Herzenssache

Johannes Waltenberger ist ein international anerkannter Kardiologe und Herz-Spezialist. Im Interview erklärt er, warum die Diagnose Herzinsuffizienz immer häufiger wird – und wofür sein eigenes Herz schlägt.

Herr Waltenberger, was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit als Kardiologe? 

Mein langjähriger Schwerpunkt sind Durchblutungsstörungen des Herzens und deren optimale Behandlung – vom akuten Herzinfarkt bis zu diffusen chronischen Beschwerden. Die häufigste Behandlungsform dabei ist der Herzkathetereingriff. Im Lauf der Zeit hat sich auch das Thema Herzschwäche zu einem wichtigen Schwerpunkt entwickelt. Herzinsuffizienz ist ein spätes Symptom der meisten Herzerkrankungen. Es gibt unterschiedlichste Ausprägungen und deshalb muss man die ganze Klaviatur beherrschen, um jeden Patienten richtig zu behandeln.

Warum ist die Herzinsuffizienz in Deutschland auf dem Vormarsch und eine Art Volkskrankheit geworden? 

Durch die immer bessere medizinische Versorgung der letzten 40 Jahre werden die Menschen immer älter. Viele heutige Patienten mit Herzinsuffizienz wären vor 30 Jahren an ihrem 80. Geburtstag nicht mehr am Leben gewesen. Bei den über 85-Jährigen ist die häufigste Diagnose bei stationärer Behandlung deshalb Herzinsuffizienz. Erste Herzerkrankungsepisoden werden überlebt, die Folge ist Herzschwäche in späteren Jahren. 

Der „Deutsche Herzbericht“ zeigt regionale Unterschiede in der Erkrankungshäufigkeit. In Thüringen ist die Sterblichkeit an Herzschwäche vergleichsweise hoch. Gibt es dafür eine Erklärung?

Dafür gibt es keine wirklich gute Erklärung, aber es gibt einige Hinweise. Die Thüringer Bevölkerung ist etwas älter als im Bundesdurchschnitt – und Thüringen ist das Bundesland mit der geringsten Dichte an Kardiologen. Auf 32.000 Einwohner kommt nur ein Kardiologe, im Bundesdurchschnitt ist das Verhältnis 22.000 zu eins. 

Sie sind ein sehr gefragter Spezialist – kürzlich hatten Sie ein Angebot aus Zürich.Warum ist Ihre Wahl auf das SRH Zentralklinikum Suhl gefallen?

Um die Art von Medizin machen zu können, für die ich nach 30 Jahren ärztlicher Tätigkeit stehe, brauche ich bestimmte Rahmenbedingungen. Es sollte Medizin sein, die den Patienten als ganzen Menschen sieht und dabei alle Möglichkeiten nutzt, die uns moderne Medizintechnik heute bietet. Das Zentralklinikum Suhl erfüllt diese Voraussetzungen. Hier stimmt der Geist des Hauses und ich habe den Eindruck, dass die Gemeinnützigkeit der SRH als Vorteil und Chance genutzt wird. 

Herzerkrankungen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Welche Rolle spielt die Prävention? Was kann sie leisten?

Prävention spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Vor 100 Jahren wurden Krankheiten behandelt, und es wurde so gut wie keine Prävention betrieben. Heute ist die Sekundärprävention, also die Verhinderung des Fortschreitens einer bekannten Herzerkrankung, fester Standard und wird zunehmend deutlich differenziert. So kann man potenziell schädlichen Einflüssen entgegenwirken und dafür sorgen, dass sich ein Krankheitsverlauf nicht verschlimmert. Aktuell wird aber auch die Primärprävention immer wichtiger – also das Verhindern einer Krankheit, noch bevor diese auftritt. Durch Gentests können beispielsweise die Risiken familiärer Belastungen bei einer zunehmenden Zahl von Krankheitsbildern sehr früh erkannt werden. 

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie weist darauf hin, dass Stress ein ungünstiger Faktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Wie gefährlich ist Stress für das Herz wirklich? 

Stress kann sehr verschieden wahrgenommen werden. Psychischer Stress in Form einer andauernden Belastung, die man nicht jahrelang aushalten kann, ist sehr wohl ein Faktor für Herzerkrankungen. Ein solcher Stress fördert aber auch den Bluthochdruck und – bei manchen Menschen – auch den Griff zur Zigarette oder zu Süßigkeiten in größerem Umfang. Bluthochdruck, Rauchen und Übergewicht sind ganz klar negative Faktoren und fördern die Entstehung wie auch das Fortschreiten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Kann man durch einen bewussten Lebensstil das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen aktiv beeinflussen? Was raten Sie Ihren Patienten? 

Viele Risikofaktoren lassen sich durch einen gesunden Lebensstil positiv beeinflussen, zum Beispiel durch die Umstellung auf eine gesunde Ernährung, durch eine Rauchentwöhnung oder durch regelmäßige körperliche Bewegung wie tägliche Spaziergänge, Schwimmen, Trainingseinheiten im Fitness-Studio oder Teilnahme an Herzsportgruppen. Für meine Patienten ist es entscheidend zu wissen, dass die genannten Maßnahmen äußerst wichtige Ergänzungen zu den verordneten Medikamenten darstellen; sowohl in der Prävention als auch in der Therapie. In aller Regel lassen sich die notwendigen Medikamente hierdurch aber nicht ersetzen. Die Kombination von Medikamenten plus verbessertem Lebensstil entspricht dann häufig dem Optimum dessen, was Patient und Arzt gemeinsam erreichen können.

Mediziner bemühen sich angeblich mehr um die Gesundheit ihrer Patienten, als um die eigene. Wann haben Sie das letzte Mal Ihren Blutdruck gemessen? 

Zuletzt vor drei Wochen. Zum Glück alles normal.

Hand auf’s Herz: Rauchen Sie? 

Ich habe als Schüler mit 17 Jahren mal auf einer Klassenfahrt eine halbe Zigarette geraucht. Den Geschmack fand ich so schrecklich, dass ich nie mehr eine Zigarette angefasst habe. 

Wie bauen Sie Stress ab? 

Wie in jedem Beruf braucht man auch als Arzt die Balance. Ein wichtiger Faktor zum Stressabbau ist für mich das Familienleben. Ich empfinde es als Privileg, dass meine Familie gesund ist und mich immer unterstützt hat; auch wenn ich zeitweise mehr abwesend war. Dafür bin ich meiner Familie dankbar. 

Wie sieht es mit Sport aus? 

Früher habe ich Radsport als Leistungssport getrieben, heute mache ich immerhin Ausgleichssport. Ehrlich gesagt komme ich leider viel zu selten dazu. Aber ich versuche – wie viele andere auch – dies zu verbessern. 

Was hat Sie motiviert, Arzt zu werden? 

In der Schulzeit macht man sich ja viele Gedanken über mögliche Berufsfelder. Ich hatte vor allem Interesse an Naturwissenschaft und an Philosophie. Der entscheidende Punkt war für mich dann aber das Arbeiten mit Menschen. Mein Interesse wurde so richtig geweckt, als ich gemerkt habe, dass ich in der Medizin wissenschaftliche, technische und humanitäre Fragen kombinieren kann. Und dann gibt es sogar noch die „handwerkliche Komponente“ beim Operieren, beziehungsweise bei der Durchführung von invasiven Eingriffen. Interessant fand ich auch die Möglichkeit, sich in verschiedene Richtungen entwickeln zu können. Als Arzt kann man ja vieles machen – sogar Präsident der EU-Kommission werden wie Ursula von der Leyen. 

Sie stammen aus Süddeutschland, haben in Heidelberg studiert und arbeiten und leben nun in Ostdeutschland. Was gefällt Ihnen an Ihrer neuen Heimat?

Ich komme ursprünglich aus dem Madonnenländchen bei Bad Mergentheim. Rund 60 Kilometer weiter westlich, in Heidelberg, habe ich acht Jahre lang studiert und gelebt. In meiner Heimat mischt sich das fränkische, badische, hessische und schwäbische. Suhl ist gar nicht so weit vom fränkischen entfernt. Suhl hat eine tolle Natur und eine sehr schöne Landschaft. Die Menschen hier sind kritisch, aber auch offen; man kann gut mit ihnen reden. Und noch nie war an einem meiner Arbeitsplätze die Luft so gut wie hier. Suhl ist Luftkurort. Das ist meiner Gesundheit sicher zuträglich. 

Was erzeugt bei Ihnen Herzklopfen?

Gute Frage … Also mein Hobby ist die Fotografie. Wenn ich mal nahe am perfekten Bild bin, wenn die Harmonie und Stimmigkeit eines Bildes mich hinterher mehr überwältigt als der Augenblick, in dem ich abgedrückt habe, dann ist das ein großer Moment für mich. Was mich generell fasziniert, sind Landschaften. Wenn ich im Flugzeug unterwegs bin, betrachte ich gerne die Landschaft; vor allem, wenn ich die Gegend auch aus der Nähe gut kenne. Vor zwei Jahren bin ich mal über den Hintertuxer Gletscher geflogen, wo ich in meiner Jugend mit den Eltern oft Skilaufen war; später dann mit meiner Familie. Da hat mein Herz definitiv schneller geschlagen.

Univ.-Prof. Dr. med. Johannes Waltenberger ist ein international anerkannter Kardiologe und Herz-Spezialist, Lehrstuhlinhaber für Kardiologie und Angiologie am an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin I am SRH Zentralklinikum Suhl.

zentralklinikum-suhl.de
Interview: Ralf Laubscher / Fotos: Christian Rothe

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