Ohne Abi an die Uni

Wer Berufserfahrung oder einen höheren Berufsabschluss hat, kann in Deutschland an einer Hochschule studieren – auch ohne Abitur. Zwei Geschichten, zwei neue Perspektiven.

Brote schmieren, Vokabeln abhören, da sein und zuhören: Barbara Schlecht hilft seit 17 Jahren jungen Menschen dabei, das Leben zu bewältigen. Die gelernte Erzieherin betreut psychisch erkrankte Jugendliche in einer Wohngruppe. Mit ihren Kollegen teilt sie sich die Schichten. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Berufsbegleitend studiert die zweifache Mutter außerdem Soziale Arbeit an der SRH Hochschule Hamm. Sie ist im dritten Semester. Ein Gymnasium hat Barbara Schlecht nie besucht. Stattdessen schloss sie vor 22 Jahren die Hauptschule mit der mittleren Reife ab.

„Ich wollte selbstständig sein und mein eigenes Geld verdienen“, erinnert sich Schlecht. Arzthelferin, Friseurin oder eben Erzieherin, das waren ihre Optionen. Für ein Studium fehlten ihr damals Selbstvertrauen, Geld und ein Abiturzeugnis. „Studieren oder nicht? Diese Frage stellte sich mir gar nicht“, sagt die 38-Jährige.

Mit Praxiserfahrung punkten

Im Jahr 2009 lockerten die Landeskultusministerien die ­Bedingungen, unter denen beruflich Qualifizierte ohne ­Abitur studieren können, und öffneten damit den so­genannten dritten Bildungsweg weiter. Die Aufnahme­kriterien der Hochschulen variieren je nach Bundesland. Meist müssen Bewerber zwei bis drei Jahre Berufserfahrung, einen Meistertitel oder einen Abschluss als Fachwirt vorweisen. Bei einem Studiengang, der fachlich nichts mit der Ausbildung zu tun hat, verlangen einige Hochschulen zudem Eignungsprüfungen. So ist sogar ein Medizin- oder Pharmaziestudium ohne Abitur möglich.

Auch an den SRH Hochschulen kann man sich ohne Abitur bewerben. „Wer Talent hat, sollte gefördert werden. Davon profitieren am Ende alle“, sagt Professor Dr. Bernd Benikowski von der SRH Hochschule Hamm. Der stellvertretende Dekan des Fachbereichs Sozialwissenschaft sieht großes Potenzial bei Studenten, die zwar kein Abitur, aber jede Menge Berufs- und Lebenserfahrung mitbringen. Für ihn steht fest: „Ausbildungsberufe in Deutschland sind sehr anspruchsvoll. Zudem haben wir es mit vielen sehr begabten Leuten zu tun, die vor allem aufgrund ihrer Biografie nicht studiert haben.“

Barbara Schlecht ist dafür ein gutes Beispiel. Sie stammt aus Polen und kam im Alter von neun Jahren mit ihrer Mutter nach Deutschland. Einen Sprung ins kalte Wasser nennt die jetzige Studentin ihren Schulbeginn an einer deutschen Grundschule ohne Sprachkenntnisse. Der Gedanke, sie könne ein Gymnasium besuchen, kam niemandem – auch ihr selbst nicht. Doch nach Jahren im Beruf möchte sie sich weiterentwickeln: „Ich bin Erzieherin, Mutter und Ehefrau. Aber was bringt die Zukunft? Wo bleibe ich als Mensch?“, beschreibt Schlecht ihre Gedanken, die dazu führten, dass sie Prioritäten neu sortierte. „Ich möchte gerne raus aus dem Schichtdienst, mehr Zeit für meine Familie und Freunde haben.“ Die Erzieherin aus Hamm ist sich sicher, dass ein Bachelor in Sozialer Arbeit ihr neue Türen öffnen wird.

„Dank meiner Berufserfahrung ist es für mich kein Problem, die Theorie in die Praxis umzusetzen.“

Alexa Käser, 
Studentin an der SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) in Berlin

Auch Alexa Käser möchte ihrem Berufsleben mit einem Bachelorzeugnis einen neuen Impuls geben. Die 25-Jährige studiert an der SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) in Berlin Musik- und Eventmanagement. Sie träumt davon, bei einem Musiklabel zu arbeiten. Käser absolvierte nach der Realschule eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation bei einem großen Unternehmen in Stuttgart. Dort organisierte sie internationale Events und entwickelte das Marketing ihrer Abteilung. Um sich weiterzubilden, qualifizierte sich die junge Frau vor zwei Jahren zusätzlich mit einem IHK-Abschluss als Veranstaltungsfachwirt.

Mutiger Neuanfang in Berlin

„Ich wollte schon immer über den Tellerrand schauen, aber es hat eine Weile gedauert, bis ich wusste, wohin die Reise gehen sollte“, beschreibt Alexa Käser. Auch sie sprang ins kalte Wasser, verließ die sichere Anstellung in Baden-Württemberg und suchte sich einen Job bei einem Start-up in Berlin. „Alle haben gesagt, ich sei verrückt“, lacht sie. Und tatsächlich geriet ihr Berlin-Abenteuer erst einmal ins Stocken, als sie sich nach einem halben Jahr von ihrem neuen Arbeitgeber trennte. „Ich hatte den sicheren Hafen verlassen und war gescheitert“, resümiert sie. „Aber ich bereue nichts. Ich bin einfach nicht der Typ, der bei seinem Ausbildungsbetrieb in Rente geht.“

Anstatt ihre Wunden zu lecken, orientierte Käser sich neu. Sie suchte einen Job, bei dem sie ihre Leidenschaft für Musik und Konzerte mit ihrem Talent für Veranstaltungsmanagement verbinden kann. Der Weg dorthin führt über einen Hochschulabschluss. „Ich habe viele Kontakte in der Musikbranche, aber die besten Praktika oder Stellen für Werkstudenten gehen immer an die Leute von den Unis“, so ihr Argument.

Studentin an der SRH Hochschule der populären Künste (hdpk) in Berlin

Der Studiengang an der hdpk bot das beste Gesamtpaket. „Hier treffe ich Gleichgesinnte und kann netzwerken.“ Viele BWL- und VWL-Themen sind ihr aus der Berufsschule und der Fortbildung zum Veranstaltungswirt vertraut. Trotzdem lernt sie jeden Tag etwas Neues und stürzt sich mit Elan in die vielen Projekte, die der Lernplan vorsieht. „Die Theorie in die Praxis umzusetzen überfordert manche. Dank meiner Berufserfahrung ist das für mich gar kein Problem. Im Gegenteil. Ich liebe es, wenn wir richtig loslegen“, sagt die 25-Jährige, die im Urlaub lieber Musikfestivals besucht, als am Strand zu liegen.

Neue Impulse durch Quereinsteiger

Das Interesse am dritten Bildungsweg wächst seit 2010 stetig. Laut dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der Bertelsmann Stiftung studieren bundesweit derzeit 57.000 Menschen ohne Abitur. Allein im Jahr 2016 schlossen 7.200 beruflich Qualifizierte ihr Studium erfolgreich ab. Damit erwarben zwischen 2010 und 2016 insgesamt 32.000 Menschen ohne Abitur einen akademischen Titel.

„Wir müssen Krisen und Brüche im Lebenslauf positiv betrachten“, findet Dr. Bernd Benikowski von der SRH Hochschule Hamm und beobachtet veränderte Berufsbiografien gerade in sozialen Berufen. „Zu uns kommen zum Beispiel Handwerker, die in Werkstätten mit Behinderten gearbeitet haben und jetzt Soziale Arbeit studieren.“ Diese Quereinsteiger brächten neue Erfahrungen mit, von denen alle profitieren. „Allerdings ist es besonders zu Beginn des Studiums wichtig, dass wir diese Menschen dabei unterstützen, akademisch zu arbeiten, und ihnen dabei helfen, unnötigen Respekt vor dem wissenschaftlichen Lernen abzubauen“, sagt Benikowski.

„Meine größte Schwierigkeit war in den ersten Semestern tatsächlich, das Lernen wieder zu lernen“, erinnert sich Barbara Schlecht. Die kleinen Gruppen, in denen sie mit anderen Studenten Aufgaben diskutiert und bearbeitet, halfen ihr dabei, erfolgreich ins Studium zu starten. Zusätzlich zu den 25 Stunden pro Woche, die sie in der Jugendhilfe arbeitet, zieht sich die 38-Jährige regelmäßig in ihr Arbeitszimmer zurück und bearbeitet ihre Lerneinheiten. Bei den Präsenzblöcken und zu Gruppenarbeiten trifft sie ihre Kommilitonen und kann sich austauschen. „Obwohl mein Leben durch das Studium stressiger geworden ist, bereue ich keinen Tag“, sagt Barbara Schlecht entschieden. „Als Mutter bin ich es gewohnt, zu organisieren, und das hilft mir, Familie, Job und Studium unter einen Hut zu bekommen. Ohne meinen Mann und die Unterstützung meiner Schwiegermutter würde es aber nicht funktionieren.“ Ein Kraftakt, der sich bereits jetzt lohne und nicht erst, wenn sie Anfang 2020 ihren Bachelorabschluss in den Händen hält. Durch das Stu­dium, sagt Schlecht, habe sie sich selbst wieder­gefunden – neue Pläne für die Zukunft inklusive.

Text: Katrin Heine 
Fotos: Hartmut Nägele

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