Für das Leben, die Liebe und die Lehre

Wie eine Professorin mit einem Hilfsprojekt in Brasilien den Studiengang Soziale Arbeit revolutioniert.

Katrin Feldermann liebt das Leben, Rap, Mode und Solidarität. Mit ihrem Projekt AmiGOs kämpft sie für ein besseres Leben der Menschen in brasilianischen Favelas – und an der SRH Hochschule Heidelberg macht sie Soziale Arbeit zu einem Reallabor außergewöhnlicher Erfahrungen.

Ihre Kollegin wurde erschossen, ein Drogenkommando verfolgte sie, ihr Hilfsprojekt in einer Favela in Rio de Janeiro war gescheitert. Doch Katrin Feldermann ist daran nicht zerbrochen, sondern gewachsen. Wer ihr begegnet, sieht eine Frau, die dem Tod schon oft in die Augen gesehen hat. Im Jahr 2006 standen die Männer eines Drogenkommandos vor der Tür ihrer selbst gebauten Hütte – mit geladenen Waffen. Ihr war klar, was zu tun war: Fliehen. Sofort! Irgendwie gelang es ihr, sich durch das Labyrinth der Favela zu kämpfen und Freunde schleusten sie zum Flughafen, zurück nach Deutschland. 

Zwölf Jahre später in Heidelberg. Katrin Feldermann sitzt entspannt in der Caféteria der SRH Hochschule Heidelberg, die Sonne fällt auf ihr Gesicht, sie lacht, sie strahlt, sie ist pure Energie. „Ich wirke vielleicht furchtlos und tough“, sagt sie und ihr Blick wird für einen Augenblick ernst, „aber eher so wie eine Erbse, die nur eine harte Hülle hat.“ Viele Jahre lang plagten Katrin Feldermann Albträume. Wenn ein brasilianisches Drogenkommando Frauen umbringt, dann selten mit einer schnellen, erlösenden Kugel. „Sie bereiten Dir einen langsamen qualvollen Todeskampf. Davon habe ich jahrelang geträumt und hatte große Angst – obwohl es nicht realistisch war, dass sie nach Deutschland kommen und mir oder meiner Familie etwas antun.“ 

Realistisch war es für die junge Pädagogin aber, gegen diese extrem negative Erfahrung anzukämpfen und aus ihr positive Energie zu ziehen. Ein Jahr später flog sie nach Brasilien zurück, um ihren Hund aus der Favela zu retten und um vor sich selbst nicht das Gesicht zu verlieren. „Wäre ich damals eingebrochen, wäre mein Projekt, in das ich Zeit, Liebe und Geld investiert hatte, endgültig gescheitert.“ Aber so wurde es zum Treibstoff für ein neues Kapitel in ihrem Leben: das Hilfsprojekt AmiGOs e. V. – mit dem sie für Mädchen in brasilianischen Favelas medizinische und psychosoziale Unterstützung leistet. 

„Es ist mir eine große Motivation, wenn Menschen ihre Perspektive verändern.“ Ein Satz, der merkwürdig bescheiden wirkt, wenn klar wird, welche Dimensionen und Schicksale sich dahinter verbergen. Als sie ihre Arbeit für AmiGOs beginnt, dauert es nicht lange, bis sie verstörende Erlebnisse hat. In einer Favela lernt sie einen Jugendlichen kennen, der mit anschauen muss, wie sein Vater bei lebendigem Leib gevierteilt und seine Mutter vergewaltigt wird. „Dennoch war dieser Junge immer ansprechbar und hat Lebensfreude ausgestrahlt. Das hat mir so viel Kraft gegeben, dass ich diese Mentalität verstehen wollte. Diese positiv fröhlichen Menschen, die sich ihrem Schicksal nie ergeben. Es ist nichts verloren, bis es wirklich verloren ist – das ist eine Einstellung, die in Brasilien allgegenwärtig und heute auch meine ist.“ 

Der Mut und die Leidenschaft, mit der Katrin Feldermann Projekte vorantreibt, führt immer wieder zu inspirierenden Begegnungen. Vor einigen Jahren traf sie im Fischerdorf Baiacú im Staat Bahia auf Silvana. Sie war schwanger – und gerade erst 14 Jahre alt. Katrin Feldermann konnte eine Beziehung zu dem ängstlichen Mädchen aufbauen, das mit 17 zum zweiten Mal schwanger wurde. In einem AmiGOs-Projekt lernte sie, Kunsthandwerk herzustellen. „Sie weinte oft, was ich nicht verstehen konnte, bis mir klar wurde, dass das, was wir ihr zeigten, zu schwierig war. Einige Zeit später gab sie mir zwei Tüten Schmuck und ich fragte sie, was sie dafür haben will. Das war der Wendepunkt in unserer Beziehung. Sie stand das erste Mal auf, seit ich dort war und verhandelte mit mir. Das war einer der bedeutendsten Tage in meinem Leben. Etwas Wundervolles war entstanden.“ 

Menschen, die in schwierigsten Verhältnissen leben zur eigenen Handlungsfähigkeit zu verhelfen – diese Transformationen sind Erfahrungen, die Katrin Feldermann mit Studenten teilen will. 2017 begann die Mülheimerin, die in Bad Nauheim bei Frankfurt lebt, ihre Dozentur an der SRH Hochschule Heidelberg. Für viele Studenten eine radikal neue Erfahrung. Plötzlich stand vor ihnen diese extrem selbstbewusste Frau, die Soziale Arbeit nicht nur lehrt, sondern lebt. Neben der Theorie ist bei ihr Praxis angesagt. Um für die Themen Diversität und Rassismus zu sensibilisieren, holt sie schon mal den Rapper Animus zur Diskussion an die Hochschule, organisiert Rap-Workshops oder lädt eine brasilianische Menschenrechtsaktivistin ein, um ein Capoeira-Projekt für Frauen in einem Frankfurter Gefängnis zu organisieren. 

„Ich bin eine Frau, die sich ständig an sich selbst neu entzündet – so eine Art lebender Katalysator auf zwei Beinen. Ich finde ständig Bereiche, die umgekrempelt werden müssen und hier an der Hochschule kann ich viel bewegen. Manche Studenten sind sicher irritiert, wenn ich so durch die Hochschule poltere, aber ich weiß: Nur, wenn man selbst für eine Sache brennt, kann man Begeisterung bei anderen auslösen. Das ist mein Geheimrezept der guten Lehre!“

Katrin Feldermann verfolgt einen Masterplan. Sie will ihren Studenten etwas ins Herz pflanzen, das sie an andere Menschen weitergeben können – zum Beispiel im Sommer 2019, wenn sie mit ihrer Projektgruppe nach Brasilien reist, um in einer Favela ein Haus für Bedürftige zu bauen und ein Solidaritätskonzert zu organisieren. Die Idee: Mit den Erlösen ein Grundstück kaufen und eine Capoeira-Schule bauen – inklusive Kulturzentrum, Kindergarten und einem Hostel für Studenten und Gäste. „Dieses Projekt realisieren wir gemeinsam mit Mestre Nenel, einer Legende des Capoeira-Tanzes. Wir wollen ein Zeichen setzen gegen die politische Lage im Land, gegen die Streichungen der staatlichen Förderungen, gegen Gewalt und für die Ärmsten der Armen, denen wir eine Perspektive geben.“

Wenn andere in Resignation verfallen, startet Katrin Feldermann erst richtig durch. Nicht wenige ihrer Freunde – egal ob in Brasilien oder in Deutschland – kapitulieren angesichts der schwierigen Verhältnisse. „Sie finden es ziemlich durchgeknallt, weil ich mich bei der Arbeit auch in Gefahr begebe. Für einige bin ich zu einer Art Alien geworden“, sagt sie – und hat Kontakte abgebrochen, weil es sie verletzt, dass das Elend mitverursacht wird durch die Ignoranz derer, denen es sehr gut geht. 

“Immer wieder neu aufzubauen geht an die Substanz – aber ich bin ein gut gelaunter, selbstreinigender Backofen.”

Katrin Feldermann

„Natürlich habe ich auch mal Angst. Aber ich erhalte von meinem Netzwerk Hinweise, wenn Schießereien passieren. Darauf können andere nicht zählen.“ Der Gewalt zum Opfer gefallen ist eine ihrer Kolleginnen. Sie geriet bei einer Schießerei zwischen die Fronten. „Der Tod ist in den Favelas allgegenwärtig“, sagt Katrin Feldermann, „ich habe auch schon einige meiner Jugendlichen bei Schusswechseln verloren.“ 

Für reale Soziale Arbeit braucht es Mut und Empathie. „Ich bin extrem empathisch“, sagt Katrin Feldermann von sich selbst. „Ich kann mich gut in Menschen einfühlen und das macht auch nicht an der eigenen Grenze Halt. Ich empfinde vieles als unerträglich und muss immer helfen. Ich habe ja auch regelmäßig kranke Vögel zuhause und ja: Ich stelle auch Hummeln Zuckerwasser hin.” Natürlich hat die Wissenschaftlerin auch die Erklärung dafür parat: „Die Leidenschaft, mich für andere einzusetzen, ist biografisch bedingt. Ich komme aus einer Familie sehr starker Frauen und bin mit der Haltung groß geworden, dass Emotionen Luxus sind. Ich war aber immer das bunte Schaf der Familie: Die einzige, die ‚touchy‘ ist und alles zusammenhält. Diese familiäre Konstellation hat mir gezeigt, was ich draußen im Leben brauche: emotionale Nähe und Verbundenheit, um schwierige Situationen gemeinsam zu überstehen.“

Die Energie des Capoeira zum Kampf gegen Missstände nutzen: Katrin Feldermann plant den Aufbau einer Capoeira-Schule in Salvador da Bahia.

Eine Begegnung mit Katrin Feldermann ist intensiv  und überraschend. Mit ihrer Präsenz füllt sie jeden Raum und stilsicher gestylt macht es ihr sichtlich Spaß, so gar nicht das Klischee-Bild einer Sozialarbeiterin zu erfüllen. „Ich liebe Mode, damit bin ich für manche Menschen eine Herausforderung. Wenn sie hören, was ich mache, dann würden sie nicht denken, dass ich aussehe, wie ich aussehe. Aber ich kann Mode lieben, ohne meine Überzeugungen über Bord zu werfen.“ Katrin Feldermann ist eloquent, witzig und charmant – und gleichzeitig bestimmt, diszipliniert und fast streng im Ton, wenn es um ihre Ziele geht. Bei Themen, die ihr Privatleben betreffen, erlebt man eine andere Katrin Feldermann: sensibel, emotional, schonungslos ehrlich, authentisch. „Wenn ich Unrecht erlebe“, sagt sie über sich, „dann spielt Rationalität keine Rolle mehr – dann bin ich pure Emotion. Ich habe schon betrunkenen Drogenhändlern Waffen aus den Händen gerissen, da hätte ich leicht dran glauben können.“

Kann sie nach diesen Erlebnissen nachts noch schlafen? „Gute Frage“, sagt Katrin Feldermann. „Mit der neuen Stelle hier an der SRH Hochschule habe ich anfangs fast gar nicht mehr geschlafen. Dinge neu aufzubauen, geht an die Substanz. Aber ich denke, ich bin dennoch ein gut gelaunter, selbstreinigender Backofen! Vor der Arbeit gehe ich Schwimmen, mache Sport und habe hier großartige Kollegen gefunden. Und das alles führt dazu, dass ich wieder wunderbar schlafen kann!“

Katrin Feldermann ist glücklich, dass sie an der SRH Hochschule Heidelberg für ihr Projekt AmiGOs starke Rückendeckung bekommt. „Wir werden vom International Office unterstützt, von Bettina Pauley, die sich total streckt, um die Arbeit des Vereins bekannter zu machen.“ Wenn sie in Brasilien unterwegs ist, dann auch, um die Zusammenarbeit mit der künftigen Partnerhochschule UFRB in Cachoeira voranzutreiben. Als Brasilien-Beauftragte der SRH Hochschule Heidelberg ist es ihre Aufgabe, die Arbeit der Hochschule dort bekannter zu machen. „Trotzdem bin ich noch Robin Hood-mäßig unterwegs und verliere die Belange derjenigen, die nie studieren können, nicht aus den Augen.“ 

„Für einige Freunde bin ich zu einer Art Alien geworden. Sie finden es ganz schön durchgeknallt, was ich da mache.“

Katrin Feldermann

Urlaub ist für Katrin Feldermann ein Fremdwort. Sie ist genervt von Leuten, die ihr erklären wollen, was man im Urlaub tun und lassen muss. „Ich muss einfach so sein wie ich bin – und leben wie ich will! Abschalten kann ich, wenn ich abends mit meinen Kollegen essen gehe, oder wenn ich Teil sein darf von Situationen, in denen Menschen neuen Mut schöpfen.“

Ihr Treibstoff ist die Soziale Arbeit – mit Menschen, die an ein gemeinsames Ziel glauben. „Ohne mein Team vor Ort und hier an der Hochschule“, sagt sie, „wäre ich nichts und niemand.“

Und dann ist da noch eine Sache, die Katrin Feldermann bewegt: Sie liebt Rap, ist mit den Beats und Lyrics von Wu-Tang Clan oder Tupac Shakur groß geworden. „Durch Rap werden Erfahrungen aussprechbar, die man im Alltag nicht sagen würde, das ist ein megawichtiges Medium. Wenn wir mit Rap arbeiten, können wir aber nicht sagen: Das darfst du in einem Lied nicht singen – dann verschließen wir eine Tür zu einem Menschen.“

Typisch Katrin Feldermann: Nicht missionarisch alles umkehren wollen, sondern Herz und Verstand öffnen, um zu verbinden. „Der Schlüssel ist es, die Verbindung zu suchen und nicht das, was uns trennt. Der Schlüssel zu allem ist die Liebe – das ist die Urkraft!“ 

2006 hat Katrin Feldermann den Verein AmiGOs gegründet. Er bringt Menschen zusammen, die dasselbe Ziel haben: Hilfsprojekte für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu realisieren. Einer der Schwerpunkte ist die ehrenamtliche Sozialarbeit in Salvador Bahia, Brasilien.

amigos-eine-welt.de

Der Bachelorstudiengang Soziale Arbeit an der SRH Hochschule Heidelberg orientiert sich an einem zentralen Grundsatz: Jeder Mensch hat das Recht, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Sozialarbeiter werden mit konkretem Praxisbezug unter Berücksichtigung ihrer individuellen Fähigkeiten ausgebildet.

hochschule-heidelberg.de
Text: Ralf Laubscher
Fotos: Mogli Maureal

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