfüllten Kinderwunsch hätte die Speditionskauffrau jedoch nie vermutet. Erst ihr Frauenarzt zog irgendwann die richtigen Schlüsse und überwies die damals 29-Jährige ins SRH Krankenhaus Waltershausen-Friedrichroda. Die Diagnose: Endometriose.

Endometriose kommt häufig vor. Die Unterleibs­erkrankung betrifft Frauen im gebärfähigen Alter und ist gutartig, aber oft sehr schmerzhaft. Denn Gewebe, das dem der Gebärmutterschleimhaut sehr ähnelt, wuchert an verschiedensten Stellen im Unterbauch. Am häufigsten kommt das in der Gebärmutter, am Bauchfell im kleinen Becken sowie an und in den Eierstöcken vor. In seltenen Fällen sind auch andere Organe wie die Blase, der Enddarm oder die Lunge betroffen. Die Wucherungen können nur stecknadelkopfgroß sein, sich aber auch polypenartig über größere Bereiche ziehen. Warum und wie sie entstehen, ist medizinisch immer noch nicht eindeutig geklärt.

Typisch für eine Endometriose sind blutgefüllte Zysten, wegen ihrer dunklen Farbe auch Schokoladenzysten genannt.

Die Endometrioseherde machen an Ort und Stelle die gleichen Zyklusschwankungen mit wie das Zellgewebe gesunder Frauen in der Gebärmutter: Es baut sich jeden Monat auf und wieder ab. Weil das Blut dabei in der Regel nicht abfließen kann, wachsen die Herde, und es bilden sich oft blutgefüllte Zysten. Durch entzündliche Reaktionen entstehen im Gewebe Verwachsungen und Narben. All das zusammen macht sich bei jeder Frau unterschiedlich bemerkbar. Viele haben große Schmerzen vor und während ihrer Periode oder beim Geschlechtsverkehr (mehr siehe Kasten). Verwachsungen und Narben können sogar zyklusunabhängig Probleme machen. Interessanterweise lässt die Stärke der Beschwerden nicht auf die Größe der Wucherungen schließen. Manche Frauen merken trotz großer Endometrioseherde kaum etwas.

Rund jede zehnte Frau betroffen

Obwohl geschätzte zehn bis 15 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter eine Endometriose haben, wird sie oft erst spät erkannt. Im Schnitt, so haben Selbsthilfegruppen ermittelt, vergehen sieben bis neun Jahre von den ersten Symptomen bis zur Diagnose. „Viele Frauen, und vor allem ihr Umfeld, halten starke Menstruationsbeschwerden für normal. Nach dem Motto: ‚Ist es halt ein bisschen doller als bei anderen.‘ Und deshalb dauert es, bis sie einen Arzt aufsuchen“, weiß Tina Prinz. Die Funktionsoberärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am SRH Krankenhaus Waltershausen-Friedrichroda begegnet diesen Fehleinschätzungen in ihrer Sprechstunde immer wieder. Doch auch wenn die Patientinnen schließlich ihren Frauenarzt um Hilfe bitten, dauert es eine Weile, bis dieser alle anderen, häufigeren Gründe für die Probleme ausgeschlossen hat. Lange unerkannt bleibt die Krankheit vor allem dann, wenn die betroffene Frau kaum Schmerzen hat. „Man wird erst hellhörig, wenn es mit einer Schwangerschaft partout nicht klappen will“, berichtet die Gynäkologin. Denn die Veränderungen im Unterleib können die Funktionsfähigkeit der Eileiter einschränken. Jede fünfte Unfruchtbarkeit wird auf eine Endometriose zurückgeführt.

„Bei extrem starken Regelbeschwerden sollten sich Frauen untersuchen lassen.“

Tina Prinz, 
Funktionsoberärztin am SRH Krankenhaus Waltershausen-Friedrichroda

Zweifelsfrei nachweisen lässt sich die Erkrankung nur durch eine Bauchspiegelung, bei der sich der Ope­rateur im Bauchraum umsieht und Zellmaterial für eine Untersuchung entnimmt. Steht die Diagnose, müssen Arzt und Patientin abwägen, wie es weitergeht. Wenn die Frau nur leichte Beschwerden und keinen Kinderwunsch hat, muss die Endometriose nicht unbedingt behandelt werden. Dann geht es nur darum, die Zeit bis zur Menopause mit Medikamenten, Entspannungstechniken oder Homöopathie schmerzfrei zu gestalten. Jenseits der Wechseljahre, wenn die Geschlechtshormone inaktiv sind und die Schleimhaut nicht mehr monatlich reagiert, kommt die Endometriose meist zur Ruhe.

Dem Körper eine Pause verschaffen

Da die Erkrankung chronisch verläuft, also nicht geheilt werden kann, fortschreitet und häufig wiederkehrt, rät Oberärztin Tina Prinz den meisten Frauen, die Endometriose entfernen zu lassen: „Da es Monat für Monat zu lokalen Entzündungen kommt, können auch später noch Schmerzen auftreten, selbst wenn die Patientin im Moment beschwerdefrei ist.“ Zudem haben Studien gezeigt: Je früher die Wucherungen entfernt werden, desto seltener kommt es zum Rückfall.

Kleinere Herde an gut zugänglichen Stellen können ambulant herausgeschnitten werden, ansonsten müssen Patientinnen ein paar Tage auf Station einplanen. Liegt die Endometriose an ganz verzwickten Stellen, übernehmen spezialisierte Endometriosezentren, von denen es bundesweit einige Dutzend gibt, den Eingriff.

Ergänzend dazu erhalten die Frauen meist eine medikamentöse Therapie. „Hormone fahren den weiblichen Zyklus für einige Monate so weit herunter, dass sich der Unterleib erholen kann“, erklärt Tina Prinz. Im Anschluss sollten die Beschwerden geringer ausfallen. Oft kann so auch die Fruchtbarkeit wiederhergestellt werden. Dies gelingt allerdings nicht immer.

Daria Hallhuber blickt nach der Behandlung ihrer Endometriose entspannt in die Zukunft. Die Menstrua­tionsbeschwerden fallen längst nicht mehr so stark aus wie früher – und es gibt weitere Neuigkeiten: Heute sitzt die 34-Jährige mit ihrem Mann in Tina Prinz‘ Behandlungszimmer, um die anstehende Geburt ihres ersten Kindes zu besprechen.

Text: Ulrike Heitze

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