Das bilde ich mir doch nicht nur ein …

Vielen Patienten fällt es schwer, über psychosomatische Erkrankungen zu sprechen. Das SRH Wald-Klinikum Gera hat dafür einen eigenen Fachbereich eingerichtet. Ein Interview mit Leiterin Dr. Dörte Winter über Symptome und Beschwerden, die man sich nicht nur einbildet.

Frau Winter, was genau ist eine psychosomatische Erkrankung?

Im weitesten Sinne handelt es sich dabei um eine Störung des Zusammenspiels von Körper und Seele. Das kommt äußerst häufig vor. Es geht um Beschwerden, deren Ursachen sich nicht oder nicht vollständig körperlich erklären lassen.

Welche Symptome können dabei auftreten?

Es gibt körperliche Symptome wie Schmerzen, Übelkeit, Schwindel und psychische Beschwerden wie Angst, Bedrücktheit, innere Leere, Einsamkeit bis hin zu akuten Stressreaktionen. Psychosomatische Erkrankungen können sich aber auch als Organ-Erkrankungen äußern wie Darmbeschwerden, Asthma oder Neurodermitis.

Gibt es Symptome, die besonders häufig sind?

Typisch sind komplexe Krankheitsbilder. In der Regel gehen die Patienten von Arzt zu Arzt, ohne dass ihnen geholfen werden kann. Ihr Leidensdruck ist dabei sehr hoch und das müssen wir ernst nehmen. Denn nur weil der Arzt keine organischen Ursachen feststellt, bedeutet das nicht, dass der Patient sich die Beschwerden nur einbildet.

Diese Erkrankungen werden oft totgeschwiegen. Warum? 

Leider reagiert das Umfeld häufig verständnisvoller, wenn man sagt, dass man sich das Bein gebrochen hat. Es fällt vielen Patienten deshalb schwer, über psychische oder psychosomatische Erkrankungen zu sprechen. Da gibt es eine große Scham. Nicht wenige Betroffene haben Angst, auf Verständnislosigkeit und Ablehnung zu stoßen. Dabei sind psychosomatische Erkrankungen viel weiter verbreitet als gemeinhin angenommen wird.

Wie helfen Sie Ihren Patienten?

Am Anfang steht die Diagnostik. Wir klären, ob es organische Ursachen für die Beschwerden gibt. In jedem Fall vermitteln wir: „Ich glaube Ihnen, dass Sie leiden und dass die Beschwerden echt sind. Wir wissen nur noch nicht, woher sie kommen.“ Wir versuchen, einen Schutzraum zu bieten, in dem die Patienten zur Ruhe kommen können. Darüber hinaus bieten wir Gesprächsverfahren einzeln und in der Gruppe an, körpertherapeutische Verfahren, gestalterische und musische Therapieformen.

Wie hoch sind die Heilungschancen?

Das ist das Schöne in der Therapie: Wir erleben ganz oft, dass sich Patienten weiterentwickeln, ihre Persönlichkeit neu finden. Bei vielen lassen die Beschwerden nach, viele sind in der Lage, ein gutes Leben zu führen.

Dr. Dörte Winter ist Leiterin der Fachabteilung Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am SRH Wald-Klinikum Gera. Das Team entwickelt individuelle, auf die Bedürfnisse der Patienten abgestimmte Behandlungskonzepte.

waldklinikumgera.de
Interview: Ulrike Merkel, Ostthüringer Zeitung / Foto: Chistian Häcker

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