Raus aus der Komfortzone

Soziales Engagement bereichert das Leben, beruflich wie privat, weiß Dr. Marcus Kreikebaum aus eigener Erfahrung. Der Ethik-Dozent an der EBS Universität vermittelt Studenten in soziale Projekte und setzt sich selbst für andere ein.

Mitarbeit im Seniorenheim, in der Suppenküche oder im Kindergarten – für den Management-Nachwuchs an der EBS Business School in Oestrich-Winkel gehört der soziale Einsatz genauso selbstverständlich zum Curriculum wie Finanzierung, Statistik oder Rechnungswesen. Beruflicher Erfolg und soziales Miteinander bedingen einander, findet Marcus Kreikebaum. Service Learning heißt das von ihm mitentwickelte Konzept zur praktischen Ethik-Ausbildung, bei dem sich Wirtschaftsstudenten ehrenamtlich engagieren und ihre Erfahrungen ­wissenschaftlich reflektieren. „Der Perspektivenwechsel verhilft den jungen Menschen oft zu überraschenden Einsichten, die sie nachhaltig prägen“, so der Dozent für Ethik an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht.

Die Welt mit anderen Augen sehen

Raus aus der sozialen Komfortzone, fordert Kreikebaum von sich und seinen Studenten: „Wir nehmen unsere privilegierte Lebensweise zu oft für selbstverständlich“, sagt der 54-Jährige, der selbst ohne finanzielle Sorgen in einem Akademikerhaushalt aufgewachsen ist. Prägend für seine Einstellung waren Reisen durch Mexiko und Guatemala während seiner Studienzeit: „Bei den Menschen dort habe ich trotz ihrer Armut große Gastfreundschaft erlebt, ihr Gemeinschaftssinn hat mich schon damals sehr beeindruckt und nachdenklich gemacht“, sagt er.

Raus in die Natur: Ethik-Dozent Kreikebaum auf einem Hof im heimischen Rheingau. 

Heute erleben seine Studenten in den unterschiedlichsten Projekten, was es heißt, arm, behindert oder von Krieg und Gewalt aus der Heimat vertrieben worden zu sein. Und wie sich die Situation der Betroffenen gemeinschaftlich verbessern lässt. Seit zehn Jahren leitet Marcus Kreikebaum dazu das Center für Unternehmensethik an der EBS Universität, das er 2008 gemeinsam mit seinem inzwischen verstorbenen Vater Hartmut Kreikebaum gegründet hat. Der war Wirtschaftsprofessor an der Universität Frankfurt und lehrte später an der EBS. Dass der Sohn heute Studenten an der gleichen Univer­sität unterrichtet, war keineswegs vorherbestimmt. Seine beruflichen Entscheidungen hat Marcus Kreikebaum nie an Karriereperspektiven, Status oder Gehalt ausgerichtet; den Ausschlag gaben seine vielfältigen Interessen. „Ich habe bewusst breit studiert und bin ein Anhänger einer transdisziplinären, also fächerübergreifenden, Herangehensweise“, sagt er. So liest sich seine Vita: Kreikebaum spricht fünf Sprachen, hat Volkswirtschaft und Philosophie in Frankfurt und Kalifornien studiert, anschließend Kognitive Linguistik in den USA. Zurück in Deutschland, promovierte er – allerdings nicht in Wirtschaft, sondern in seinem Nebenfach Literaturwissenschaft.

„Wir nehmen unsere privilegierte Lebensweise zu oft für selbstverständlich.“

Dr. Marcus Kreikebaum,
Leiter des Centers für Unternehmensethik an der EBS Universität

Nach dem Studium arbeitete er zwei Jahre lang als Dramaturg am Staatstheater Darmstadt, anschließend war Kreikebaum Kommunikationschef bei einem Bildungsunternehmen. 2004 kam er an die EBS Universität, wo er das Hochschulmagazin verantwortete, bevor er mit seinem Vater das Institut für Unternehmensethik ins Leben rief: „Damals kam eine Studentin zu uns, die bei einem Projekt zum Bau von Notunterkünften in Katastrophengebieten helfen wollte“, erinnert sich Kreikebaum. So entstand die Idee, interessierten Studenten einen Einsatz in sozialen Projekten zu ermöglichen.

Ziegen sichern Lebensunterhalt

Bei seinen Recherchen zur Institutsgründung stieß Kreikebaum vor zehn Jahren auf die Initiative „Do it“ der ­Diakonie Baden-Württemberg. Bis heute bildet sie die Basis für das Service Learning an der EBS und bietet viele Möglichkeiten für studentische Praxiseinsätze: von Smartphone-Kursen im Seniorenheim über die Mitarbeit bei der Tafel oder Projekten mit sozial benachteiligten Kindern bis hin zur Arbeit mit Geflüchteten. „Die Studenten lernen dabei, soziale Verantwortung zu übernehmen und trainieren zugleich analytische Fähigkeiten, Führungs- und Managementkompetenzen“, betont er.

Soziales Engagement spielt im Privatleben von Marcus Kreikebaum eine wichtige Rolle. Wenn seine Zeit es zulässt, fährt er für die Tafel im Rheingau Supermärkte an: „Das war das erste Do it-Projekt, das ich vor zehn Jahren selbst gemacht habe, und ich bin immer noch dabei“, erzählt er. Außerdem unterstützt er Geflüchtete. Seine Frau und er haben zu Hause einen Syrer aufgenommen. Oft wird gemeinsam gekocht: „Davon profitieren wir kulinarisch sehr“, sagt Kreikebaum lachend. Einen ­seiner besten Freunde, den ehemaligen Leiter des Zentrums für zeitgenössische Kunst in der afghanischen Hauptstadt Kabul, hat er in einer Flüchtlingsunterkunft kennengelernt.

Gemeinsam mit Student Jean Bauer (r.) verpackt Marcus Kreikebaum die Spende eines Schuhhändlers für die Menschen in Uganda.

Besonders am Herzen liegt ihm die Initiative „Go Smile Uganda“. Kreikebaum hat vor einigen Jahren zwei Familien jeweils eine Ziege gespendet. Für die Landbevölkerung in dem ostafrikanischen Land sind die Tiere ein wertvoller Besitz: Sie liefern Milch und jährlich werden Zicklein geboren. Deren Verkaufserlös hilft, das Schulgeld für die Kinder aufzubringen. Rund 30 Ziegen-Patenschaften hat das Projekt bereits vermittelt. EBS-Studenten setzen sich derzeit in Deutschland dafür ein, „Go Smile Uganda“ bekannter zu machen. Die SRH unterstützt das Projekt ebenfalls. Im Rahmen der Aktion „Teil Dein Glück“ können sich bald zwei weitere Familien über eine eigene Ziege freuen. „Ich bekomme regelmäßig Post und Bilder aus Uganda. Vielleicht werde ich ‚meine Ziegen‘ im nächsten Jahr einmal besuchen“, sagt Kreikebaum.

Text: Kirstin von Elm  
Fotos: Heinrich Völkel / Agentur Ostkreuz

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