Die große Erleichterung

Menschen mit krankhaftem Übergewicht brauchen individuelle ärztliche Hilfe. 26 Jahre liegen zwischen der Behandlung von Anke Steckmann und ihrer Tochter Nicole. Vieles hat sich in der Adipositas-Therapie geändert, das Ziel ist geblieben: eine neue Lebensqualität.

„Am liebsten wäre ich im Erdboden verschwunden“, sagt Nicole Steckmann. 137 Kilogramm – so viel wog sie am Ende ihrer zweiten Schwangerschaft. Ohne Auto schaffte sie es nicht einmal bis zum Supermarkt. Dazu kamen die Blicke, die Kommentare, die Schmerzen in den Beinen, die Angst rauszugehen. Als Kind hatte sie viel Sport gemacht, war ständig mit dem Fahrrad unterwegs. Da gehörten Bewegung und ein paar Kilo zu viel noch zum normalen Alltag. Später stieg ihr Gewicht immer weiter und wurde zur Last. Sie versuchte es mit Diäten, ging zur Ernährungsberatung, meldete sich im Fitnessstudio an. Nichts half.

Ihre Mutter Anke Steckmann beobachtete die Gewichtszunahme und die Entwicklung ihrer Tochter mit Sorge. Manchmal rief sie mitten in der Nacht an und drängte Nicole, den Kampf gegen die Kilos ernsthaft aufzunehmen. Dann vereinbarte sie einen Termin bei Prof. Dr. Christine Stroh, Chefärztin der Klinik für Adipositas und Metabolische Chirurgie am SRH Wald-Klinikum Gera. Dort werden Patienten behandelt, die einen Body-Mass-Index von mehr als 35 und Begleiterkrankungen wie Diabetes oder nächtliche Atemaussetzer haben.

Innerhalb von fast drei Jahrzehnten hat sich in der Behandlung von Adipositas viel verändert. Während Anke Steckmann (rechts) operiert und dann entlassen wurde, wird Tochter Nicole (links) in der neuen Adipositasklinik vor und nach der Operation umfassend unterstützt.

Anke Steckmann kennt die Belastungen und die Scham aus eigener Erfahrung. „Bei uns in der Familie waren alle dick“, erinnert sich die Friseurmeisterin aus Gera. Auf den Tisch kam klassische Hausmannskost: Rouladen, Fleischsalat und Schnitzel. Mit den Kilos und den Jahren kamen Stimmungsschwankungen, hoher Blutdruck, Wasser in den Beinen. Die Luft wurde knapp. Als sie mit 30 Jahren 150 Kilo wog und sich selbst im Sommer nur noch mit langem Mantel aus dem Haus traute, sah sie eine Reportage über die damals ganz neuen Magenoperationen. Als eine der ersten wurde sie in Gera operiert. Das Magenband ließ nur ein Drittel des Magens übrig. Sie nahm fast 100 Kilogramm ab. Zuviel. „Damals war ich so schwach, dass ich nicht einmal einen Kartoffelsack tragen konnte“, sagt Anke Steckmann. Heute wiegt sie 90 Kilo und fühlt sich fit und gesund.

Komplexe Therapie für ein komplexes Problem

„Die Patienten sind in eine komplexe Therapie eingebunden und werden von einem Team aus Ärzten, Psychologen, Ernährungsberatern und Koordinatoren betreut“, erklärt Chefärztin Christine Stroh. Bereits ein halbes Jahr vorher beginnen die Patienten ein Sportprogramm, besuchen Ernährungskurse, erhalten Unterstützung in der Selbsthilfegruppe. Erst dann folgt die OP. Je nach Gewicht, Begleiterkrankungen und Patientengeschichte entscheiden die Ärzte, welche Methode die Richtige ist. Am SRH Wald-Klinikum Gera ist der Schlauchmagen das häufigste Verfahren. Dabei wird ein großer Teil des Magens entfernt, sodass ein schmaler Schlauch übrig bleibt, der etwa 150 Milliliter aufnehmen kann – ein normaler Magen fasst zwei bis drei Liter. 

Nicole Steckmann bekam einen Magen-Bypass. Dabei wird der Magen verkleinert und ein Stück des Zwölffingerdarms ausgeschaltet. Dadurch setzt die Verdauung erst später im Dünndarm ein und der Körper nimmt weniger Nährstoffe auf.

Je nach Operationsmethode verlieren Patienten die Hälfte bis zwei Drittel ihres Übergewichts. Das beeinflusst typische Folgeerkrankungen: „Ein bestehender Diabetes kann verschwinden, der Blutdruck sinkt, Gelenke schmerzen weniger. Manchmal kommen Patienten in den Bereich des Normalgewichts, richtig schlank werden stark übergewichtige Menschen durch eine Operation allerdings nicht“, weiß Chefärztin Christine Stroh. 

Die Behandlung hat Nicole Steckmanns Leben verändert. Schon nach den ersten fünf Tagen waren sieben Kilogramm weg. Seitdem sinkt ihr Gewicht stetig. Sie geht regelmäßig zum Sport und fährt Fahrrad. Im Kühlschrank stehen andere Lebensmittel. „Wir kochen frische Suppen, machen Salate, essen mehr Fisch.“ Mit den schwindenden Kilos steigt die Freude daran, rauszugehen und Pläne zu machen: schwimmen, klettern und endlich in den Urlaub fahren.

Adipositas ist eine Bezeichnung für starkes Übergewicht durch eine über das normale Maß hinausgehende Vermehrung des Körperfettes. Die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Schweregraden erfolgt über die Körpermassenzahl (BMI).

Dieser wird mit folgender Formel berechnet:
BMI = Gewicht in Kilogramm / Größe x Größe in Metern

Ein BMI über 25 gilt als Übergewicht. Steigt die Zahl über 30 wird von Adipositas bzw. krankhaftem Übergewicht gesprochen. Die Möglichkeit zur operativen Therapie besteht bei einem BMI von über 40. Nach der Operation folgt eine engmaschige Therapie, um den Behandlungserfolg nachhaltig zu sichern.

Das SRH Wald-Klinikum Gera ist ein 1.000-Betten-Akutkrankenhaus der Maximalversorgung für 150.000 Einwohner und akademisches Lehrkrankenhaus des Universitätsklinikums Jena. In 24 Fachabteilungen, Instituten und 13 zertifizierten Zentren bietet es das gesamte medizinische Leistungsspektrum.

waldklinikumgera.de
Text: Annett Zündorf 
Foto: Katrin Wiesner

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