Abenteuer Essen

Gute Ernährung will früh gelernt sein

Je früher Kinder gutes Essen kennenlernen, desto gesünder ernähren sie sich später. Das Projekt „Abenteuer Essen“ bringt das nötige Wissen dahin, wo kleine Feinschmecker heute am häufigsten zu Tisch sitzen: in Kindergärten und Tagespflegeeinrichtungen.

Wenn Marcela Ballweg ihren meterlangen Kochlöffel herausholt, wissen alle Kinder im Bensheimer Kindergarten Gartenstraße sofort Bescheid: Gleich gibt es wieder etwas Spannendes zu entdecken. Denn dann warten die vielfältigsten Geschmäcke und Gerüche, Farben und Formen auf die kleinen Entdecker, die mit der „Beauftragten für Ernährungsbildung“ auf eine kulinarische Abenteuerreise gehen werden. Zweimal in der Woche dient das überdimensionierte Küchengerät als Startzeichen für fleißige Helfer und davon gibt es viele. 

„Hmmm, das riecht ja wie Apfelschorle“, sagt Lucia und blickt neugierig in den großen Topf. Tatsächlich, drinnen köcheln kleine, gelbgrüne Apfelstücke im eigenen Saft leise blubbernd vor sich hin. „Schmelzen die jetzt?“, fragt das kleine Mädchen und schaut Marcela Ballweg erwartungsvoll an. Die Ernährungsbeauftragte lächelt: „Nein, aber welche Nahrungsmittel können denn wirklich schmelzen?“ Und nur wenig später ist die kleine Gruppe mitten in einem lebhaften Gespräch über die Eigenschaften jener unscheinbaren Dinge, die jeden Tag wie selbstverständlich auf ihren Tellern landen. 

In der Gartenstraße dreht sich heute alles um den Apfel. Während eine Gruppe Ringe schneidet, die später auf langen Holzstäbchen zum Trocknen aufgehängt werden, bereiten ältere Kinder am Nebentisch alles Nötige für ein selbstgekochtes Apfelmus vor. Marcela Ballweg lässt die Kinder riechen, tasten und natürlich probieren, zeigt die unterschiedlichen Sorten und den richtigen Griff für die scharfen Messer. Vor allem aber mit Ungewohntem wie der getrockneten Schale sorgt die Expertin für Erstaunen. Später wird sie mit den Kindern einen Tee daraus kochen. „Das sieht ja aus wie Apfel-Spaghetti“, ruft ein Mädchen lachend. 

Für die Kinder in der Bensheimer Einrichtung ist dieser spielerische Umgang mit dem Thema Ernährung mittlerweile Alltag. Denn bereits 2017 hat sich die Kita unter der Leitung von Maria Behm-Hansen in das „Abenteuer Essen“ gestürzt. Dahinter steckt ein gleichnamiges Projekt, das 2014 von der Metropolregion Rhein-Neckar ins Leben gerufen wurde. Es hilft dabei, das oft etwas abstrakte Thema Ernährung für Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte erlebbar zu machen. Kindertageseinrichtungen können sich bewerben und erhalten dann ein Jahr lang umfangreiche Unterstützung.

Etwa 80 Kitas haben bereits teilgenommen und rund 300 Pädagogen sind in ihren Einrichtungen weitergebildet worden. Es konnten schätzungsweise rund 7.000 Kinder und mehr als 900 Eltern für eine bewusstere Ernährung begeistert werden. Die wissenschaftliche Begleitstudie belegt, dass die Kinder positive Veränderungen beim Ernährungsverhalten zeigen: Verglichen mit einer Kontrollgruppe wissen sie mehr über Lebensmittel, deren Herkunft und Herstellung und sind feinmotorisch geschickter.

Von Anfang an war die SRH Hochschule Heidelberg als Partner eingebunden, da sie sich im Studiengang Kindheitspädagogik wissenschaftlich mit frühkindlicher Ernährungsbildung beschäftigt. In diesem Jahr wurde die Leitung von „Abenteuer Essen“ komplett an die Hochschule gegeben. „Wir versprechen uns davon eine noch umfangreichere wissenschaftliche Evaluation des Projekts“, sagt Annette Schneider. Sie ist Professorin für Kindheitspädagogik an der Hochschule und betreut gemeinsam mit der Ernährungswissenschaftlerin Verena Räsener die teilnehmenden Kitas. 

Im Gespräch mit beiden wird schnell klar, warum das Wissen um eine gute Ernährung immer wichtiger wird. „Studien zeigen, dass Essgewohnheiten und Geschmackserfahrungen aus der Kindheit uns das ganze Leben prägen“, sagt Schneider. „Allerdings essen wir oft völlig losgelöst vom natürlichen Hungergefühl.“ In vielen Familien würden zudem kaum noch die Kompetenzen für einen vernünftigen Umgang mit Nahrungsmitteln gefördert. Die fatalen Folgen: In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil von übergewichtigen Kindern in Deutschland gewachsen. 

Hier kommen nun die Kindergärten ins Spiel. Denn die Betreuungszeiten steigen und damit auch die Anzahl der Mahlzeiten, die Kinder heute in Tageseinrichtungen zu sich nehmen. Gleichzeitig spielt das Thema aber in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte eine viel zu kleine Rolle. Bei „Abenteuer Essen“ werden deshalb einzelne Erzieher zu „Beauftragten für Ernährungsbildung“ geschult, zudem sind Mentoren regelmäßig mit Anregungen und Wissen für das gesamte Personal vor Ort. 

„Uns ist dabei noch bewusster geworden, in welcher großen Verantwortung wir als Einrichtung stehen“, sagt die Bensheimer Kita-Leiterin Maria Behm-Hansen. Besonders dankbar ist sie deshalb, dass aufgrund der positiven Erfahrungen mit „Abenteuer Essen“ Marcela Ballwegs Stelle als Ernährungsbeauftragte neu geschaffen werden konnte.

Im Alltag kann jede Einrichtung selbst entscheiden, wie umfangreich sie die Ideen aus dem Projekt umsetzen möchte. Schließlich kann nicht jede Kita mehrmals in der Woche eine Abenteuerreise anbieten. „Auch kleine Veränderungen können bereits wichtig sein“, betonen Räsener und Schneider einstimmig. Schon wenn Kinder regelmäßig gemeinsam den Tisch deckten oder sich ihre Portionen selbst schöpfen dürften, sei bereits etwas erreicht. 

„Angesichts der gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen beim Thema Ernährung sind wir uns der Komplexität und der vielfältigen Einflussfaktoren bewusst. Aber dennoch können wir wichtige Impulse in die Einrichtungen geben“, ist Verena Räsener überzeugt. Die Zahl der Bewerbungen übersteige regelmäßig die verfügbaren Projektplätze, die Rückmeldungen seien durchweg begeistert. 

In der Bensheimer Gartenstraße kann man dies hautnah miterleben. Gerade sorgt Marcela Ballweg mit dem Apfelentkerner für großes Staunen bei den Kindern. Jedes will den kreisrunden Universalausformer selbst ausprobieren. Und wahrscheinlich ist es bezeichnend, dass dabei Sätze fallen, die in den heimischen Küchen mittlerweile eher Seltenheitswert haben dürften: „Darf ich bitte noch einen Apfel selbst schneiden?“ Und nahezu immer werden diese dann mit großem Appetit gegessen! 

Als eine der ältesten und bundesweit größten privaten Hochschulen bietet die SRH Hochschule Heidelberg rund 40 Studiengänge in den Bereichen Informatik, Medien und Design, Wirtschaft, Ingenieurwesen und Architektur, Sozial-, Rechts- und Therapiewissenschaften sowie Psychologie an. Rund 3.400 Studenten bereiten sich nach dem deutschlandweit einzigartige Studienmodell CORE-Prinzip (Competence Oriented Research and Education) auf das Berufsleben vor. 

hochschule-heidelberg.de
Text: Alexander Graf 

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