Riechen – Fühlen – Sehen

Schulunterricht im Wald. 
Natur erlernen und erleben.

Dieses Klassenzimmer ist einfach gigantisch. Es riecht nach Erde, Moos, Bäumen und Abenteuern! Die Schüler der Waldpädagogik AG erleben den Wald spielerisch – und lernen den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur.

Wenn Silvia Arnold aus dem Fenster schaut, sieht sie grün. Direkt hinter der SRH Stephen-Hawking-Schule, an der die Fachlehrkraft für Sonderpädagogik unterrichtet, beginnt der Neckargemünder Stadtwald. Viele Hektar mit Eichen, Buchen und Tannen. Ein Ort der Natur, der Kraft und der Ruhe.

Immer dienstags ist es vorbei mit der Ruhe, denn dann wird es bei Silvia Arnold laut. Wie jede Woche sammelt sich bei ihr die Waldpädagogik AG der Schule, bevor es gemeinsam raus geht in die Natur. Julius (8), Lasse (8) und Fabio (9) sind schon da, polternd stürmen sechs weitere Schüler aus den Klassenstufen 2 und 3 den Raum. Wer wird Teamleiter, wer transportiert die Materialien und wer organisiert als Umweltbeauftragter das Aufsammeln der Abfälle? Unter der Leitung der Lehrerin sind die Aufgaben schnell verteilt. „Feste Rituale sind wichtig“, weiß Silvia Arnold. „Das beginnt mit dem Teamtreffen und draußen setzen wir das auf einer vorher festgelegten Waldroute fort.“ 

Lasse leitet heute das Team und ist ziemlich aufgeregt. Auf laubbedeckten Pfaden darf er die Gruppe durchs dichte Unterholz führen. Aber Stopp – was liegt denn da unter dem Laub versteckt? Etwas Braunes, Flauschiges … „Ein Fell“, ruft Lasse, und ein paar Schritte weiter sichtet die Gruppe noch ein zweites, helleres und dünneres Fell. Vorsichtig wird getastet, gefühlt und gestreichelt. Mit etwas Hilfe von Silvia Arnold, die beide Rehfelle zuvor versteckt hat, kommen die Schüler dem Rätsel schnell auf die Spur. Na logo – das dicke dunkle ist ein Winterfell, das dünne ein Sommerfell.

Heute erfahren die Schüler alles über Rehe. Zwischen mehreren Bäumen hat Silvia Arnold dafür eine Schnur gespannt und Bilder aufgehängt: Ricke, Bock und Kitz – die gesamte Rehfamilie. Es wird gefragt, gestaunt und gelacht. Nach zwanzig Minuten ist der Wissensdurst der Kinder gestillt und es wird immer lauter.  

„Ein analoges Naturerlebnis in digitalen Zeiten: Waldpädagogik eröffnet Kindern neue Perspektiven.“

Silvia Arnold

„Der Wald als Klassenzimmer ist toll, aber als Abenteuerspielplatz ist er natürlich noch viel spannender“, lacht Silvia Arnold. Sie kennt ihre Rabauken und weiß, dass jetzt erst einmal Austoben angesagt ist. Dafür hat sie sich ein Geländespiel „Rehe im Winter“ ausgedacht, bei dem die Kinder einzeln als Rehe ausschwärmen und sich auf Klopf-Kommando in wechselnden Gruppen wieder zusammenschließen. Lachend stapeln sich Julian, Konstantin, Jade und Tom auf dem weichen Waldboden aufeinander und merken dabei nicht, dass sie spielerisch Mathe üben. 

Als Fachlehrkraft für Sonderpädagogik hat Silvia Arnold die körperliche und motorische Entwicklung der Kinder im Fokus. „Es macht mich glücklich, zu sehen, wie sicher sich die Schüler mittlerweile draußen bewegen. Als wir zum ersten Mal ins Gelände aufgebrochen sind, sah das noch anders aus. Heute sind alle viel trittsicherer und routinierter in der Koordination ihrer Bewegungsabläufe.“ 

Viele Kinder und Jugendliche haben mehr Erfahrung mit digitalen Spielkonsolen als mit Spaziergängen in der Natur, oder wie man es überspitzt formulieren könnte: Immer wenn ein Kind ein Smartphone oder ein Tablet in die Hand nimmt, stirbt auf einem Baum ein Abenteuer. „In der Waldpädagogik AG lernen die Schüler den Lebensraum Wald mit Händen zu greifen und sinnlich zu spüren“, sagt Silvia Arnold. „Sie erleben den Wald im Wandel der Jahreszeiten. Sie lernen aktiv und selbstbestimmt auf die Umwelt zuzugehen, sich selbstständig einen neuen Erfahrungsraum zu erschließen und Einschränkungen zu überwinden.“

Als Silvia Arnold den Beschluss fasste, sich in Waldpädagogik fortzubilden, erntete sie zunächst erstaunte Reaktionen. „Die Idee, Unterricht draußen im Grünen anzubieten, ist ja durchaus abenteuerlich“, sagt sie. Doch bereits 2018 wurde die Waldpädagogik für Schüler der zweiten und dritten Klasse auf freiwilliger Basis eingeführt. Ab dem Schuljahr 2019/2020 ist die Waldpädagogik nun für die Klassenstufen 1 bis 6 fest in den Lehrplan implementiert.

Die Waldpädagogik setzt mit modernen didaktischen Konzepten neue Schwerpunkte. Durch spielerisches Lernen wird in digitalen Zeiten analoges Waldwissen vermittelt, das für den verantwortungsvollen und liebevollen Umgang mit der Natur sensibilisiert. 

Grundschüler befassen sich im Sachunterricht mit Tieren, Pflanzen und Jahreszeiten. Ältere Schüler lernen in Erdkunde, Biologie oder Mathematik Themen wie Holzproduktion und CO2-Kreislauf am konkreten Beispiel im Wald kennen.

„Waldpädagogik hat hier ein enormes Potenzial“, sagt Silvia Arnold und freut sich über das perfekt ausgestattete Waldklassenzimmer der Schule, das noch viele Abenteuer zu bieten hat.

Die SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd ist eine staatlich anerkannte Privatschule mit einem breiten Angebot für Kinder mit und ohne motorische Einschränkungen. Die moderne Ganztagesschule mit Internat bietet elf Bildungsgänge unter einem Dach – von der Grundschule bis zum Gymnasium. Das breite Spektrum unterschiedlicher Unterrichts- und Betreuungsformen sorgt dafür, dass jeder Schüler individuell gefördert werden kann.

stephenhawkingschule.de
Text: Andreas Stanita
Fotos: Julian Beekmann

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