Das Glück im Fokus

Den ersten Zusammenbruch ignorierte er, der zweite Burn-out legte sein Leben lahm. Im Beruflichen Trainingszentrum der SRH in Stuttgart hat sich der Profikoch und Musiker Jo Kirchherr neu fokussiert und als Fotograf sein Glück gefunden.

Und plötzlich war er wieder da. Der Moment, an dem nichts mehr ging. Jo Kirchherr stand mit seiner Band gerade auf einer Bühne in einem Musikklub und zitterte am ganzen Körper. Er fühlte sich wie gelähmt und völlig kraftlos, genau wie fünf Jahre zuvor, als es ihn mit 30 Jahren zum ersten Mal erwischte. Damals war er als Gitarrist mit seiner Band auf Tournee und spielte Konzerte von Stuttgart bis Oslo – stets mit harter Küchenarbeit in den Knochen. Im Hauptberuf kochte er tagsüber auf hohem Niveau für Stars und Sternchen aus der Musikszene. Abends und am Wochenende probte und spielte er mit seiner Band. „Ein Leben auf ständig höchster Flamme mit Zeitdruck und hohem Stressfaktor“, erinnert sich Jo Kirchherr. „Dann kam dieser erste Zusammenbruch, den ich aber ignorierte. Nach einer kurzen Pause machte ich einfach weiter.“ Ein Fehler, denn die Anforderungen wurden immer größer. Alles war durchgetaktet, die zwei parallelen Karrieren ließen sein Leben auf Grund laufen – bis zum zweiten Zusammenbruch. 

Die ärztliche Diagnose: klassisches Erschöpfungssyndrom. Burn-out! „Erst da wurde mir klar, was los ist und was ich sehr dringend brauchte: einen Break!“ Doch mit einem kleinen „Break“ war es auch dieses Mal nicht getan. Der Versuch, nach einigen Monaten wieder in der Küche zu wirbeln und am Wochenende auf der Bühne zu stehen, scheiterte. „Ich war planlos“, erinnert sich Jo Kirchherr an diese harte Zeit. Man empfahl ihm psychologische Beratung, aber es gab keine freien Plätze. Er absolvierte eine Therapie, aber ohne spürbares Ergebnis. Schließlich wurde er auf das Berufliche Trainingszentrum der SRH in Stuttgart aufmerksam und beschloss, einen Infotag zu besuchen. „Die Atmosphäre fand ich sofort sehr angenehm. Bei einem Einzelgespräch entwickelte sich die Idee, an einem ‚First Step‘-Programm teilzunehmen. Das ist ein dreimonatiges Training, das fit macht für den Einstieg in die berufliche Reha.“

Sein persönlicher „First Step“ war für den gelernten Koch eine schwere Entscheidung, aber wie er heute sagt, eine der besten seines Lebens: „Es war die Erkenntnis, mir selbst zu erlauben, glücklich zu sein. Einfach mal loszulassen und zu sagen: Hey, ich mach’ jetzt einfach mal das, was ich will. Da bekomme ich heute noch Gänsehaut, wenn ich nur daran denke.“ 

Was er wirklich wollte, wurde schnell klar. Fotografie war für ihn als künstlerisch veranlagten Menschen bislang nur ein Hobby. Nun sollte es mit einem Studium an der Akademie Deutsche POP in Kornwestheim zur neuen Berufung werden. 

„Anfangs wollte ich noch mit anderen Jobs nebenher Geld verdienen, aber das BTZ-Team hat mich überzeugt, dass Fokussierung wichtig ist.“ Mit Fokussierung kennt sich Jo Kirchherr mittlerweile aus: Er konzentriert sich auf sein neues Ziel und hat sich als Fotograf schon umfangreiches Know-how zugelegt. Praktika hat er erfolgreich absolviert, ein Portfolio aufgebaut und kleinere Aufträge für Zeitungen und Magazine ausgeführt. Im Herbst beginnt sein Studium und danach will er sich als Fotograf selbstständig machen.

„Ich bin sehr dankbar“, sagt Jo Kirchherr heute. „Für mich war dieser Umdenkprozess im BTZ ein absoluter Glücksfall. Ich habe gelernt, achtsam mit mir zu sein. Ich wollte immer allen Ansprüchen gerecht werden und habe meine Seele und meinen Körper vernachlässigt. Mit der neuen Fokussierung ist das nun anders. Zum ersten Mal seit langer Zeit kann ich sagen: Ja, ich bin glücklich.“

„Es ist eine Herausforderung, neu zu starten – aber genau dabei helfen wir.“

Am Beruflichen Trainingszentrum (BTZ) der SRH in Stuttgart lernen die Teilnehmer, wo ihre Fähigkeiten liegen und wie sie sich erfolgreich bewerben. Wie man Menschen nach psychischen Erkrankungen Glück näherbringt, erklärt Standortleiter Titus Graetke.

Hallo Herr Graetke, sind Sie glücklich in Ihrem Beruf? 

Ja, bin ich! Aber um es ganz klar zu sagen: Es gibt wohl keinen Job, in dem man jeden Tag glücklich und zufrieden ist. Wichtiger als absolute Harmonie ist die Frage, ob ein Beruf Zufriedenheit im Sinne einer Erfüllung verschafft. Wenn ein Beruf sinnvoll ist, ist er mehr als nur ein Job. Dann macht er Freude und kann glücklich machen. 

Was fehlt den Menschen, die zu Ihnen ins BTZ kommen?

Zu uns kommen Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer Lebenskrise sechs Monate oder länger aus dem Berufsleben sind. In der Regel bleiben sie ein Jahr bei uns. In dieser Zeit unterstützen wir sie, die erlebte Krise zu verstehen und zu bewältigen. Wir bereiten sie darauf vor, nach der langen Auszeit einen beruflichen Neuanfang zu schaffen. Das Ziel ist, sie nach der Teilnahme am beruflichen Training wieder in den erlernten oder in einen anderen passenden Beruf zu integrieren. 

Woran erkenne ich eine Überforderung im Job?

Wenn der Anspruch an die eigene Leistungsfähigkeit zu hoch ist und die eigenen Grenzen nicht beachtet werden, um die Erwartungen anderer zu erfüllen, dann merkt man das: etwa durch Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Dauergrübelei, somatische Beschwerden wie Magen-, Herz-, Kreislaufbeschwerden oder muskuläre Verspannungen. Wenn das marginalisiert, umgedeutet oder geleugnet wird, kann ein Zusammenbruch eintreten.

Wie helfen Sie den Teilnehmern, diese Krisen zu überwinden? 

Die Teilnehmer sind zunächst mit reduzierten Arbeitszeiten bei uns aktiv, ab der 13. Woche nehmen sie dann in Vollzeit an unseren Programmen teil. Wir bereiten sie darauf vor, sich die berufliche Nische zu suchen, die Freude macht, die erfüllt und zu den fachlichen wie persönlichen Fähigkeiten passt. Ziel ist, stabil zu werden, um wieder voll in einen Beruf einsteigen zu können. Entscheidend dabei ist, alte Verhaltens- und Emotionsmuster zu reflektieren, neu zu bewerten und schließlich zu verändern. Das ist ein sehr tiefgreifender persönlicher Prozess, den jeder Teilnehmer mit seinem Trainerteam bewältigt.

Viele Menschen müssen hart arbeiten, um wirtschaftlich zu überleben. Wie hilft man denen, die es sich nicht aussuchen können? 

Man hat einen entscheidenden aktiven Anteil daran, wie das eigene Leben verläuft. Viele Menschen blenden aus, dass es Alternativen gibt, dass man nicht alles aushalten muss. Es braucht Mut, etwas Neues zu beginnen, besonders dann, wenn wirtschaftliche Sorgen drücken. Es ist eine Herausforderung, etwas Vertrautes aufzugeben und neu zu starten. Aber genau dabei helfen wir. Bei uns können die Menschen lernen, achtsam mit sich zu sein und sich zu fragen: Was würde ich am liebsten tun? Was passt wirklich zu mir? Worin liegen meine Fähigkeiten und wie kann ich sie nutzen? Dann ist der Weg zum Glück oft nicht mehr weit.

Seit über 30 Jahren bietet das SRH Berufliche Trainingszentrum Rhein-Neckar in Stuttgart und an sieben weiteren Standorten in Deutschland vielfältige Konzepte, um nach einer psychischen Erkrankung wieder den beruflichen Einstieg zu schaffen. Das Angebot reicht dabei vom Einstieg in die Reha, über die Bewerbung bis hin zum Coaching am Arbeitsplatz. Die Kosten übernehmen in der Regel die Agentur für Arbeit oder die Deutsche Rentenversicherung.

btz-rn.de
Text: Ralf Laubscher / Fotos: Johannes F. Kirchherr


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