Gesund altern – geht doch!

Alt sein und sich jung fühlen? Das geht, sagt Prof. Dr. Sabine Rehmer. Wir haben die Arbeits- und Organisationspsychologin gefragt, was gesundes Altern bedeutet.

Frau Rehmer, verraten Sie uns wie alt Sie sind?

Aber gerne. Ich bin 43 Jahre alt. 

Noch ganz schön jung also, oder zählen Sie sich etwa schon zu den „jungen Alten“?

Ich fühle mich absolut nicht alt, aber objektiv betrachtet bin ich nicht mehr jung, denn das Altern beginnt schon sehr früh. Etwa ab 30 entwickeln sich im Körper die ersten Alterungsprozesse. Das Wachstum kehrt sich um. Wann sich die ersten Veränderungen und Einschränkungen bemerkbar machen, hängt davon ab, ob man gesund altert oder eben nicht. 

Gesund altern – wie geht das am besten? 

Zunächst einfach durch Optimismus! Man sollte sich klar machen, dass Altern keine Krankheit ist, sondern ein ganz natürlicher Prozess. Und mit einem aktiven Lebensstil kann man Alterserscheinungen herauszögern und das Risiko altersbedingter Krankheiten gering halten.

Sie halten Vorträge zum Thema „Gesund altern“. Aber leben Sie auch selbst so? 

Ich achte tatsächlich sehr darauf, gesund zu altern. Ich treibe viel Sport und lege Wert auf bewusste und gesunde Ernährung. Ich behalte meine Ressourcen im Blick und wenn ich gestresst bin, tue ich Dinge, die mir helfen, die Arbeitsbelastung zu kompensieren. Ich verbringe viel Zeit mit der Familie und meinen Kindern, gehe mit Freunden Schwimmen oder mal ins Kino.

„Wer zufrieden ist, misst dem Alter keine große Bedeutung bei“

Prof. Dr. Sabine Rehmer 

Und so kann man verhindern, sich alt zu fühlen? 

Das gefühlte Alter ist ein spannender Aspekt, denn es hängt wirklich von der individuellen Einstellung ab, ob man sich alt fühlt. Es ist eine Frage der Perspektive. Als Kind findet man ja schon 25-Jährige uralt, mit Mitte 50 die über 80-Jährigen. Aus psychologischer Sicht assoziiert man Alter meist als ein Problem der Anderen. Wenn man sich dennoch als alt empfindet, dann hat das oft etwas mit körperlichen Einschränkungen oder auch mit unerfüllten Wünschen zu tun. Wer mit seinem Leben zufrieden ist, misst dem Alter keine so große Bedeutung bei. 

Ist Ü60 das neue 50? 

Vor hundert Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei gerade mal 45 Jahren. Heute werden Neugeborene fast doppelt so alt. Mit einem gesunden Lebensstil ist ein Durchschnittsalter von 80 locker zu erreichen. Menschen zwischen 60 und 80 sind aber auch heute schon „junge Alte“. Bis zum Eintritt ins Rentenalter mit 67 stehen sie noch aktiv im Arbeitsleben und nach der Pensionierung sind viele immer noch aktiv, indem sie reisen, Hobbys pflegen, Ehrenämter übernehmen oder Enkelkinder betreuen. Mit über 80 Jahren machen sich dann körperliche Einschränkungen bemerkbar, aber auch das lässt sich durch einen gesunden Lebensstil positiv beeinflussen. 

Wenn ein gesunder Lebensstil unsere Lebenserwartung erhöht – warum erfreuen sich dann Keith Richards oder Mick Jagger mit Mitte 70 bester Gesundheit? 

Höchstwahrscheinlich, weil sie in ihren jungen Jahren mit wilden Partys und Freizügigkeit eine gute Grundlage geschaffen haben. Nein, ganz im Ernst: Die Popkultur-Generation der Sechziger Jahre hat einen Lebensstil etabliert, der sich von dem der ersten Nachkriegsgeneration unterscheidet. Wer in allen Bereichen ein Leben lang aktiv war, will das auch im Alter bleiben. Und wer seinen Leidenschaften nachgeht oder sein Leben mit sinnvollen Tätigkeiten füllt, wird sich dem Alter nicht einfach ergeben. 

Warum ist Sexualität im Alter ein Tabuthema?

Körperliche Nähe ist ein protektiver Faktor für gesundes Altern. Da das Thema Sexualität jedoch häufig mit Jugend und schlanken, straffen Körpern verknüpft ist, muss man wahrscheinlich erst selbst alt werden, um die Vorteile zu entdecken.

Gibt es für Sie eine „Schönheit des Alterns“?

Absolut! Ich finde es schön, wenn man die Zeichen des Alters im Gesicht eines Menschen sieht und die Falten eine Geschichte erzählen. Ich fand das schon bei meiner Oma toll und ich hätte mir das gar nicht anders vorstellen wollen.

Mangelt es heute an Wertschätzung für das Alter?

Ich weiß nicht, ob es an Wertschätzung mangelt. Aber auf jeden Fall mangelt es an Zeit füreinander, sodass junge Erwachsene heute nicht notwendigerweise viel mit alten Menschen zu tun haben. Die lokale Verbundenheit geht verloren und familiäre Bindungen werden brüchig. 

Können Menschen in gewöhnlichen Altersheimen gesund und aktiv altern?

In der Regelbetreuung ist es meist so, dass trotz vielfältiger Beschäftigungsangebote die älteren Menschen in Passivität gedrängt werden, weil der Fokus auf der Versorgung, den Mahlzeiten und den Schlafenszeiten liegt. Der entscheidende Faktor für das gesunde Altern ist die möglichst lange Selbstständigkeit. Je mehr sie gefördert wird, desto besser lässt sich altern. Es gibt schon einige innovative Modellprojekte wie Alters-WGs und ich hoffe, dass sich die Einrichtungen anpassen und weitere Modelle entwickeln, die älteren Menschen ermöglichen, sich selbst zu versorgen – je nach individueller Kompetenz. Denn wir können alle gut altern, wenn wir uns möglichst lange unseren persönlichen Herausforderungen stellen. 




Gesundes Altern wird zum bewussten Prozess. Wie unterschiedlich die Perspektiven sind, zeigen die Porträts zweier ehemaliger SRH Mitarbeiter. Nach ihrer Pensionierung sind sie dort angekommen, wo sie schon immer hin wollten.

„Auspowern und zentrieren“

Sabine Mitternacht, 68 

43 lange Jahre. Fast ein halbes Jahrhundert hat Sabine Mitternacht für die SRH gearbeitet, bevor sie sich mit 65 in den Ruhestand verabschiedet. Ruhestand? Abschied? Worte, welche der Frau, die an der SRH Hochschule Heidelberg die Marketingabteilung aufgebaut hat, fremd, aber auch vertraut sind. Ruhig ist es nach ihrem Abschied vom Beruf nicht geworden, aber sie hat innere Ruhe gefunden, seit sie sich mit dem Thema Abschied befasst. „Als meine Mutter verstarb, war ich 25. Das hat mich ratlos zurückgelassen. Seitdem beschäftige ich mich mit dem Tod. Aber erst nach der Pensionierung hatte ich Zeit, mir einen Wunsch zu erfüllen: die Ausbildung zur Sterbebegleiterin.“ Im Heidelberger Hospiz Louise hat sie erstmals einen Menschen während seiner letzten Wochen begleitet. Eine Erfahrung, die ihren Blick auf das eigene Alter verändert hat. „Es hat mir meine Vergänglichkeit bewusster gemacht. Die Folge ist, dass ich mein Leben jetzt noch intensiver genieße.“ Schon seit 20 Jahren ist Sabine Mitternacht in einer Tanz- und Meditationsgruppe aktiv. „Auspowern und hinterher zentrieren. Ich mag es, immer wieder an meine Grenzen zu gehen.“ Und in Zukunft? „Mit 80 sehe ich mich immer noch fit, aktiv, selbständig – und vollbeschäftigt mit Enkelkindern.“

„Klettern und genießen“

Franz Konrad, 66

Seit zwei Jahren macht der ehemalige Chefarzt am SRH Krankenhaus Sigmaringen aus seinem „Ruhestand“ das Gegenteil. Gerade trainiert er wieder im Fitnessstudio für seine geliebten Ziele: Kletterrouten im sechsten Grad im Donautal und die schwierigsten Klettersteige in den Alpen. Mit 66 Jahren eine Ausnahmeerscheinung? Von wegen. Franz Konrad ist mit Freunden im gleichen Alter unterwegs. Gemeinsam knacken sie Touren wie den berüchtigten Tabaretta-Klettersteig am 3.905 Meter hohen Ortler in Südtirol. „Ich bin ja noch gar nicht so alt“, lacht der 66-Jährige. „Vor zwei Jahren“, erzählt er, „wurde eine Hüftarthrose festgestellt, die irgendwann operiert werden muss. Ich bin Realist. Mit Einschränkungen muss man im Alter leben. Das Gute ist aber, dass man das Leben dann noch bewusster genießt.“ In letzter Zeit spielt Franz Konrad weniger Tennis, aber am Berg lässt er es krachen. In diesem Jahr steht der Klettersteig in der 1.000 Meter hohen Seewand über dem Hallstatter See auf der Liste, im Vorjahr war es eine schwere Route in der Schweiz. „Da haben wir einen älteren Bergsteiger getroffen, der mit Bergführer unterwegs war. Die Bergtour war sein Geschenk zum achtzigsten Geburtstag! Und jetzt wissen Sie auch, wo ich mich in 15 Jahren sehe.“

Prof. Dr. Sabine Rehmer hat im Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie promoviert. 2012 hat sie das IGO-Institut für Gesundheit in Organisationen gegründet. An der SRH Hochschule für Gesundheit ist sie Studiengangsleiterin im Masterstudiengang Arbeits- und Organisationspsychologie mit Schwerpunkt Sicherheit und Gesundheit in der Arbeitswelt. Die SRH Hochschule für Gesundheit bildet als private, staatlich anerkannte Hochschule in 17 Bachelor- und Masterstudiengängen Spezialisten für den Wachstumsmarkt Gesundheit aus. Mehr als 1.200 Studenten sind an acht Standorten in Thüringen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen immatrikuliert.

gesundheitshochschule.de 
Text: Ralf Laubscher / Illustration: Anton Mariinsky / Foto Sabine Rehmer: SRH Hochschule für Gesundheit

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