Die neue Wanderlust

Wandern fühlt sich gut an. Es entspannt und entschleunigt. Aber wie wirkt Gesundheitswandern auf unser Wohlbefinden? Die SRH Hochschule für Gesundheit hat im Pfälzerwald eine Wanderstudie gestartet und eine erstaunliche Bewegung ausgelöst. 

Schon die ersten Schritte sind eine Befreiung. Das Handy ist tief im Rucksack verstaut und plötzlich sind nur noch die eigenen Schritte und der eigene Atem zu hören. Sanft federt der laubbedeckte Waldboden unter den Sohlen, die Kronen mächtiger Buchen, Eichen und Kiefern wölben sich wie ein schützendes Dach über den Weg, der in den nächsten 90 Minuten das Ziel ist. 

Diese Luft. Ein frischer Duft nach feuchter Erde, Moos, Baumrinde, Gräsern, Kräutern – intensiv und würzig durch den Regen, der seit Stunden über dem südlichen Pfälzerwald niedergeht. „Willkommen im Regenwald“, ruft Gruppenleiterin Natascha, lacht und wischt sich eine klatschnasse Haarsträhne aus dem Gesicht. 20 gut verpackte Gesundheitswanderer im Alter von 40 bis über 80 Jahren stehen im Halbkreis um sie herum und sind – entspannt! Niemand beschwert sich, keiner klagt über den Regen oder den Wind, der jetzt Nebelfetzen durch die Baumkronen treibt. 

Dehnen, strecken, beugen: Aufwärmübungen und Gymnastik machen das Gesundheitswandern komplett.

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“, stellt Winfried klar, der einen riesigen Hut trägt, von dem das Wasser heruntertropft. Gut gelaunt balanciert er auf einem Bein und versucht auch die anderen Dehn- und Streckübungen, die Natascha zum Aufwärmen macht. Winfried hat Arthrose in den Knien, „aber durch Bewegung wird es besser“, weiß er aus Erfahrung. Vom Gesundheitswandern verspricht er sich viel und schon den Start findet er großartig. 

Auch Gerlinde ist vom Dauerregen kein bisschen genervt. „Das macht die Natur doch erst richtig schön“, sagt sie und reiht sich wieder in die Gruppe ein, die jetzt die erste Steigung in Angriff nimmt. In der Zeitung hat Gerlinde vom Gesundheitswandern gelesen und sich spontan angemeldet. „Ich habe eine Krebserkrankung hinter mir, da brauche ich viel Bewegung. Ich weiß, dass mir Wandern gut tut, denn mit meinem Sohn habe ich die letzte Etappe des Jakobswegs geschafft. Und da hab‘ ich beschlossen: Super, so soll es weitergehen.“

Einige Teilnehmer haben Krankheitsgeschichten hinter sich, andere wollen sie mit dem Wandern vermeiden. „Ich gehe grundsätzlich nicht zum Arzt“, verrät Hermann. „Aber ich hoffe, dass ich hier etwas über meinen Körper erfahre.“ Den Gesundheits-Check im Vorfeld hat er wie alle Teilnehmer bestanden. Nun ist er gespannt auf Ergebnisse. Immer wieder schaut er auf die Fitness-Uhr, die er wie alle Teilnehmer am Handgelenk trägt und die Werte wie den Kalorienverbrauch oder die Pulsfrequenz aufzeichnet.

Die Ergebnisse interessieren auch den jungen Physiotherapeuten und Mitwanderer Daniel, der an der SRH Hochschule für Gesundheit seine Bachelorarbeit zum Thema Gesundheitswandern schreibt. „Ich gehe selbst gern wandern, da hat mich das Thema gereizt“. Auch Gruppenleiterin Natascha, eine selbstständige Sporttherapeutin, ist leidenschaftliche Wanderin und liebt es, Menschen für diese Form des Waldbadens zu begeistern. 

Gesundheitswandern ist nicht einfach nur Wandern. Bewegung und Gemeinschaft helfen Stress abzubauen und die Gesundheit zu fördern.

Nach einem steilen Anstieg zur Villa Ludwigshöhe über Edenkoben hat sie die schnaufende und schwitzende Truppe um sich versammelt und zieht ein Fazit der Tour: „Habt Ihr gemerkt, wie die Bewegung an der frischen Luft Eurem Körper guttut? Das Herz wird gefordert, aber der Blutdruck sinkt, weil der Kreislauf ökonomischer funktioniert. Durch den Wechsel von Anspannung und Entspannung werden die Muskulatur gestärkt, die Koordination gefördert, die Bandscheiben aktiviert und Stresshormone abgebaut. Die positive Auswirkung auf die Psyche ist nicht zu unterschätzen!“ Natascha erntet Zustimmung, und auf dem Rückweg zum Ausgangspunkt der Tour sind die Wanderer in Gespräche vertieft. „Ich bin ein kommunikativer Typ und mir macht es Spaß, neue Leute kennenzulernen“, sagt Ingrid. „Seit mein Mann verstorben ist, habe ich aufgehört, Tennis und Golf zu spielen, und so bin ich beim Gesundheitswandern gelandet. Und ich merke schon jetzt: Es tut mir richtig gut.“

Das Team der SRH Hochschule für Gesundheit, Fachbereich Therapiewissenschaft, hat unter der Leitung von Prof. Dr. Tobias Erhardt im Mai 2019 eine Studie gestartet. Nach einem Gesundheits-Check im Vorfeld nahmen über 50 Probanden an zehn geführten, jeweils 90-minütigen Wanderungen teil. Nach Abschluss der Studie erfahren sie, wie sich die Übungen zu Koordination, Kraft, Beweglichkeit und Entspannung auf die Gesundheit auswirken.

gesundheitswandern-srh.de
Text: Ralf Laubscher / Fotos: Julian Beekmann

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