Warum Klischees krank machen

Prof. Dr. habil. Claudia Luck-Sikorski forscht zur Stigmatisierung von Übergewichtigen.

Welche Klischees müssen Adipöse ertragen?

Adipositaskranke werden als willensschwach, faul und als Menschen beschrieben, die es nicht hinbekommen, ihren Körper in Form zu halten. Eine Patientin hat mir erzählt, wie eine Bekannte beim Besuch bei ihr zu Hause staunte: Bei dir ist es ja schön! Da ist ihr bewusst geworden – weil mein Körper so aussieht, halten mich viele für unordentlich.

Warum ist nichts dran an diesen Klischees? 

Man hat versucht, die „adipöse Persönlichkeit“ zu finden – das ist nicht gelungen. Klischees sind aber hartnäckig. Unser Hirn definiert ständig Gruppen, um uns die Entscheidung zu vereinfachen. Passt der zu mir, möchte ich mit dem interagieren oder nicht? Bei Adipositas sind wir sehr schnell bereit, die Klischees anzuwenden. Und wenn wir jemanden treffen, der dick, aber nicht faul ist, dann stecken wir ihn in eine Sonderkategorie, die berühmte Ausnahme. Unser Weltbild ändern wir deswegen noch lange nicht. Das ist das Besondere an der Stigmatisierung. 

Warum machen sich Normalgewichtige so viele Gedanken über Menschen mit Übergewicht, die sie persönlich gar nicht kennen? 

Jeder von uns hat eine subjektive Theorie, wie das mit dem Körpergewicht so funktioniert. Gern übertragen wir die auf andere. Mir fällt es leicht, auf Essen zu verzichten; da kann man sich mal zusammenreißen … Mit der allgegenwärtigen Idee der Gesellschaft, gesund bis ins hohe Alter zu sein, wertet das Menschen massiv ab, die diesem Ideal nicht entsprechen können. Menschen, die aufgrund der genetischen Ausstattung und gewissen Vorbelastungen nicht in der Lage sind, ein Idealgewicht zu erreichen. 

Was macht das mit den Menschen? 

In letzter Konsequenz macht das krank. Wenn ich mich selbst beschuldige, dass ich etwas falsch gemacht habe, kann jeder sich vorstellen, dass man sich unwohl in seiner Haut fühlt. Das Ess- und Bewegungsverhalten wird negativ beeinflusst. Wenn ein stark Übergewichtiger ins Fitnessstudio geht und feststellt, dass die Geräte dort nicht dazu da sind, den schweren Körper zu tragen und die anderen komisch gucken, der Trainer einen auch noch anders behandelt, dann geht er da nicht wieder hin.  

Ist es manchmal auch gut, von außen einen Anstoß zu bekommen? 

Je größer der Druck von außen, desto schneller bestellen Menschen Pillen aus dem Internet und machen Diäten, die langfristig eher zu einer Gewichtszunahme führen. Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr sensible Ansprache durch Angehörige oder Ärzte, vorsichtig, wertschätzend, nicht beschämend. 

Prof. Dr. habil. Claudia Luck-Sikorski ist Psychologin am Adipositaszentrum des SRH Wald-Klinikums Gera und Professorin an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera. Sie forscht zur Stigmatisierung von Übergewichtigen. 2018 wurde ihr von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V. der Forschungspreis für hervorragende Leistungen im Bereich der Adipositas-Forschung verliehen. Die Studien ihrer Projektgruppe machen klar, dass Vorurteile gegenüber Menschen mit Adipositas die Krankheit begünstigen und gar verschärfen.

gesundheitshochschule.de
Interview: Katrin Wiesner  
Foto: Richard Lehmann

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