Nachhaltig die Welt retten

Der Klimawandel ist eine wachsende Bedrohung. Aber auch der Verlust an Saatgutvielfalt ist ein globales Problem. Was ist zu tun, um die Ernährung der Menschheit zu sichern? Der Nachhaltigkeitsexperte Prof. Dr. Michael Koch hat für das Magazin perspektiven mit Marie Haga gesprochen. Sie ist Exekutivdirektorin des international tätigen Welttreuhandfonds für Saatgutvielfalt. 

Frau Haga, was ist das Ziel des international tätigen Crop Trust?

Unser Ziel ist die Sicherung der Nutzpflanzenvielfalt, einem wichtigen Teil der Biodiversität. Sie umfasst unter anderem rund 4.500 Kartoffelsorten, 35.000 Maissorten und 120.000 Weizensorten. Die Vielfalt unserer Nutzpflanzen ist eine der wichtigsten natürlichen Ressourcen der Welt, weshalb wir die Erhaltung und die Nutzung sicherstellen wollen. Das bedeutet, Pflanzenzüchtern, Wissenschaftlern oder Landwirten Zugang zu Saatgut zu verschaffen, um Kulturen entwickeln zu können, die produktiver, nahrhafter und belastbarer sind. 

Warum steht die Bedrohung der Nutzpflanzenvielfalt nicht so stark im Fokus der Öffentlichkeit wie etwa der Klimawandel?

Viele Menschen erleben extremes Wetter und können verstehen, dass der Klimawandel eine Herausforderung für die Landwirtschaft bedeutet. Aber wie viele Leute wissen, dass die Erhaltung von möglichst vielen Kartoffelsorten so wichtig ist? Ich habe aber das Gefühl, dass sich das öffentliche Bewusstsein gerade verändert. 2015 erkannten die Vereinten Nationen die Bedeutung der Nutzpflanzenvielfalt im Rahmen der Ziele für nachhaltige Entwicklung an. Das hat unser Thema in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Unternehmen, aber auch Prominente nehmen jetzt mit uns Kontakt auf, um zu erfahren, wie sie helfen können.

„Pflanzenvielfalt ist der Rohstoff, der für eine zukunftssichere Landwirtschaft notwendig ist.“

Marie Haga

Wie viele Nutzpflanzenarten sind bereits in Saatgutbanken deponiert?

Weltweit gibt es geschätzt sieben Millionen Proben in Saatgutbanken, von denen wir glauben, dass etwa zwei Millionen einzigartig sind. Manchmal gibt es von einer bestimmten Sorte nur eine einzige Probe, die das Ergebnis jahrhundertelanger Entwicklung und Auswahl durch Landwirte ist. Ohne Saatgutbanken wären diese Arten für immer verschwunden, zusammen mit allen nützlichen Eigenschaften. Die Herausforderung ist, dass Saatgutbanken mit Engpässen bei der Finanzierung konfrontiert sind. Der Crop Trust arbeitet daran, einige dieser Saatgutbanken auf eine nachhaltige finanzielle Basis zu stellen. 

Warum ist Saatgutvielfalt so wichtig?

Rund 60 Prozent unserer Kalorienaufnahme stammen aus den vier Saatgutsorten Reis, Weizen, Mais und Sojabohnen. Dieser Umstand macht uns extrem verwundbar. Wenn nur eine dieser Sorten aufgrund einer Dürre oder eines Schädlingsausbruchs versagen würde, wären die Auswirkungen global spürbar. Es gibt zwei grundlegende Möglichkeiten, unser Nahrungsmittelsystem sicherer zu gestalten. Zum einen, die noch verfügbaren Saatgutsorten für die Forschung zu sichern, um auf dieser Basis neue Sorten entwickeln zu können. Zum anderen eine größere Auswahl an Feldfrüchten in landwirtschaftlichen Betrieben und in unserer Ernährung einzuführen, um das Risiko von Ernteausfällen zu reduzieren. 

Nehmen wir das Grundnahrungsmittel Reis: Warum ist es so wichtig, davon möglichst viele Sorten zu sichern? 

Rund 3,5 Milliarden Menschen – etwa die Hälfte der Weltbevölkerung – essen täglich Reis. Bis 2050 werden es voraussichtlich über fünf Milliarden sein. Sehr viele Menschen sind also von einer einzelnen Nutzpflanzensorte abhängig. Durch die Sicherung der Reisvielfalt geben wir Wissenschaftlern und Landwirten die Chance, neue Reissorten zu entwickeln, die beispielsweise einem bestimmten Schädling oder einer Krankheit widerstehen, höhere Temperaturen tolerieren oder mehr Nährstoffe enthalten. 

Wie erfolgreich ist die Arbeit des Crop Trust?

Wir wurden 2004 gegründet und sind noch eine relativ junge Organisation. Wir haben jedoch sehr klar definiert, was erforderlich ist, um die Nutzpflanzenvielfalt zu sichern. Im Mittelpunkt steht unser Stiftungsfonds, der sich aus Beiträgen nationaler Regierungen, Stiftungen und zunehmend auch aus Spenden von Unternehmen und Privatpersonen zusammensetzt. Der Fonds generiert Kapitalerträge, die wir zum Konservieren der unterschiedlichsten Saatgutsorten verwenden. Dazu gehört auch die Unterstützung der Konservierungsmaßnamen des Svalbard Global Seed Vault, der Saatgutbank in der Nähe des Nordpols, welche die weltweit größte Sammlung an Nutzpflanzenarten umfasst. Darüber hinaus haben wir uns verpflichtet, die laufenden Kosten der größten Reissaatgutbank der Welt mit den Kapitalerträgen des Stiftungsfonds zu finanzieren. Dies war ein historischer Schritt für uns. 

Die Erhaltung der weltweiten Biodiversität kostet Geld. Wieviel wird benötigt?

Wir gehen davon aus, dass ein Stiftungsfonds im Wert von 850 Millionen Dollar genügend Zinsen generieren würde, um die laufenden Kosten aller wichtigen Saatgutbanken der Welt für immer bereitzustellen. Es werden lediglich 34 Millionen Dollar pro Jahr benötigt! Das ist ein relativ geringer Geldbetrag für so eine große und dauerhafte Wirkung – denken Sie nur daran, wie viel es im Vergleich kostet, ein einzelnes Fußballstadion zu bauen! Der Stiftungsfonds hat derzeit einen Wert von fast 300 Millionen Dollar, inklusive einen Teil als Darlehen der deutschen KFW Bank. Wir haben also ungefähr ein Drittel geschafft, haben aber noch einen langen Weg vor uns. Die Bundesregierung hat unsere Arbeit großzügig unterstützt, wofür wir sehr dankbar sind.

Erhalten Sie auch Unterstützung von Nahrungsmittelkonzernen?

Wir streben eine stärkere Beteiligung des privaten Sektors an, indem wir Unternehmen dazu ermutigen, in den Erhalt der Nutzpflanzen zu investieren, die für sie wichtig sind. Wenn Sie beispielsweise ein Kaffeeunternehmen führen und nachhaltig tätig sein möchten, sollten Sie in den Erhalt der Ernte investieren, die ja die Grundlage Ihres Geschäftsmodells bildet. Auch hier wissen wir genau, wie viel das kostet: eine Million Dollar pro Jahr. Für ein international agierendes Kaffeeunternehmen ist das ein kleiner Betrag. 

„Der Erhalt der Nutzpflanzen-Vielfalt ist gut angelegtes Geld“

Marie Haga

Warum sind die 34 Millionen Dollar, die der Crop Trust pro Jahr für seine Arbeit benötigt, gut investiertes Geld? 

Es hängt davon ab, wie Sie „Rendite“ definieren. Für ein Kaffeeunternehmen könnte man argumentieren, dass die Sicherung von Kaffee als Rohstoff für die Produktion die Sicherung der Geschäftsgrundlage darstellt. Die Finanzierung der Konservierung von Kaffee oder einer anderen Nutzpflanzensorte bringt der Organisation auch einen Wert für die Öffentlichkeitsarbeit, der zwar schwieriger zu messen ist, aber dennoch eine positive Rendite erzielt. Man könnte die Förderung des Crop Trusts aber auch als eine Versicherung sehen: Sie zahlen relativ wenig, um sicherzustellen, dass etwas von viel größerem Wert geschützt wird. Was ist die Rendite für eine Versicherung? Seelenfrieden. Investitionen in den Erhalt der Kulturpflanzenvielfalt sind natürlich auch gut angelegtes Geld, weil wir dafür verantwortlich sind, dass wir die Welt mit ausreichend nahrhaften Lebensmitteln ernähren. Das ist eine Rendite, die unbezahlbar ist.

Marie Haga (rechts), die Leiterin des Global Crop Diversity Trust, im Gespräch mit Michael Koch.

Welche Technik benötigt die Saatgut-Konservierung? 

Die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt ist keine Hexerei. Viele Nutzpflanzensorten können konserviert werden, indem das Saatgut entnommen, getrocknet und an einem kühlen Ort aufbewahrt wird. Wenn Sie in eine Saatgutbank gehen, sehen Sie Kisten und Umschläge mit Samen. Hin und wieder muss Saatgut gepflanzt werden, um sicherzustellen, dass es noch „lebensfähig“ ist. Einige unserer wichtigsten und beliebtesten Pflanzensorten wie Tee, Banane, Kokosnuss, Kakao, Avocado, Apfel, Kartoffel erfordern zudem spezielle Konservierungstechniken.

In Deutschland sind Kartoffeln ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Aber woher stammt die Kartoffel eigentlich – nicht aus Deutschland, richtig? 

Haha, nein. Die Kartoffel stammt ursprünglich aus den Bergen Perus …

Wie kann ein deutscher Kartoffelliebhaber die Arbeit des Crop Trust unterstützen?

Da wir uns für die Erhaltung der 4.500 Kartoffelsorten einsetzen, wäre ein Beitrag zum Crop Trust Fonds eine Möglichkeit. Große und kleine Spenden können über unsere Website getätigt werden. Wir entwickeln derzeit auch eine Crowdsourcing-Kampagne, die wir voraussichtlich im Laufe des Jahres 2019 starten werden. Dadurch möchten wir die Öffentlichkeit in die Bemühungen einbeziehen, einige der wichtigsten Kulturpflanzen zu konservieren. Eine andere lustige Möglichkeit ist, das kürzlich veröffentlichte Brettspiel „Catan: Crop Trust“ zu kaufen. Dies ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen der Catan GmbH und dem Crop Trust, um eine neue Sicht auf Siedler von Catan zu schaffen. Alle Gewinne aus dem Verkauf des Spiels fließen in unseren Stiftungsfonds. Dies sind nur einige Initiativen, um die faszinierende Welt des Pflanzenschutzes einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 

Sie waren als Ministerin in Ihrem Heimatland Norwegen tätig – was ist Ihre persönliche Motivation, sich für die Ziele des Crop Trust einzusetzen?

Mein erster Job im Leben war der Kohlanbau. Ich bin auf einer kleinen Farm in Norwegen aufgewachsen und hatte immer Kontakt mit der Landwirtschaft – auch im Rahmen meiner politischen Arbeit für die Centre Party in Norwegen, die traditionell die Bauernpartei ist. Ich habe offenbar „grüne Gene“ und es war wunderbar, nach der Politik wieder in die internationale Arbeit zu gehen. Nun ist es für mich großartig, mich auf ein Kernthema zu konzentrieren, bei dem wir wirklich etwas bewirken können, das ein klares Ziel hat und eine wachsende Dynamik. Allein zu wissen, dass dies eine grundlegend wichtige Arbeit für die Menschheit ist, ist äußerst befriedigend. Es ist tatsächlich der befriedigendste Job, den ich je hatte!

Der Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt mit Sitz in Bonn ist eine unabhängige internationale Organisation mit dem Ziel, die Vielfalt des Saatgutes von Nutzpflanzen zu bewahren und verfügbar zu halten. Seit 2013 leitet Marie Haga als Geschäftsführende Direktorin den Global Crop Diversity Trust. Zuvor war sie als Diplomatin und als Politikerin tätig – unter anderem als Staatssekretärin und stellvertretende dreimalige Ministerin in Norwegen (für die Portfolios Öl und Energie, Kultur und regionale Verwaltung) im Außenministerium.

croptrust.org

Nach diversen Stationen im Investmentbanking und seinem Engagement als Finanzdirektor der Weltbank in Washington, war der promovierte Volkswirt Prof. Dr. Michael Koch von 2013 bis 2017 Direktor beim Global Crop Diversity Trust, zuständig für Finanzen, Geberbeziehungen und Kommunikation. Seit 2018 ist er als Professor of Economics and Sustainability an der SRH Fernhochschule tätig.

mobile-university.de 
Interview: Prof. Dr. Michael Koch 
Fotos: Hartmut Nägele

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