MINT steht mir gut!

Damit sich Dinge ändern, braucht es Menschen, die vorangehen. Pioniere, die ihrer Leidenschaft folgen und alte Strukturen aufbrechen. Frauen wie die Ingenieurin Leila Mekacher, die am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd eine Kampagne für Frauen in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen gestartet hat.

Der SRH Technologie Campus in Neckargemünd an einem sonnigen Septembermorgen. Auszubildende beugen sich konzentriert über das kleinteilige Modell einer industriellen Fertigungsanlage. Im Raum stehen Roboter, dazwischen läuft Leila Mekacher umher und testet eine Mixed-Reality-Brille. Das Technological Education Center (tec) ist eines ihrer zahlreichen Herzensprojekte. Hier befassen sich Auszubildende abseits des vorgegebenen Lehrplans mit den spannendsten Themen von morgen. Ein Ideenlabor mit viel Raum zum Experimentieren. Aber auch so etwas wie ein Trainingslager, in dem sich die zukünftigen Spezialisten wichtige Zusatzqualifikationen für den Arbeitsmarkt aneignen und Kontakte knüpfen: Mittlerweile gibt es eine Kooperation mit dem Branchenriesen Bosch.

Für Dozentin Mekacher sind solche Erfolge auch die Bestätigung ihrer langjährigen Arbeit. Sie selbst kam als Stipendiatin aus Tunesien nach Deutschland und studierte Elektrotechnik und Automatisierungstechnik an der TU Kaiserslautern. Später promovierte sie in Robotik und Softwaretechnik an den Universitäten Mannheim und Heidelberg. Heute veröffentlicht die Mutter von zwei Kindern in renommierten Fachzeitschriften, lehrt an Hochschulen und forscht zu komplexen Zukunftsthemen. Unter anderem war sie Leiterin der Forschungsgruppe „Unmanned Aerial Vehicles“ und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe „Dependable Robotics“. Wie kann Technologie unser Leben besser machen? Das ist ihre grundlegende Frage. Leila Mekacher beantwortet sie, indem sie beispielsweise intelligente Steuerungssysteme für Rollstühle entwickelt.

Es ist eine Karriere, mit der sich Leila Mekacher bereits zufriedengeben könnte. Aber ihr reicht der persönliche Erfolg allein nicht. Sie hat eine Mission. Die erfahrene Wissenschaftlerin möchte andere Frauen fördern und sie dazu ermutigen, ihr volles Potenzial zu nutzen. „Sie sollen sich auf ihre Stärken fokussieren, sich entfalten und groß denken“, sagt sie. „Schülerinnen sollen in den Mentoring-Projekten die Chance nutzen, schon in einem frühen Alter mehr über MINT-Berufe zu erfahren. Diese Angebote gab es bei mir in Tunesien natürlich nicht, deshalb war der Besuch eines technischen Gymnasiums meine eigene Entscheidung, ohne Wissen über Perspektive und Berufschancen.“

Leila Mekacher will endlich mit dem alten Vorurteil aufräumen, dass MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) nichts für Frauen sind. Denn auch im Jahr 2019 gibt es nicht viele Ingenieurinnen und IT-Spezialistinnen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind nur rund 15 Prozent der Beschäftigten in diesen Bereichen Frauen. Und das, obwohl die Unternehmen verzweifelt nach Fachkräften suchen. 

Wer wissen will, woran das liegt, muss nur mit Jennie Völker sprechen. Sie macht gerade am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd eine Ausbildung zur Elektronikerin für Automatisierungstechnik. Allerdings hätte sie früher nie gedacht, dass sie einmal etwas Technisches lernen würde – zu groß waren die Vorbehalte aus dem sozialen Umfeld. „Das kostet als Frau schon auch Überwindung“, sagt die 24-Jährige. „Im Matheunterricht hieß es früher oft, man müsse sich als Mädchen erst gar nicht anstrengen, die Jungen könnten das sowieso besser.“ 

Mittlerweile leitet Jennie Völker die Robotik-AG. Wenn sie ihre Projekte präsentiert, sagt sie häufig: „Das habe ich mir einfach selbst beigebracht.“ Nach dem Ende der Ausbildung kann sie sich ein duales Studium vorstellen, um später in der Forschung und Entwicklung zu arbeiten. Denn ähnlich wie Leila Mekacher geht es ihr um mehr, als bloß die Karriere: „Ich möchte mit der Technik etwas Sinnvolles leisten und Menschen helfen.“ Etwa die Entwicklung von besseren Prothesen oder von Robotern für die Pflege, die Pflegekräfte in den Kliniken entlasten würden. Und auch ihr Freund kann die Vorteile ihrer Berufsentscheidung genießen: „Er findet es schon cool, wenn ich dann diejenige bin, die daheim die Lampen repariert“, sagt sie und lacht.

Leila Mekacher ist überzeugt davon, dass Mädchen sich viel mehr trauen, wenn sie von einer Frau unterrichtet werden. Sie weiß deshalb um die Vorbildfunktion, die sie für Auszubildende wie Jennie Völker hat. „Natürlich bekommen sie es mit, wenn ich forsche und publiziere. Für manche macht das dann auch ein Studium interessanter.“ 

Wenn es nach Leila Mekacher geht, folgen bald noch mehr selbstbewusste junge Frauen ihrem Beispiel. Seit mittlerweile fast 20 Jahren engagiert sie sich in diversen Mentoren-Programmen, um Nachwuchstalenten den Einstieg in die MINT-Welt zu erleichtern. Am SRH Berufsbildungswerk Neckarge-münd (BBWN) hat sie deshalb die Kampagne „MINT steht mir gut“ ins Leben gerufen, um Berührungsängste und Vorbehalte in Bezug auf MINT-Fächer abzubauen und insbesondere junge Frauen zu motivieren, eine Ausbildung in diesem zukunftsträchtigen Bereich zu absolvieren. In Video-Interviews oder an Aktionstagen geben Auszubildende wie Jennie Völker Einblicke in die Vielfältigkeit ihres Berufsfelds. Das BBWN ist zudem Unterzeichner des Nationalen Pakts für Frauen in MINT-Berufen, der seit 2008 unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Bildung und Forschung das gleiche Ziel verfolgt.

Und so langsam beginnt sich auch etwas zu ändern: In den vergangenen fünf Jahren ist die Anzahl von Frauen in MINT-Berufen bereits um 16 Prozent gewachsen. 

Dr. rer. nat. Leila Mekacher ist Ingenieurin und wissenschaftliche Lehrkraft. Sie ist Leiterin des Technological Education Center (tec) am SRH Berufsbildungswerk Neckargemünd. Dort können Azubis ihre Kompetenzen in Robotik, Prozessmodellierung, LabVIEW, Entwicklung von Virtual & Augmented Reality-Anwendungen, Implementierung von Shared Experience Demos, App Design etc. entwickeln. Sie erhalten Zugang zu Spitzen-technologien, die Möglichkeit, sich über aktuelle Entwicklungen auszutauschen und ihre MINT-Kompetenzen auszubauen.

bbw-neckargemuend.de
Text: Alexander Graf / Fotos: Julian Beekmann

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