Stark machen

Weil ihr das tägliche Leid der Frauen in Mannheims Rotlichtviertel nahegeht und keine Ruhe lässt, gründete Julia Wege die Beratungsstelle Amalie.

Helle, große Räume, ein langer Tisch mit bunten Stühlen, ein einladendes Kuschelsofa und an den Wänden immer wieder das Bild einer Lotusblüte. Symbol für Reinheit, Weisheit, Schönheit – und das Logo von Amalie, der Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution im Mannheimer Stadtteil Neckarstadt-West. „Wir wollen den Frauen einen schönen Ort bieten. Einen, an dem sie sich wertgeschätzt fühlen“, erklärt Julia Wege, Leiterin der Beratungsstelle. Vor fünf Jahren hat sie Amalie im Auftrag des Diakonischen Werkes Mannheim aufgebaut.

Viele Frauen kommen aus Osteuropa nach Deutschland mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Schwierige Familienverhältnisse, mangelnde Schulbildung – und Prostitution wird zum letzten Ausweg, Geld zu verdienen. Um sich und ihre Kinder zu ernähren, verkaufen die jungen Frauen ihren Körper, arbeiten unter harten Bedingungen bis tief in die Nacht und wohnen in oft erbärmlichen Unterkünften. Bei Amalie, in direkter Nachbarschaft zur Lupinenstraße, wo ein Teil der rund 600 Prostituierten in Mannheim arbeitet, können sie eine Auszeit nehmen von ihrem oft herzlosen Alltag. Reden, ausruhen, einen Kaffee trinken, Wäsche waschen. Drei Festangestellte und viele Ehrenamtliche helfen bei gesundheitlichen, finanziellen und juristischen Problemen oder beim Wunsch auszusteigen. „Vor allem aber sollen die Frauen, die am Rande der Gesellschaft leben, bei uns Menschlichkeit erfahren“, sagt Julia Wege.

Bilderbuch trifft Armenhaus

Sie selbst wächst unbeschwert am Bodensee auf. Ein Zuhause voller Kultur, Kunst, Musik. Schwimmen im Sommer, Skifahren im Winter. Die Waldorfschule habe sie sehr geprägt, erklärt die 33-Jährige. Die habe nicht nur ihren Blick für Farben und Formen geöffnet, sondern auch für soziale Unterschiede. Regelmäßig engagieren sich die Schüler in Sozialprojekten und besorgen dafür eigenständig Sponsoren. Mit 14 Jahren führt ein Schüleraustausch Julia Wege nach Russland. Sie sieht dort viel Armut. „Ein Kontrast zur schönen Bodenseewelt.“ Die Herzlichkeit der Gastfamilie beeindruckt sie.

Den Berufswunsch Kriminalpolizistin tauscht die junge Frau bald gegen ein neues Ziel: „Ich möchte gesellschaftliche Missstände nicht nur erkennen, sondern in die Öffentlichkeit bringen und lösen“, erklärt sie ihre Studienwahl: Soziale Arbeit an der SRH Hochschule Heidelberg. Um das Studium mitzufinanzieren, findet die Studentin einen lukrativen Nebenjob bei der Formel 1 und der DTM, arbeitet bei Motorsportevents etwa für Ferrari und Mercedes. Als Teamleiterin betreut sie Rennfahrer und Sponsoren, mit Handschuhen serviert sie 5-Gänge- Menüs. Sie lernt, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, souverän aufzutreten und große Events zu inszenieren. Zeitgleich macht sie ein Praktikum in der Caritas Wohnungshilfe Weinheim, bei der sie ehrenamtlich und nach dem Studium angestellt weiterarbeitet. Größer könnte der Gegensatz zu den Glamourpartys kaum sein.

Ein junger Obdachloser vertraut sich der angehenden Sozialarbeiterin an: Er kommt nicht damit klar, dass seine Freundin als Prostituierte arbeitet. Julia Wege kennt sich mit dem Thema wenig aus und beginnt zu recherchieren. Betreut von ihrem Professor Martin Albert, wird daraus ihre Masterarbeit, für die sie viele Gespräche führt, mit Prostituierten, Bordellbetreibern, Polizisten, Politikern, dem Gesundheitsamt. Die junge Frau geht so strategisch wie vorsichtig vor, ins Milieu begibt sie sich nur mit einem Beschützer, der sich auskennt. Sie besucht bundesweit Beratungsstellen, um herauszufinden, was die Frauen brauchen: Streetworker vor Ort, eine Rundumberatung für Probleme, eine Anlaufstelle.

Frauen aus dem Schatten holen

In ihrer Masterarbeit entwickelt Wege konzeptionelle Grundlagen für Amalie. Trotzdem schlummern sie noch eineinhalb Jahre in der Schublade, während die Berichte von katastrophalen Schwangerschaftsabbrüchen oder Töchtern, die von ihren Clans zur Prostitution gezwungen werden, die junge Frau weiter umtreiben: „Ich bin Mitwisserin, aber nichts passiert“, klagt sie. Ihr Professor reicht die Abschlussarbeit an Wohlfahrtsverbände weiter. Der damalige Direktor der Diakonie in Mannheim, Peter Hübinger, will „diese Frau Wege“ kennenlernen – und bietet ihr eine Stelle als Projektleiterin an, um „ihre“ Beratungsstelle für Prostituierte aufzubauen.

Mancher traut der damals 27-Jährigen die Arbeit rund ums Rotlichtmilieu auf den ersten Blick nicht zu. ­Julia Wege weiß das und legt sich ins Zeug. Parallel zur Aufbauarbeit vor Ort ruft sie mit Martin Albert 2012 einen Runden Tisch Prostitution ins Leben, an dem sich Vertreter aus Praxis und Forschung austauschen, und gründet einen Beirat. Unter ihrer Leitung ist Amalie – und mit ihr das Tabuthema Prostitution – in der Mannheimer Öffentlichkeit angekommen, wenn auch manchmal widerstrebend. Einige hundert Prostituierte erreicht sie ­jedes Jahr für ihre sozialen und medizinischen Angebote, einige Dutzend Frauen haben darüber den Ausstieg aus der Branche geschafft.

Zusätzlich zu ihrer Arbeit bei Amalie schreibt Julia Wege ihre Doktorarbeit über Prostitution, an der SRH Hochschule Heidelberg hat sie zwei Lehraufträge zu Streetwork und Traumata. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema verschafft ihr die nötige Distanz. „Jede einzelne Geschichte ist eine zu viel“, sagt sie, „und zugleich meine Motivation. Wir müssen noch besser werden, damit die Frauen früher zu uns kommen.“  

Text: Liane Borghardt  
Fotos: Annette Mück

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