Schmerz, lass nach!

Wer chronische Schmerzen hat, quält sich durchs Leben, schläft schlecht – und wird manchmal depressiv. In spezialisierten Zentren helfen Teams aus Medizinern, Therapeuten und
Psychologen.

Wenn Carolin Bizien wieder einmal wegen hämmernder Kopfschmerzen aus dem Schlaf aufschreckt, weiß die 43-Jährige: Das wird ein qualvoller Tag. Bizien hat seit der Pubertät Migräneattacken. „Zunächst hatte ich nur alle paar Monate einen Anfall, das hat sich mit den Jahren und der Geburt meiner zwei Kinder immer weiter gesteigert“, erzählt Bizien. Zuletzt waren es zehn Attacken im Monat. Ein normales Leben war kaum möglich. „Ich habe fast jedes Wochenende im Bett gelegen, das Zimmer abgedunkelt. Jedes Geräusch, jeder Lichtstrahl, sogar Gerüche waren eine Qual. Mir zersprang der Kopf, und an ganz schlimmen Tagen musste ich mich zudem pausenlos übergeben“, beschreibt die Erzieherin, die in einem Kindergarten arbeitet, ihre Symptome.

In ihrer Verzweiflung probierte Bizien immer stärkere Medikamente aus. Nichts half auf Dauer. „Schließlich war ich total resigniert und konnte es nicht mehr ertragen, dass mein Leben, die Aktivitäten mit Familie und Freunden so häufig auf Eis lagen“, erinnert sich die zweifache Mutter. Ihre letzte Hoffnung: ein mehrwöchiger Aufenthalt im Schmerzzentrum des SRH Klinikums Karlsbad-Langensteinbach. Dort hilft ein Team aus speziell ausgebildeten Ärzten, Therapeuten und Psychologen, unter der gemeinschaftlichen Leitung des Neurologen Dr. Michael Fritz und des Psychologischen Psychotherapeuten Dr. Steffen Aschenbrenner, Menschen wie Carolin Bizien mit einer multimodalen Schmerztherapie.

Leben mit dem Leid

Zwischen zwölf und 15 Millionen Deutsche leiden Schätzungen der Deutschen Schmerzliga zufolge unter lang anhaltenden oder chronischen Schmerzen – das ist fast jeder vierte. Es pocht im Kopf, es zieht im Rücken, in der Schulter oder im Knie. Die Beschwerden zermürben, rauben den Schlaf und machen häufig einsam und hilflos, in manchen Fällen ängstlich oder depressiv. Für viele Menschen gehören starke Schmerzmittel zum Alltag.

Von chronischem Schmerz als eigenständiger Krankheit sprechen Fachleute, wenn die Beschwerden seit mindestens drei bis sechs Monaten bestehen und den Patienten physisch, psychisch und sozial beeinträchtigen. „Viele Schmerzpatienten haben eine Odyssee an Arztbesuchen hinter sich, bis sie endlich bei uns landen“, erzählt Michael Fritz, Oberarzt für Neurologie am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach. Untersuchungen zufolge dauert es im Schnitt zehn Jahre, bis Schmerzpatienten einen Spezialisten aufsuchen. „Dadurch geht wertvolle Zeit verloren, um den Patienten zu helfen und ihnen Lebensqualität wiederzugeben“, so Fritz.

Neurologe Dr. Michael Fritz nimmt sich viel Zeit für seine Patienten.

Am häufigsten leiden die Deutschen unter Rücken-, Gelenk- und Kopfschmerzen. Doch die Ursachenforschung ist kompliziert, denn der ursprüngliche Aus­löser, etwa ein Bandscheibenvorfall, Arthrose oder ein Unfall, ist längst nicht mehr der einzige Grund. Der anhaltende Schmerzreiz hat sich im Zentralnervensystem eingebrannt. Es entsteht ein sogenanntes Schmerzgedächtnis. Dieses zu löschen, beziehungsweise zu überschreiben, versucht das interdisziplinäre Team mit ganz unterschiedlichen Behandlungsansätzen. „Viele unserer Patienten haben das Gefühl, ihr Leben besteht nur noch aus Leiden – da bleibt kein Raum mehr für Job, Familie, Hobbys. In der stationären Therapie haben wir Zeit, diesen Raum wieder neu zu schaffen“, erklärt Oberarzt Fritz. Mit einem straffen Programm: Sport- und Physiotherapie, Massagen, Bewegungsbad und Fango, Achtsamkeitstraining, Bewegungstherapie, Yoga und Entspannungsübungen, Musik- und Kunsttherapie sowie tägliche Visiten.

Wer über längere Zeit, vielleicht sogar über Jahre, starke Schmerzen hat, bei dem leidet auch die Psyche. Daher ist die psychologische Betreuung ein wichtiger Aspekt der multimodalen Schmerztherapie. Ihr Ziel sei es nicht, komplett beschwerdefrei zu werden. „Das ist in den allermeisten Fällen unrealistisch. Es geht darum, sich mit der Schmerzsituation innerlich auseinanderzusetzen, nicht Veränderbares anzunehmen und sich trotzdem den positiven Seiten des Lebens zu öffnen“, erklärt Psychotherapeut Steffen Aschenbrenner.

Hand in Hand für mehr Lebensqualität

„Eine einfache Lösung gibt es nicht. Deshalb stellen wir für jeden Patienten individuell einen Plan zusammen und kombinieren verschiedene Behandlungsmethoden“, erklärt Fritz. „Schmerzarbeit ist vor allem Teamarbeit.“ Neurologen, Orthopäden, Unfallchirurgen, Radiologen, Psychotherapeuten und Schmerzpsychologen behandeln die Patienten gemeinsam, unterstützt von speziell ausgebildeten Pflegekräften – sogenannten Pain Nurses – und Schmerz-Physiotherapeuten.

Diese Kombination, die Umstellung auf die richtigen Medikamente sowie alternative Methoden brachten bei Migränepatientin Carolin Bizien den Durchbruch. „Ich habe hier ganz neue Therapien kennengelernt, beispielsweise das Biofeedback, das mir sehr gut geholfen hat“, erzählt die 43-Jährige. „Außerdem konnte ich komplett abschalten und habe mein positives Lebensgefühl zurückgewonnen. Ich habe in der Klinik gelernt, mir von der Migräne nicht das Leben verderben zu lassen“, so das Resümee nach drei Wochen Schmerztherapie.

Sackgasse Pillen

Medikamente spielen in der Behandlung von vielen Patienten mit chronischen Schmerzen eine untergeordnete Rolle. „Sie können chronischen Schmerzen weder ausreichend noch anhaltend entgegenwirken und sind daher lediglich ein Baustein von vielen – und häufig sogar Teil des Problems“, sagt Dr. Ekhard Maurer, Leiter des Regionalen Schmerzzentrums am SRH Krankenhaus Sigmaringen. Einige seiner Patienten nehmen täglich Tabletten, die längst nicht mehr gegen den Schmerz wirken, aber störende Nebenwirkungen mit sich bringen.

So erging es auch Martin Kaufmann (Name geändert). Der 49-jährige Handwerker kam mit starken Schulter- und Rückenschmerzen in das Schmerzzentrum am SRH Krankenhaus Sigmaringen. „Jahrelang habe ich täglich Pillen geschluckt, um über die Runden zu kommen“, sagt Kaufmann. Trotzdem musste er sich häufig krankmelden. Die Folge: Ärger mit dem Chef – und irgendwann auch mit der Lebensgefährtin, weil sich alles nur noch um den Schmerz drehte. „Die Lebensfreude ist da völlig auf der Strecke geblieben. Morgens habe ich mich oft gefragt, wie ich den Tag überstehen soll.“

„Schmerzarbeit ist vor allem Teamarbeit.“

Dr. Michael Fritz, 
Leiter des Schmerzzentrums am SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach

Mit diesen Erfahrungen ist Martin Kaufmann nicht allein. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts InSites zufolge sehen sich rund 42 Prozent der befragten Schmerzpatienten in ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt; fast jeder fünfte ist aufgrund seines Gesundheitszustands nicht in der Lage, zu arbeiten. Selbst starke Schmerzmittel halfen Kaufmann irgendwann nicht mehr – im Gegenteil. „Die Medikamente haben Konzentrationsschwierigkeiten verursacht, ich habe mich wie benebelt gefühlt, war ständig müde, und weh tat es trotzdem“, sagt der 49-Jährige.

„Diese Patienten müssen wir zunächst einmal bei einem Opiatentzug begleiten, indem wir die Dosierung schrittweise reduzieren“, erklärt Schmerzmediziner Ekhard Maurer. „Zusätzlich unterstützen wir durch weitere Therapien. Bewegung ist dabei ein echtes Allheilmittel. Es geht darum, Bewegungsabläufe, die Patienten durch den permanenten Schmerz vermieden haben, neu zu erlernen: Muskeln lockern, Gelenke entlasten und wieder mobilisieren.“ Kaufmann ist dank des mehrwöchigen Klinikaufenthalts und einer anschließenden Reha von den starken Tabletten weg und hat wieder angefangen, Sport zu treiben. Er merkt: „Ich bin aktiver, weniger müde und verstimmt und hoffentlich auf einem guten Weg zurück in einen geregelten Berufsalltag.“

Migränepatientin Bizien hat die Musiktherapie gutgetan. Ihre Wirkung lässt sich wissenschaftlich belegen, sagt Thomas Hillecke, Professor für Klinische Psychologie an der SRH Hochschule Heidelberg. „Unsere Untersuchungen ­haben ergeben, dass sich die Schmerzstärke durch Musiktherapie signifikant verringert. Sie holt die Menschen aus ihrer Starre und Isolation, weckt positive Emotionen und animiert zu mehr Bewegung“, beschreibt Hillecke die therapeutische Wirkung.

Neue Routinen im Alltag

Die stationäre Therapie in einem Schmerzzentrum ist für die Patienten ein Neustart – häufig mit weniger Schmerzen, vor allem aber mit mehr Lebensqualität. Damit dieser Effekt anhält, ist ein Plan für zu Hause sehr wichtig, betont der Neurologe Michael Fritz. „Viele müssen ihren Alltag um­krempeln: Statt automatisch zur Schmerz­tablette zu greifen, sollten täglich Bewegung und Entspannungsübungen auf dem Programm stehen.“

Diese Empfehlungen hat sich Carolin Bizien zu Herzen genommen. „Ich gehe weiterhin ambulant zum Biofeedback, mache mindestens einmal die Woche Sport und täglich nach der Arbeit eine halbe Stunde Entspannungsübungen“, erzählt die 43-Jährige. So konnte sie die Zahl der Migräneanfälle pro Monat fast halbieren und endlich die Wochenenden wieder mit der Familie genießen, statt im abgedunkelten Zimmer zu liegen.

Text: Katja Stricker 
Fotos: Andreas Reeg

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