Auf Wiederhören

Ein Unfall, eine Infektion oder ein Hörsturz kann Menschen ertauben lassen. Moderne Medizintechnik bietet einen Ausweg. Cochlea-Implantate stellen verlorene Hörfähigkeiten wieder her. Dr. Katrin Hoffmann berichtet vom technischen Fortschritt und dass manche Patienten nach der Operation weinen: vor Freude. 

Zwei von 1.000 Neugeborenen sind hochgradig schwerhörig und Erwachsene können durch Unfälle oder Krankheiten ertauben. Bieten Cochlea-Implantate einen sicheren Ausweg aus diesen Situationen?

Mit dem Cochlea-Implantat stellen wir eine Innenohrprothese zur Verfügung, die hochgradig schwerhörige Erwachsene und Kinder in die Lage versetzt, einen Teil ihrer akustischen Sinnesfähigkeit wiederzuerlangen oder erstmals akustische Reize aufzunehmen. Wir behandeln bis zu 20 Patienten pro Jahr und unsere Erfolgsrate ist sehr hoch. Aber natürlich hängt der Erfolg auch individuell vom Patienten ab. Voraussetzung ist die weitgehend einwandfreie Funktion der Hörnerven und der Hirnstrukturen, die für die Analyse des Gehörten verantwortlich sind. 

Was passiert bei der Operation? 

Bevor wir implantieren, durchlaufen die Patienten ein Diagnostikprogramm, an dem Audiologen, Psychologen, Radiologen, Pädiater, Anästhesisten und Sprechwissenschaftler beteiligt sind. Die Operation dauert etwa zwei Stunden. Wir setzen einen Stimulator in den Knochen hinter dem Ohr ein. Er leitet elektrische Impulse mit einer hauchdünnen Elektrode direkt in die Cochlea, also die Hörschnecke, weiter. Nach dem Abheilen wird der Stimulator von einem äußerlich getragenen Sprach- oder Audioprozessor durch die Haut angesteuert. Er gibt Schalleindrücke in Form von elektrischen Impulsen an die Hörnerven weiter. 

Wie reagieren Patienten, die nach der Operation zum ersten Mal wieder hören?

Manche weinen vor Freude. Denn Patienten, die taub sind, haben sich häufig sozial zurückgezogen. Wieder hören zu können ist deshalb ein wichtiger Schritt zurück ins gesellschaftliche Leben. Wenn der Sprachprozessor das erste Mal aktiviert ist, können manche Patienten Wörter noch nicht zuordnen, da ist ein Lernprozess nötig. Nach einer Heilungszeit von etwa vier bis sechs Wochen schließt sich deshalb eine audiospezifische Rehabilitation an. 

Was sind die Zukunftsperspektiven?

Mit den frühen Prozessoren war es kaum möglich, Musik wahrzunehmen. Da hat sich bei der Codierung akustischer Signale in elektrische Impulse inzwischen sehr viel getan. Weltweit gibt es vier Firmen, die Implantate herstellen, drei dieser Systeme stehen an unserem Klinikum zur Verfügung. Aktuell wird bereits an einem voll implantierbaren Gerät gearbeitet und an einer optischen Stimulation des Hörnervs. In Zukunft sind weitere Innovationen zu erwarten, die den Patienten zugutekommen. 

Seit wann bietet das Klinikum dieses Behandlungsverfahren an?

Es gibt nicht viele Kliniken, die Cochlea-Implantate anbieten. Am SRH Zentralklinikum Suhl stellen wir seit 2013 die Versorgung im südthüringischen Raum sicher und wenden die neueste Operationstechnik an. Die Eingriffe werden von HNO-Chefarzt Dr. Daniel Böger, Oberarzt Dr. Peter Lochner und mir durchgeführt. Ich selbst versorge bereits seit 1999 Patienten mit Cochlea-Implantaten.

Dr. Katrin Hoffmann ist Oberärztin in der Fachabteilung für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde/Plastische Operationen am SRH Zentralklinikum Suhl. Mit 24 Fachdisziplinen und zehn spezialisierten Zentren ist das Zentralklinikum Suhl das umfassendste Akutkrankenhaus Südthüringens und akademisches Lehrkrankenhaus des Universitätsklinikums Jena.

zentralklinikum-suhl.de
Interview: Ralf Laubscher

« zur Startseite